Die Banken müssen sich sehr ernsthaft fragen, wohin sie mit ihrem Geschäftsmodell wollen

Interview mit Frédéric Brunier über Future of Banking

Future of Banking

„Die Banken müssen sich sehr ernsthaft fragen, wohin sie mit ihrem Geschäftsmodell wollen“, Frédéric Brunier, Managing Director, Head Accenture Strategy in Financial Services (DACH).

Banking der Zukunft ist eines Ihrer Kernthemen, Herr Brunier. Wie sieht die Zukunft des Bankgeschäfts Ihrer Meinung nach aus?

Frédéric Brunier:
Die erste Welle der Digitalisierung liegt bereits hinter uns. Die Banken haben viel in Kundendienstleistungen investiert und verschiedene Kanäle wie Mobile Banking und den digitalen Vertrieb integriert. Trotzdem sind die Banken tendenziell noch zu langsam und zu teuer in der Umsetzung.

Bedauerlich ist zudem, dass bisher die großen Innovationen aus dem Ausland kommen, wenn man sich beispielsweise die Metrobank oder die mBank aus Polen anschaut. Der innovative Durchstich fehlt der deutschen Bankenlandschaft noch.

Zum Beispiel ist Pay direct prinzipiell der richtige Weg. In Schweden und Großbritannien existiert diese Lösung schon, während sie bei uns noch nicht operativ ist. In Deutschland werden die Grundbedürfnisse des Banking bisher bedient durch ebanking, mobile Apps, etc. Bei all den Neuerungen stellen sich jedoch die Fragen: Wo liegt der Mehrwert für den Kunden? Was ist das Ertragsmodell für die Bank? Worin steckt die Mehrwertdienstleistung, für die der Kunde bereit ist zu bezahlen? Gibt es ein digitales Kundenerlebnis, das sich mit dem in anderen Branchen vergleichen lässt?

Ein weiteres Schlagwort in diesem Kontext ist Robotic Advisory. Je nach Kundensegement und Bedürfnis wird die Nachfrage nach persönlichen Beratern peu à peu abnehmen, die nach maschinengesteuertem Rat dagegen zunehmen. Dadurch ergibt sich die Notwendigkeit eines neuen Vertriebsmodells für die Zukunft.

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung denn auf die Geschäftsmodelle der Banken?

Frédéric Brunier:
Die Banken müssen sich sehr ernsthaft fragen, wohin sie mit ihrem Geschäftsmodell wollen. Wollen sie sich reduzieren auf eine reine Infrastrukturdienstleitung und das Feld der Mehrwertdienstleistungen im Großen und Ganzen den Spielern der Start-up-Szene mit ihren singulären Angeboten oder Technologiegiganten wie Google überlassen?

Oder wollen die Banken Teil des Ecosystems innerhalb des Gesamtmarktes werden? Wollen sie mit und am Kunden arbeiten und Mehrwert durch ganzheitliche Kundenerlebnisse schaffen? Dieses erstrebenswerte Ziel kann nur durch eine mutig vorangetriebene Digitalisierung erreicht werden. Es gilt in diesem Zusammenhand zu bedenken, dass die Bruttomargen stark unter Druck sind und diese Entwicklung vorerst nicht aufzuhalten ist. Die Zeiten von einem Margenniveau sowohl für Retail als auch im Privat- und Firmenkundengeschäft von über 100 Basispunkten sind vorbei. Der zukünftige Benchmark für das Anlagegeschäft liegt bei automatisierten ETF‘s mit 20 – 30 Basispunkten.

Wie wird denn die nächste bevorstehende Welle der Digitalisierung konkret aussehen?

Frédéric Brunier:
Die Grundbedürfnisse des Bankkunden, was Dienstleistungen angeht, sind abgedeckt. Zunächst wird es also darum gehen, die Anpassung der bankinternen Prozesse und der Ablauforganisation zu vollziehen, so dass Brüche in Prozess und System überwunden werden. Ziel muss es sein, dem Kunden ein ganzheitliches Erlebnis zu ermöglichen.

Nehmen wir das Beispiel Kontoeröffnung: Bisher geht der Bankkunde in die Filiale, um sich auszuweisen und anschließend mit einem Papierberg nach Hause, wo er dann einige Wochen auf seine Girokarte wartet. Zukünftig könnte dieser Prozess so aussehen – Singapur macht es vor – dass der Kunde direkt mit seiner Bankkarte – überspitzt dargestellt – „aus dem 3D-Drucker“ aus der Filiale kommt und die Kontoeröffnung damit abgeschlossen ist.

Ein weiteres Beispiel ist der Kreditantrag: Banken könnten prinzipiell für jeden Bestandskunden eine Kreditlinie vorhalten. Der Antrag könnte dann automatisch per online-Eingabe über PIN Code gestellt und ebenfalls über PIN genehmigt und „unterschrieben“ werden – dies quasi in Echtzeit.

