Interview mit Dirk Kruse, SAP Deutschland

Interview mit Dirk Kruse, SAP Deutschland

Herr Kruse, lassen Sie uns mit einem Rundumschlag starten. Welche Lehren haben Sie aus den vergangenen Monaten seit Ausbruch der Pandemie gezogen?

Es hat mich sehr beeindruckt, wie schnell viele Unternehmen komplett auf virtuelle Abläufe umgestellt haben. Der Technologie- und IT-Sektor hat hiervon stark profitiert – denken Sie nur an Unternehmen wie Zoom, die vor der Krise kaum jemand kannte. Jedes Unternehmen hat mittlerweile verstanden, welche wichtige Rolle Technologie spielt, um wettbewerbsfähig zu sein.

Nehmen Sie die Zukunft der Arbeit als Beispiel: Ich bin mir sicher, dass wir nach der Pandemie nicht mehr komplett auf das alte Modell umschalten werden. Dinge wie mobiles Arbeiten von überall oder virtuelle Meetings statt Geschäftsreisen werden zunehmend Bestandteil unseres Arbeitslebens. Ich denke, dass uns die Pandemie noch mal eindrücklich vor Augen geführt hat, dass wir massiv umdenken müssen – sei es beim Thema Nachhaltigkeit, in der Art und Weise, wie wir Geschäfte machen, aber auch, wie wir leben und arbeiten wollen.

Und was hören Sie von Ihren Kunden?

Da ist die Wahrnehmung sehr ähnlich. Egal, mit welchem Kunde ich spreche: Keiner stellt mehr infrage, dass man sich digital transformieren muss. Und auch in der Finanzindustrie hat die Pandemie noch mal die Umsetzung beschleunigt. Die Nutzung von Online-Diensten hat, gerade durch die Lockdowns, immens zugenommen. Kunden erwarten, dass Ihnen die Leistungen, die sie normalerweise in der Filiale bekommen, auch einfach und sicher online zur Verfügung stehen. Oder nehmen Sie ein anderes Beispiel: Selbst beim Bäcker bei uns im Ort kann ich mittlerweile kleine Beträge mit Karte zahlen. Laut Bundesbank wurden im Jahr 2020 von allen erfassten Zahlungen 30 % mit einer Karte getätigt – 2017 lag dieser Wert noch um sieben Prozentpunkte niedriger. Das erscheint vielleicht nicht viel, zeigt aber ganz klar, dass sich das Verhalten von Konsumenten ändert.

Die Pandemie hat viele Unternehmen praktisch über Nacht dazu gezwungen, ihre Geschäftsmodelle umzustellen. Welche Auswirkungen hat das auf die Finanzdienstleistungsindustrie?

Grundsätzlich kann man sagen, dass sich die Finanzindustrie schon vorher im Wandel befand und verglichen mit manchen anderen Industrien bereits stark in Technologie investiert hat. Unternehmen wie Google, Amazon und Apple haben vorgemacht, wie schnell, einfach und nahtlos digitale Prozesse ablaufen können. Und diese einfache Nutzererfahrung, die Kunden aus dem Privatleben kennen, erwarten sie auch von ihren Geschäftspartnern. Gleichzeitig spielen bei Finanzdienstleistern regulatorische Anforderungen, steigender Kostendruck und zunehmende Konkurrenz von reinen Onlineanbietern eine entscheidende Rolle, um nur ein paar der Treiber zu nennen. Nichtsdestotrotz müssen sich natürlich auch Finanzdienstleister Gedanken machen, wie sie nicht nur heute, sondern auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben.

Was heißt das konkret?

Das eigene Geschäftsmodell kritisch zu hinterfragen und darüber nachzudenken, wie sich das Kerngeschäft um weitere Produkte und Dienstleistungen erweitern lässt – immer mit dem Kunden im Fokus. In meinen Gesprächen mit Kunden merke ich, dass hier ein Umdenken stattfindet. Nicht mehr das eigene Produkt steht im Mittelpunkt der Überlegungen, sondern die Frage, wie ich meinen Kunden das bieten kann, was sie brauchen. Das kann auch heißen, sich mit anderen Marktteilnehmern innerhalb von globalen Ökosystemen über Unternehmensgrenzen hinweg zu vernetzen und zusammenzuarbeiten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Im Bereich betriebliche Altersvorsorge tun sich verschiedene Unternehmen aus der Versicherungswirtschaft zusammen. Andere Unternehmen kooperieren mit Drittanbietern, zum Beispiel von Versicherungen oder Finanzierungen. Ein solcher Schulterschluss wird immer wichtiger, um Kundenerwartungen zu erfüllen und in einem schnell wachsenden Wettbewerbsumfeld konkurrenzfähig zu bleiben. Wenn man sich konsequent an den Bedürfnissen des Kunden ausrichten möchte, gilt es, einzelunternehmerische Interessen zu hinterfragen und gemeinsam mit Partnern ein einzigartiges Kundenerlebnis zu schaffen.

Sie haben auch das Thema Nachhaltigkeit angesprochen. Was sehen Sie hier insbesondere in Bezug auf die Finanzindustrie?

Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema für Finanzdienstleister. Kunden kommen zunehmend deswegen auf uns zu. Investoren, Stakeholder und Anleger bemessen Kapitalanlagen immer stärker an ihren positiven Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft, und auch der EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums als Teil des Green Deals, der die EU bis 2050 klimaneutral machen soll, steckt wichtige Rahmenbedingungen für die Finanzwirtschaft ab. Kunden achten inzwischen sorgfältig darauf, ob ihr Finanzdienstleister sich glaubwürdig für Nachhaltigkeit einsetzt. Das betrifft das Anlageverhalten ebenso wie das Kreditgeschäft. Hier entstehen teilweise ganz neue Modelle, wie etwa „pay per use“, die weggehen vom klassischen Kredit. Für uns stehen hier unsere Kunden im Fokus, und im gemeinsamen Gespräch loten wir aus: Wohin geht der Weg? Was sind die Erfahrungen im Austausch mit den Kunden? Und wie können wir sie dabei bestmöglich unterstützen?

Herr Kruse, vielen Dank für das Gespräch!

Dirk Kruse ist Senior Vice President und Leiter Service Industries bei SAP Deutschland und wird zum 1. September CEO von SAP Fioneer, ein Experte für innovative, speziell auf die Finanzdienstleistungsbranche zugeschnittene Softwarelösungen und Plattformen.