„Ich war seit 25 Jahren in keiner Bankfiliale mehr“ – Interview mit Boris Janek

„Ich war seit 25 Jahren in keiner Bankfiliale mehr“ – Interview mit Boris Janek

Auf seinem Blog FINANCE ZWEINULL beobachtet und kommentiert der Fintech- und Social-Media-Experte Boris Janek die aktuellen Entwicklungen in der Finanzszene und scheut sich nicht, kritische Fragen zu stellen. Was er über aktuellen Transformationsbemühungen der Branche denkt und wieso er seit 25 Jahren in keiner Bankfiliale mehr war, verrät Boris Janek im Interview.

Herr Janek, was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Zukunftstrends im Finanzsektor?

Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten, da wir sehr fundamentale Veränderungen erleben, welche bisherige Grenzen zu fließenden Übergängen machen und Trends kommen natürlich aus den unterschiedlichsten Richtungen. Da meine Expertise eher im Bereich digitale Trends liegt, kann ich hierzu sicherlich die besten Aussagen machen. Blockchain, künstliche Intelligenz und Machine Learning ermöglichen die vollständige Automatisierung von Finanzlösungen und Angeboten. Wenn Banken und andere klassische Finanzdienstleister noch eine Rolle spielen möchten, dann müssen sie zu Technologieunternehmen werden und verstärkt auf Kooperationen setzen. Ein Technologieunternehmen wird man allerdings nicht, indem man moderne Technologien nutzt sondern indem man einen neuen Organismus entwickelt, in dem man fühlt, denkt und handelt wie ein Softwareunternehmen. Ansonsten werden uns Regulatorik, Niedrigzinspolitik und PSD2 natürlich weiterhin beschäftigen. Eine weitere Herausforderung liegt natürlich darin, dass viele Mitarbeiter durch die Automatisierung nicht mehr gebraucht werden. Und die Mitarbeiter, die man noch braucht, gänzlich andere Qualifikationen haben müssen und werden.

Aktuell kommt es einem vor, als würde die deutsche Finanzbranche im internationalen Wettbewerb immer weiter nach hinten durchgereicht. Täuscht der Eindruck?

Ich würde hier mit einer Gegenfrage antworten: Welche Rolle soll Nationalstaatlichkeit in einer globalen Welt überhaupt noch spielen? Und sind die Prinzipien, nach denen die internationale Finanzwelt funktioniert und lebt, nicht ohnehin mal zu durchleuchten. Ich habe eher den Eindruck, dass es keine Nuancen und Besonderheiten mehr gibt. Alles wird zum Einheitsbrei. Neue und andere Wege werden nur noch außerhalb der Finanzbranche beschritten. Ich denke hier vor allem an die Blockchain-Bewegung oder auch den „Platform Cooperativism“. Die Finanzbranche ist ja durchaus eher an der Sicherung ihrer eigenen Existenz interessiert. Das ist legitim. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die etablierten Player der alten Welt, angesichts der technischen Revolution und des grundlegenden gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Wandels, unverändert fortbestehen, ist eher gering.

Welche Länder sehen Sie im internationalen Vergleich in Sachen Innovationen ganz vorne?

Wir sollten nicht nur ins Silicon Valley schauen, sondern vor allem auch nach China und nach Indien. Außerdem sollten wir auf Startups schauen, die ihre Geschäftsmodelle für jene zwei Milliarden Menschen entwickeln, die heute noch keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen haben. Natürlich sind London, Berlin und andere europäische Innovationszentren nicht zu vernachlässigen. Aber wir dürfen auch Estland und Dubai nicht vergessen, denn hier ist bereits eine digitale Infrastruktur vorhanden oder wird -wie im Falle von Dubai- entwickelt, die eben grundsätzlich andere Lösungen, Werterzeugung sowie Geschäfts- und Organisationsmodelle ermöglichen wird.

Glauben Sie, dass die PSD2-Richtline einen Innovationsschub im Finanzsektor auslösen wird?

