„In spätestens zwei Generationen wird die Finanzwirtschaft komplett digital sein.“ – Interview mit Clas Beese

„In spätestens zwei Generationen wird die Finanzwirtschaft komplett digital sein.“ – Interview mit Clas Beese

Der Anteil an online-basierten Geschäftsmodellen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen und finletter Co-Founder Clas Beese glaubt, dass die Finanzwirtschaft in spätestens zwei Generationen komplett digital sein wird.

Herr Beese, welche Geschäftsmodelle haben aus Ihrer Sicht in den kommenden fünf bis zehn Jahren das größte Erfolgspotential?

Ich glaube, dass der B2C-Markt, also der Fintech-Markt für Verbraucher, gut vormacht, welche Möglichkeiten existieren. So lässt sich ein Wandel erkennen, wie Finanzdienstleistung in Anspruch genommen werden. Viele Geschäftsmodelle sind online, aber auch hybride Modelle – also Kunden, die sich online informieren, aber sich noch mal offline beraten lassen – finden sich auf dem Markt. Ich glaube, dass Verbraucher weiter sind als Unternehmer und dass deswegen der B2B-Fintech-Markt in den nächsten Jahren noch viel stärker wachsen wird. Dafür müssen auch die Strukturen durch den Wandel in den Unternehmen aufgebrochen werden. Während der länger tätige CFO noch mit dem Sparkassendirektor Golf gespielt und ihn deshalb einfach angerufen hat, wenn er einen Kredit brauchte, wird der moderne CFO eher eine Kreditvergleichsplattform in Anspruch nehmen, da er dies auch schon aus seinem privaten Umfeld kennt. Deswegen würde ich grundsätzlich sagen, dass der B2B-Markt die nächsten Jahrzehnte noch viel stärker wachsen wird.

Um die jungen Finanztechnologie-Unternehmen ist in den letzten Jahren ein regelrechter Hype entstanden. Kommt jetzt die Phase der Ernüchterung oder hält der Trend weiter an?

Ich glaube schon, dass die FinTechs gerade so stark gehypt sind, dass wir bald eine erste Delle erleben werden, weil das ganze Thema irgendwann überhitzt. Aber das ist ein ganz normaler Marktmechanismus. Solche Ernüchterungsphasen muss man akzeptieren. Weiterhin wird es auch eine Delle geben, wenn die Investoren merken, dass nur wenige ihrer Investments erfolgreich sind. Im Anschluss, glaube ich, wird es einen ganz langen, sanften Aufstieg geben, weil ich mir tatsächlich nicht vorstellen kann, dass in 30 Jahren die Jugend noch in eine Filiale gehen will, um eine Finanzdienstleistung in Anspruch zu nehmen. Man muss jetzt wirklich langfristig nach vorne denken, dass in spätestens zwei Generationen die Finanzwirtschaft komplett digital sein wird.

Wenn wir auch mal beim Bargeld zwei Generationen weiterdenken, glauben Sie, dass wir in 30 Jahren noch Bargeld haben werden?

Ich meine, dass Bargeld ein Tauschmedium ist und wir deshalb dem Bargeld so gerne vertrauen, weil unsere Zentralbanken relativ sorgfältig mit umgehen und dafür sorgen, dass wir keine oder nur wenig Inflation haben. Aber diese Mühe kann man sich natürlich auch mit digitalen Geld machen. Deswegen ist die Frage sehr stark davon abhängig, ob es Staaten bzw. supranationalen Organisationen, wie der EU oder der Europäischen Zentralbank, gelingt, dieses Vertrauen in ein Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel tatsächlich aufrechtzuerhalten. Wir haben heute schon eine Mischung aus elektronischem Geld und echtem Bargeld, aber auch anderen Tauschgegenständen, wie Gold. Ich persönlich glaube, dass die Diskussion um die Bargeldabschaffung gerade erst anfängt. Und meine größte Befürchtung an dieser Stelle gilt tatsächlich den Zahlungsmetadaten, die entstehen, wenn wir nur noch elektronisch bezahlen. Auf den Devices, mit denen wir den Zahlungsverkehr durchführen, auf den Servern, auf denen die Daten verarbeitet werden, aber auch bei den Anbietern, die dahinterstehen, kommen diese sehr interessanten Daten zusammen. Tech-Konzerne wie Google machen eindrucksvoll vor, was man mit Daten alles machen kann. Aber in solchen Metazahlungsdaten steckt einfach ein enormes Missbrauchspotenzial und die Diskussionen um den Schutz dieser sensiblen Daten wurden bisher nur annähernd geführt. Das muss sich ändern. Ich fürchte aber, dass die Politik das Problem noch nicht erkannt hat, sondern eher reagiert, wenn die Skandale tatsächlich da sind.

Deutschland ist berühmt-berüchtigt für seine sehr strengen Datenschutz-Richtlinien. Sehen Sie darin eher ein Innovationshemmnis oder profitieren wir – insbesondere im Finanzsektor – eher von diesen, teils restriktiven Richtlinien?