Die Kernfrage lautet: Was braucht der Kunde und wie kann dies als Mehrwert für die Banken ausgebaut werden? Die Banken sollten den Finanzbedarf des Kunden proaktiv genau kennen, so dass das Kundenerlebnis Teil der Wertschöpfungskette im täglichen Leben des Kunden werden kann.

Die FinTechs haben das für sich erkannt. Globale Investments in FinTechs haben sich im letzten Jahr verdreifacht. Sehen Sie darin eine Bedrohung oder eine Chance für die Banken?

Frédéric Brunier:
Zunächst einmal muss dahingehend differenziert werden, dass nur ca. 20% der FinTechs mit ihren Leistungen die Banken tatsächlich angreifen, also subsitutierend sind, wie beispielsweise das kostenlose Girokonto Number 26 oder das Berliner Startup Bergfürst. 80% der FinTechs bieten eher komplementäre Dienstleistungen zu denen der Banken. Die Banken sollten diese Dienste nicht als Bedrohung sehen, sondern sich im Gegenteil die Innovationskraft der schnellen FinTech-Startups zu Nutze machen und Kooperationen zu beiderseitigem Vorteil eingehen. Dass so etwas möglich und erfolgversprechend ist, zeigt beispielsweise die Verbindung von Santander mit Funding Circle oder der Royal Bank of Scotland mit dem p2p-Marktplatz Assetz Capital.

Welche Chancen zur Innovation eröffnen sich aus Ihrer Sicht den etablierten Banken konkret?

Frédéric Brunier:
Insbesondere bieten Kooperationen mit FinTechs die Möglichkeit, Innovationen schnell von außen zu integrieren und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, um so der drohenden Schrumpfung der Wertschöpfung von Banken entgegen zu wirken.

Schauen wir einmal in die Autobranche: Mit der Serie BMWi wurde bewusst die Produktinnovation aus der Gruppe ausgegliedert. Die neuen Produkte wurden sogar mit diesem Brand im Markt eingeführt. Es ist also möglich, erfolgreich einen Prototypen zu entwickeln und diesen dann in die Gruppe zurückzuführen. Ähnliches ist auch im Bereich von gezielten Bankdienstleistungen denkbar.

Zudem gibt es bei den Banken bereits Vorreiter, die durch neue Entitäten innovative Dienstleistungen anbieten können und sich so einen neuen Kundenkreis erschließen. Ein Beispiel ist hier die polnische mBank.

Auch im Firmenkundengeschäft bietet es sich an, je nach Anlageklasse die Kreditvergabe teils gezielt auszugliedern. So wird eine weitere Assetklasse für Privatkunden geschaffen, während sich Firmenkunden Kredite sichern können. Zudem erhöht dies die Flexibilität für die Banken und beschleunigt die Kreditzusicherung dank reduzierter Regulierung.

Voraussetzung bei all diesen Modellen und Kooperationen ist eine offene Architektur. Der IT, den Daten und ihrer Strukturierung kommt eine ganz wesentliche Rolle zu. Um den Wandel proaktiv gestalten zu können, ist eine agile Steuerung unverzichtbar.

Wie sieht es in dem traditionell sehr individuell geprägten Wealth Management aus? Wird auch hier die Digitalisierung Einzug halten? Und wie wird sich dadurch Private Banking verändern?

Frédéric Brunier: Die Schweizer Banken sind bei der Digitalisierung im Privatkundengeschäft am weitesten fortgeschritten. Kunden und Kundenprofile spielen im Privatkundengeschäft eine wesentliche Rolle. Dreh- und Angelpunkt aller Innovationen sind der Kunde, seine Bedürfnisse und sein ganzheitliches Profil. Wir sprechen auch von einer 360°-Perspektive auf den Kunden. Denn trotz aller Drohkulissen halten die Banken den ganz wichtigen Schlüssel der Kundenkenntnis in ihrer Hand. Die Erhebung der Daten rund um den Kunden kann nur digital erfolgen und ausgewertet werden. Mit entsprechend guten, detaillierten Informationen können dann ganz individuelle Lösungen geschaffen werden. Der Kunde kommt heutzutage weniger in die Filiale, als dass man sich beispielsweise bei ihm zu Hause trifft oder mobil über Tablets kommuniziert. Der Kunde möchte überdies keine allgemeinen „Notifications“ mehr erhalten, sondern bereits ausgewertete Informationen mit den Auswirkungen auf sein Portfolio und daraus resultierend konkrete Handlungsvorschläge. Diese sind zielorientiert – etwa auf das Anlageziel ausgerichtet – und keinesfalls produktorientiert. Auch hierfür spielen die Daten und deren Analyse in Echtzeit eine ganz zentrale Rolle auch für das Vertrauen der Kunden in die Beratung. Wer jetzt die Chancen der Digitalisierung nutzt, eröffnet sich beträchtliche Wachstumschancen – und das nicht nur im Private Banking und Wealth-Management.

Hier geht es zum Accenture Banken Blog von Frédéric Brunier