Interview mit Iris Bethge-Krauß, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Öffentlicher Banken, VÖB

Interview mit Iris Bethge-Krauß, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Öffentlicher Banken, VÖB

„Corona und die Folgen – Perspektiven für die öffentlichen Banken!“

Iris Bethge-Krauß, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Öffentlicher Banken, blickt in ihrem Blog-Interview auf die letzten Monate der Corona-Pandemie zurück und sieht das Geschäftsmodell „Bank“ trotz des herausfordernden Umfeldes als intakt. Auf die öffentlichen Banken sieht sie zukünftig eine noch gewichtigere Rolle zukommen.

Wie blicken Sie für die öffentlichen Banken auf die letzten Monate zurück?

Ohne Zweifel waren die letzten Monate für uns alle eine Ausnahmesituation, in der das Corona-Virus das Leben in Deutschland bestimmt hat. Und trotz zunächst erfolgreich angelaufener Impfkampagnen zeigen uns die wieder steigenden Infektionszahlen in ganz Europa, dass wir uns immer noch mitten in der Pandemie befinden. Die Unsicherheit und damit die Belastung der Wirtschaft werden bleiben. Noch liegt die Krise nicht hinter uns. Wichtig ist jetzt vor allem, dass Wirtschaft und Gesellschaft nicht nochmals durch einen Lockdown belastet werden, dessen Folgen unabsehbar wären.

Die deutsche Volkswirtschaft hat im Großen und Ganzen eine erstaunliche Robustheit gegenüber den Erschütterungen an den Tag gelegt. Viele große und kleine Unternehmen haben in guten Zeiten gut gewirtschaftet, so dass sie die Krise überstehen konnten. Zahlreichen Unternehmen setzen die Corona-Bedingungen jedoch weiterhin zu. Insofern ist es auch sinnvoll, die Stabilisierungsmaßnahmen fortzuführen. Auch ermöglicht das Niedrigzinsumfeld günstige Refinanzierungen. Aus Letzterem resultiert jedoch für Banken ein geldpolitisch herausforderndes Geschäftsumfeld. Dennoch steht für mich außer Frage, dass unsere Banken immer wieder die richtigen geschäftspolitischen Antworten finden werden und dass die Geschäftsmodelle je nach Situation nachjustiert werden und intakt sind.

Gilt diese Einschätzung auch oder besonders für die öffentlichen Banken?

Sie gilt besonders für die öffentlichen Banken. Ihnen kommt bei den Stabilisierungsmaßnahmen und beim Wiederaufbau der Wirtschaft nach der Krise eine Schlüsselrolle zu. Die Förderbanken des Bundes und der Länder haben sich der Mammutaufgabe „Corona-Förderprogramme“ sehr erfolgreich gestellt. Weit mehr als 100 zusätzliche Förderprogramme haben die Institute seit April 2020 umgesetzt. Insgesamt wurde die deutsche Wirtschaft im letzten Jahr mit Zuschüssen im Gesamtwert von 27,3 Milliarden Euro unterstützt. Insbesondere durch den Anstieg der Bürgschaften und Haftungsfreistellungen auf 34 Milliarden Euro konnten zahlreiche Unternehmensfinanzierungen ermöglicht werden. Die Bereitschaft der höheren Risikoübernahme durch den Staat führte auch dazu, dass sich die Darlehenszusagen im Jahr 2020 um mehr als 30 Milliarden auf 92 Milliarden Euro erhöht haben. Auch die Landesbanken waren starke Partner, in dem sie etwa dem Mittelstand mit günstigen Krediten zur Seite standen oder als Durchleitinstitute für die Sparkassen.

Die Bedeutung der öffentlichen Banken wird aber auch darüber hinaus – also jenseits der reinen Krisenbewältigung – weiter zunehmen. Wenn die von den Staaten gegebenen fiskalischen Impulse durch Konjunkturpakete auslaufen, wird es darum gehen, wachstumsfördernde Maßnahmen zu ergreifen – Stichwort: Potentialwachstum. Hier muss die nächste Bundesregierung Antworten auf tendenziell wachstumshemmende Effekte wie die demografische Entwicklung finden oder wachstumsfördernde Potentiale wie die Digitalisierung entfalten. Dabei können öffentliche Banken eine entscheidende Rolle einnehmen. Dies gilt für Förderbanken als unmittelbar wirkendes wirtschaftspolitisches Instrument ihrer Träger. Und es gilt für Landesbanken, als professionelle Geschäftsbanken mit Fokus auf der regionalen Wirtschaft.

