Interview mit Felix Hufeld, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht

Niedrigzinsen, Corona-Krise und nachhaltige Geschäftsmodelle – 2020 ist kein leichtes Jahr für die Bankenwelt. Wir sprachen mit Felix Hufeld, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), im Interview über diese Themen und welche Handlungsempfehlungen sich daraus ableiten lassen.

Wieso fällt es Banken schwer, auf das aktuelle Niedrigzinsumfeld zu reagieren?

Zunächst einmal: Die Zinsen sinken nicht erst seit gestern, sondern schon seit längerer Zeit. Insbesondere in den Jahren zwischen 1995 und 2001 ist die Zinsmarge stark gefallen – danach war sie nur noch leicht rückläufig. Seit etwa 2001, also seit fast zwei Dekaden, ist die Zinsmarge sogar relativ konstant. Die Probleme liegen also tiefer als nur bei den Entscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB) aus den vergangenen Jahren. Richtig ist aber: Wir müssen mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Zinsen so oder so noch eine ganze Weile niedrig bleiben. Außerdem ist die Gefahr groß, dass sich die Konjunktur weiter eintrüben wird, von direkten und indirekten Konsequenzen der Corona-Pandemie ganz abgesehen. Es ist diese heikle Gemengelage aus niedrigen Zinsen, nachlassender Konjunktur, Corona-Krise und neuer digitaler Konkurrenz, die der Finanzbranche Kopfzerbrechen bereiten muss. Die eigentlich entscheidende Frage lautet aber: Wie gehen Aufsicht und Banken damit um? Die Finanzbranche muss hart anpacken, alte Gewohnheiten, Prozesse, Komplexitäten, Produktvielfalt und Geschäftsmodelle gründlich auf den Prüfstand stellen. Und es ist gut zu sehen, dass viele Institute und Verbünde dies auch bereits tun. Das ist wichtig und richtig. Für uns als BaFin jedenfalls ist die Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle ein Schwerpunkt unserer Aufsicht in diesem Jahr. Wir werden uns sehr genau ansehen, wie die Institute ihre Ertragsschwäche angehen – und was sie tun, um langfristig am Markt zu bestehen.

Wie werden die Maßnahmen der Aufsichtspraxis an die Corona-Krise angepasst?

Der Ausgangspunkt der Corona-Krise ist keine Finanzkrise, sondern ein gewaltiger exogener Schock für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft. In diesem Stadium der Krise liegt unsere zentrale Herausforderung darin, ein Übergreifen auf die Finanzbranche zu minimieren. Wir als BaFin sprechen wie sonst auch jeden Tag mit vielen Bankern und Branchenvertretern. Auf Grundlage von weltweiten Finanzmarktdaten und wichtigen Kennzahlen der Institute bewerten wir die Covid-19-Lage ständig neu. Dazu stimmen wir uns intensiv mit nationalen, europäischen und internationalen Kollegen ab.

Außerdem haben wir bereits eine Vielzahl an operativen Erleichterungen ausgesprochen, um Banken und weiteren Finanzdienstleistern mehr Freiräume zu schaffen. Wir gehen auch als Finanzaufsicht damit an die Grenzen dessen, was wir für vertretbar halten. Aber nicht darüber hinaus. Wer allerdings auf Deregulierung hofft, den muss ich enttäuschen. Nachdem die Hochphase der Krise überwunden ist, werden wir schrittweise wieder in den Normalzustand zurückkehren. Eine schleichende Verstetigung von vielen Erleichterungen, die wir ausschließlich als Reaktionen auf eine außergewöhnliche Krise für geboten halten, wird es nicht geben.

In der Krise kommt es vor allem auch auf eine zeitnahe und offene Kommunikation an. Ein Beispiel ist ein Frage-Antwort-Katalog der BaFin speziell zu Covid-19, den wir auf unserer Internetseite ständig aktualisieren.

Welchen Rat würden Sie den Banken im „Krisenjahr 2020“ geben?

Was ohne Krise richtig war, ist es in Zeiten der Krise erst recht. Die Vorstände in Deutschlands Banken müssen sich weiterhin sehr intensiv mit neuen Konzepten und Geschäftsmodellen auseinandersetzen. Kurzfristig steht allerdings neben der operationellen Funktionsfähigkeit der Finanzinstitute insbesondere die Notwendigkeit im Vordergrund, sich bestmöglich auf notleidende Kunden und steigende Kreditausfälle vorzubereiten. Dazu gehört in der derzeitigen Situation auch – und das haben wir als BaFin bereits sehr deutlich zum Ausdruck gebracht – die Kapitalausstattung nicht durch unzeitgemäße Gewinnausschüttungen zu schwächen. Ganz ähnlich haben sich auch die Europäische Zentralbank, die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA und die weiteren nationalen Aufsichtsbehörden in Europa geäußert. Die Milliarden an öffentlichem Geld, die Freiräume, die wir den Banken derzeit geben, dürfen nicht dadurch konterkariert werden, dass an anderer Stelle Kapital aus dem System abfließt. Die nächsten 12 bis 24 Monate werden auch für die Finanzwirtschaft ganz erhebliche Belastungen mit sich bringen.

 

Vielen Dank an Felix Hufeld für das Interview.