Interview mit Dr. Birte Sewing, COO finleap

In diesem Interview sprachen wir mit Dr. Birte Sewing, COO finleap, über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Fintech-Szene, welche Learnings man daraus ziehen kann, Expansionsstrategien von finleap in Europa und was die Bankenbranche im Bereich Digitalisierung noch nachzuholen hat.

Welche Auswirkungen wird die Corona-Krise auf die Fintech-Szene haben?

Die Corona-Krise ist beispiellos und das radikalste, was ich bisher in meinem Berufsleben erlebt habe und da schließe ich die Finanzmarktkrise mit ein. Die aktuelle Situation hat natürlich Auswirkungen auf die Art, wie wir als Unternehmen mit Kollegen und mit Partnern zusammenarbeiten.Hier waren die meisten Fintechs bereits sehr gut aufgestellt, jedoch wird die mobile, Remote-Arbeit sicher in der Zukunft einen höheren Stellenwert einnehmen.

Wirtschaftlich ist die Krise auch für die Fintech-Branche eine extreme Herausforderung, wenngleich Fintechs meiner Einschätzung nach weniger betroffen sein werden als Start-Ups anderer Branchen. Insbesondere B2B- und Platform-Modelle haben eine gute Chance, mittel- und langfristig als Gewinner aus der Krise hervorzugehen.

In Bezug auf Finanzierungsrunden werden wir eine stärkere Teilung sehen. Es wird Erfolgsgeschichten geben, die zeigen, dass Unternehmen mit einem klaren Geschäftsmodell und einem starken Team sich deutlich absetzen werden. So beispielsweise die kürzlich bekanntgegeben Investitionsrunden von Penta oder dem solarisBank Partner TradeRepublic. Es wird aber auch genauso Investoren geben, die aktuell ihre Investitionen zurückstellen und bewusster bzw. zurückhaltender agieren.

Um den Markt grundsätzlich zu stärken, begrüßen wir das Maßnahmenpaket des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und des Bundesministeriums der Finanzen, das Start-Ups in der wirtschaftlichen Krise, ausgelöst durch das Coronavirus, unterstützen soll.

Was lernen Sie bei finleap aus der Coronavirus-Pandemie?

Schnelle, klare Reaktionen und hohe Transparenz gegenüber Mitarbeitern und Partnern sind unermesslich – das zeigt sich aktuell sehr stark.

Wir haben im Führungsteam von finleap sehr schnell reagiert und Vorkehrungen getroffen, um die Gesundheit unserer Mitarbeiter zu schützen und den laufenden Betrieb zu garantieren. Wir sind gut für die Krise und die Auswirkungen gerüstet. Auf dem Weg mussten wir natürlich auch schwere Entscheidungen treffen, wichtig ist dabei ein möglichst hohes Maß an Transparenz gegenüber den Beteiligten.

Die enge Zusammenarbeit mit unseren 10 Portfoliounternehmen hat uns geholfen, trotz der Unsicherheit schnell gemeinsame Entscheidungen treffen zu können. Im Umgang mit der Pandemie konnten wir auch gut voneinander lernen und Best Practices austauschen, beispielsweise wie trotz Home Office vertriebliche Aktivitäten erfolgreich möglich sind.

Weiterhin hat sich gezeigt, wie wichtig der offene Dialog mit unseren Investoren und auch unseren Geschäftspartnern ist. Hohe Verlässlichkeit in der Zusammenarbeit zahlt sich hier aus. Es ist toll zu sehen, wenn trotz Krise beispielsweise die solarisBank eine Kooperation mit der Otto GmbH verkündet oder ELEMENT, unsere digitale White Label Versicherungsplattform, die Zusammenarbeit mit der VW Gruppe ausbaut.

Wir sehen auch, wie viel man mit neuen Ideen und guter Zusammenarbeit erreichen kann. Gemeinsam mit führenden deutschen Technologie-Unternehmen haben wir die GesundZusammen Initiative gegründet, aus der ein Accelerator Programm hervorging. Die Initiative und der Accelerator haben das Ziel mit innovativen und digitalen Lösungen die Pandemie einzudämmen.

Es wird klar wie wichtig die Digitalisierung ist und wie viele Möglichkeiten sie für die Financial Service Branche bereithält. Es gibt zahlreiche Gelegenheiten neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und die Wertschöpfungskette durch digitale Angebote zu erweitern. Wir sind als Fintech Ökosystem, dazu richtig aufgestellt und freuen uns gemeinsam die Zukunft des Finanzwesens Europaweit mit unseren Partner neu zugestaltet.

Was sind die Eckpunkte der Expansionsstrategie von finleap im europäischen Raum?

finleap ist das führende Fintech Ökosystem in Europa. Wir haben Offices in Hamburg Frankfurt, Mailand, Madrid und Paris. Unsere Portfolio-Unternehmen sind in insgesamt 15 europäischen Märkten vertreten. Durch das Erschließen neuer Märkte erweitern wir so das Angebot für unsere Partner im europäischen Raum. Im Rahmen des weiteren Wachstums schließen wir auch eine darüber hinausgehende internationale Expansion nicht aus. Durch unsere starken internationalen Investoren sind wir dafür schon jetzt gut aufgestellt.

Was hat die Bankenbranche in Sachen Digitalisierung nachzuholen?

Banken brauchen mehr Schnelligkeit. Ich glaube, dass die Banken, wenn sie nicht beweglicher werden, langfristig beim Tempo der Fintechs nicht mithalten können. Wenn wir das in Europa nicht lösen, werden wir sehr bald den internationalen Anschluss verlieren. Viele Fintechs haben in den letzten Jahren gezeigt, dass man sie ernst nehmen muss. Es gibt bedeutende Player, die schon lange keine kleinen Start-Ups mehr sind, die sich ausprobieren. Sie arbeiten nach den gleichen Richtlinien und der gleichen Regulatorik wie jedes andere regulierte Finanzinstitut auch. Sie haben Strukturen, hochqualifizierte Mitarbeiter, aber haben eben auch den Vorteil agiler zu sein und somit schneller entscheiden zu können.

Durch die aktuelle Krise wird sich der Trend zur Digitalisierung noch weiter beschleunigen. In den letzten Wochen ist die Nutzung digitaler Angebote noch einmal sprunghaft gestiegen und die Akzeptanz hat sich stark erhöht. Demnach erwarte ich, dass sich traditionelle Unternehmen verstärkt auf die Umsetzung digitaler Strategien konzentrieren werden. Zum Beispiel ist es innerhalb der Finanzdienstleistungen so gut wie sicher, dass sich dies entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Banken, Versicherungen und Asset Managern beschleunigen wird. Konkret werden die Unternehmen versuchen, neue digitale Modelle zu entwickeln oder bestehende zu verbessern. Zwei wichtige Bereiche sind hier beispielhaft Lösungen für Kundenschnittstellen und Front-End-Module sowie digitale Prozesse zur Effizienzsteigerung im Middle- und Backoffice.

Sowohl unsere Portfolio-Unternehmen als auch finleap connect, unsere Software- und Technologieplattform, stehen in engen Austausch mit ihren Partnern und arbeiten an neuen Geschäftsmodellen und konkreten Lösungen, um die Transformation des Kerngeschäftes zu unterstützen.