Die Datenschutzrichtlinien in Deutschland sind aus meiner Sicht als ehemaliger Fintech-Gründer völlig in Ordnung. Aber aus eben dieser externen Perspektive kann ich überhaupt nicht verstehen, warum die Banken ihre Kundendaten nicht klug nutzen. Ein kleines Beispiel: Zur Gründung meines Fintechs hatte ich einen Gründungszuschuss beantragt, das ist ein Fördergeld von der Agentur für Arbeit. Aus der Tatsache, dass ich über mein Privatkonto Geld vom Arbeitsamt bezog, wurde bei der Commerzbank geschlossen, dass ich arbeitslos sei. Darauf wurde mir einseitig mein Dispositionskredit gestrichen. Dieses Beispiel zeigt, dass Hemmnisse nicht unbedingt durch Datenschutz oder Datensicherheit entstehen, sondern eben auch durch die restriktive Unternehmenskultur in den deutschen Banken. Dieses Problem versuchen die Banken nun zu umgehen, indem sie die Innovationsarbeit externalisieren und Innovationslabore gründen, die sich von der Unternehmenskultur ein bisschen abkoppeln können.

Der Datenschutz ist also nicht der Grund dafür, dass Innovationen ins Stocken geraten? Was ist dann das Problem?

Grundsätzlich ist das Problem, dass wir heute mit digitalen Finanzprodukten arbeiten, das heißt, die Finanzdienstleistungen werden nicht mehr in Filialen erbracht, sondern im Internet. Auf den Markt der Finanzmarktregulatorik existiert eine BaFin, die ziemlich viel verbietet, da hier auch für neue Vorhaben die Finanzmarktregularien angewendet werden, die vor Jahrzehnten für Offline-Finanzmärkte entstanden sind. Aber die Online-Märkte funktionieren anders und brauchen angepasste Regularien. Aber das wird sicherlich noch Jahrzehnte dauern. Doch da muss man auch darauf achten, wie diese Produkte reguliert werden, wenn die Anbieter im Ausland sitzen beziehungsweise wenn die ihren Hauptsitz ins Ausland verlegen. Das ist auch ein Thema der G20 in diesem Halbjahr, bei der die Deutschen die Präsidentschaft übernommen haben. Ich glaube man muss das Thema Finanzmarkt auch global viel stärker angehen.

Wo wir gerade auch über Richtlinien sprechen: Was wird sich durch die geplante Zahlungsdienste-Richtlinie (PSD2) für Fintechs verändern?

Ich finde es einen guten und richtigen Schritt der EU, im Sinne der Verbraucher festzulegen, dass die Daten den Kunden gehören und diese selbst entscheiden können, wer drauf zugreifen darf. Durch die Zahlungsdienste-Richtlinie wird sich viel ändern. Wir werden nicht mehr bei einem Finanzdienstleister sein, der alles anbietet, sondern im modularen Sinne einkaufen. Und da halte ich es für wahnsinnig wichtig, dass man sich analog zu den App Stores überlegen kann, welches Finanzprodukt nutze ich denn jetzt. Und ich glaube, dass das den Markt durchaus effizienter, transparenter und besser macht.

Glauben Sie, dass die klassischen Banken auf lange Sicht überhaupt noch eine Zukunft haben werden?

Ja, ich glaube schon. Zum einen haben die Banken aus der Vergangenheit noch wahnsinnig viel Geld. Das ist grundsätzlich eine gute Voraussetzung, um so einen großen Veränderungsprozess wie die Digitalisierung zu starten. Zum andern haben die Banken auch einen besseren Kundenzugang und mehr Vertrauen bei den Kunden, als uns die Presse weismachen will. Auch das ist eine wahnsinnig gute Voraussetzung. Die Banken müssen sich organisatorisch völlig anders aufstellen. Filialen werden eben nicht mehr der primäre Weg sein, um die Kunden zu erreichen, sondern digitale Kanäle. Sehr wahrscheinlich werden auch hybride Modelle zwischen digitalen Kanälen und tatsächlichen Menschen gefragt sein. Die besten Voraussetzungen dafür haben in der Tat Banken und nicht Fintechs, die jetzt gerade bei null anfangen. Die Frage ist, wie schnell eine Bank diesen Veränderungsprozess für sich gestalten kann, ohne dass dabei womöglich einzelne Kundensegmente, wie die Generation 60+, zu verlieren. Hier muss man aufpassen, dass man die Kunden, die bevorzugt digital konsumieren und kommunizieren und diejenigen, die den persönlichen Kontakt vorziehen gleichermaßen mitnimmt. Hier ist gutes Timing der Banken gefragt.

Fällt Ihnen im Bereich der Banken ein Positivbeispiel ein, das hier bereits auf einem guten Weg ist?

Ein gutes Beispiel ist vielleicht die Commerzbank, die ja schon relativ früh die Comdirect Bank gegründet und gesagt hat: Okay, für die Kunden, die das digital haben wollen, die machen das erst mal bei der Comdirect. Mittlerweile ist die Commerzbank digitalisiert und nun wird darüber nachgedacht, ob man die Comdirect-Bank vielleicht wieder bei der Commerzbank integriert. Ich denke aber eigentlich sollte es umgekehrt sein und die Commerzbank müsste in die Comdirect-Bank integriert werden, weil das das Modell der Zukunft ist. Ein anderes Beispiel, was ich kenne ist die Erste Bank Österreich. Die hat eine Innovationsabteilung gegründet, die relativ autark gearbeitet und dabei ein sehr modernes und umfangreiches Online-Banking – George – hervorgebracht hat. Und das können jetzt alle Kunden der Erste Bank Österreich nutzen.


Clas Beese ist Co-Founder von finletter, dem führenden deutschsprachigen E-Mail-Newsletter für die Fintech-Branche. Der Gründungsprofi berät Unternehmen, Verbände und Individuen bei Themen rund um Geschäftsmodelle und Zukunftsfähigkeit und unterstützt den Finanzplatz Hamburg e.V. bei ihrer Fintech-Strategie.
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