Das geldpolitisch herausfordernde Umfeld macht es nicht nur den deutschen Banken schwer, Geld zu verdienen. Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels?

Wenn Sie darunter einen Kurswechsel der Notenbanken weg von einer ultra-lockeren Geldpolitik verstehen, dann sehe ich diesen mittelfristig – jedenfalls im Euroraum – nicht. Die Minuszinsen und eine durch Anleihekäufe aufgedehnte EZB-Bilanz werden längere Zeit Realität bleiben, um die Finanzierungskonditionen für Staaten und Wirtschaft günstig zu halten.

Aber machen wir uns nichts vor: Durch die Größe und Wucht der Maßnahmen werden andere makroökonomische Herausforderungen größer und in Kombination und auf Dauer könnten die Entwicklungen irgendwann sogar die Finanzstabilität gefährden. Zwar haben die Notenbanken mit ihren Unterstützungsmaßnahmen einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise geleistet. Dieses Engagement hat jedoch einen hohen Preis. Denn die Kehrseite der Medaille sind aus Sicht der Anleger „Asset-Blasen“, aus Sicht der Wirtschaft marktverzerrende Eingriffe und aus Sicht der Banken massive Belastungen der Profitabilität sowie der Ertragskraft. Es braucht deshalb eine klare Perspektive für die Rückführung der Anleihebestände sowie ein Ende der Minuszinspolitik. Aus einem „low for longer“ darf sich kein Automatismus zu einem „low forever“ entwickeln“.

Oft wird die Corona-Pandemie als Zäsur verstanden, teilen Sie diese Einschätzung?  

Die Corona-Krise wirkt als Katalysator, sie beschleunigt Klimaschutz, Nachhaltigkeit oder die Digitalisierung. Das ist durchaus positiv. Wir sind gefordert, uns intensiver den Themen zu stellen und noch bessere Lösungen zum Beispiel bei der Nutzung von Wasserstoff oder bei der Digitalisierung von Bildungsangeboten zu entwickeln. Und die öffentlichen Banken gehen da mit vielen Beispielen voran: So sind die Förderbanken auch Treiber der Digitalisierung mit Programmen wir der „Innovationsfinanzierung 4.0“ der L-Bank oder mit dem „Digitalbonus Thüringen“ der Thüringer Aufbaubank. Auch nachhaltiges Wirtschaften sehen wir als Chance. Nutzen wir also das Potential, das Krise und Wandel in sich tragen, und stellen wir die Weichen für eine starke, ökologisch nachhaltige deutsche Wirtschaft.

In Europa brennen die Wälder, in Deutschland kam es zur Flutkatastrophe. Das Thema „nachhaltige Transformation der Wirtschaft“ bestimmt den Bundestagswahlkampf. Welche Rolle kann die Finanzwirtschaft bei der Transformation spielen?

Der Sektor hat eine Schlüsselfunktion. Das ist der Industrie in allen Säulen auch bewusst. Banken und Investoren steuern über ihre Kapitallenkungsfunktion Investitionsentscheidungen und sind damit mit die wichtigsten Player für eine erfolgreiche Transformation. Die öffentlichen Banken, die ihre Eigner bei der Umsetzung ihrer gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Ziele unterstützen, stehen hier im Fokus. Insbesondere die Förderbanken sind den Zielen ihrer Träger in besonderer Weise verpflichtet und fördern primär in Geschäftsfeldern, in denen der Markt keine ausreichenden Lösungen bietet oder aber bestimmte Entwicklungen beschleunigt werden sollen. Das Förderangebot wird daher zukünftig noch stärker auf die nachhaltige Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft ausgerichtet sein – hierbei bringen wir uns als Verband intensiv ein.