Ich hoffe es. Der Glaube fehlt mir aber ein wenig. Auch hier ist es die, in der Vergangenheit geprägte Kultur, welche die meisten Banken und Versicherungen die Chancen eher nicht ergreifen lässt. Natürlich wird es aber weiter viele Ideen und Innovationen von außerhalb geben. Einen wesentlich größeren Schub, wird die Blockchain-Technologie auslösen, denn hier werden Banken nicht unbedingt als Partner benötigt.

Haben die klassischen Banken auf lange Sicht überhaupt noch eine Zukunft?

Es wird weiter Banken oder große Finanzunternehmen geben. Aber wesentlich weniger und es wird neue Player geben. In China sind das ja schon heute Unternehmen wie Alibaba und Tencent und ähnliche Gebilde könnten auch in der westlichen Welt entstehen. Darüber hinaus werden Technologieunternehmen viele Teile der Wertschöpfungskette der Banken einfach integrieren. Vor allem im Privatkundengeschäft werden wir eine vollkommene Automatisierung erleben, mit teilweise ganz neuen Produkten und Leistungen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Und in einer zunehmend digitalisierten Welt, in der es selbstfahrende Fahrzeuge, Transportdrohnen, digitale Währungen usw. geben wird, gibt es weder die Zeit für noch den Nutzen für eine klassische Finanzdienstleistung.

Welche digitalen Produkte bzw. Dienstleistungen im Finanzbereich nutzen Sie regelmäßig?

Ich war seit 25 Jahren in keiner Bankfiliale mehr. Ich führe mein Konto online und mobil. Ich investiere online. Ich besitze Bitcoin, bezahle mit Paypal, nutze Lendstar. Habe einige Crowd-Investments getätigt, liebe die Anwendung Bux usw. Wenn ich eine Beratung benötige, dann kommt mein Berater zu mir nach Hause.

Welcher Finanz-/Zahlungsdienstleister ist aus Ihrer Sicht besonders innovativ und warum?

Die Erste Bank in Österreich hat mit „George“ ein herausragendes digitales Produkt geschaffen. Es gibt viele Innovationsaktivitäten, die mich beeindrucken, auch von Banken. Man kann heute nicht mehr sagen, dass sich nichts tut. Die Sparkassen haben Yomo gelauncht, die Genossenschaftsbanken haben zusammen mit der Reisebank bankomo entwickelt. Beide Projekte orientieren sich wiederum an N26. N26 ist sicherlich ein besonderes Startup, die mit ihrem plattformbasierten Geschäftsmodell definieren könnten, wie die Zukunft des Bankings aussehen wird. Was in jedem Fall feststeht und was eigentlich wichtiger als die Zukunft des Finanzwesens ist: Der Mensch und vor allem der klassische Bankberater wird im Banking der Zukunft eine sehr viel geringere Rolle spielen. Was wird also aus den vielen Menschen, die heute in der Finanzbranche ihr Geld verdienen?

Welche Bedeutung haben die neuen Technologien im Finanzsektor für…

…Kunden:
Vieles wird einfacher und transparenter. Es besteht die Chance unabhängiger zu werden. Vielleicht wird der Kunde irgendwann gar nicht mehr über Geld nachdenken müssen, weil alles automatisiert ist und nur noch im Hintergrund stattfindet. Mit der Abschaffung des Bargelds, verliert er allerdings auch wieder ein Stück Kontrolle, da er in Krisenzeiten zu 100 % abhängig von den Betreibern der digitalen Infrastruktur ist. Auf der anderen Seite könnte auf Basis von P2P-Technologien oder auch Blockchain jeder seine eigene Bank werden und selber über sein Geld und seine Daten bestimmen. In diesem Zusammenhang muss ich doch noch mindestens zwei Finanzunternehmen erwähnen, die mir zumindest am Herzen liegen: dies sind SECCO aus Großbritannien und das deutsche Startup KOINA.

…Banken:
Banken müssen zu Technologieunternehmen werden. Technologieunternehmen sind jedoch extrem Kunden zentriert, was die meisten Banken trotz zahlreicher Innovationsaktivitäten bisher nicht sind. In Zukunft wird es für Banken nur noch wenige funktionierende Geschäftsmodelle geben, die heutigen Geschäftsmodelle werden vielfach obsolet. Jede Bank benötigt dazu ein digitales Interface und entsprechende Konnektoren, um als Plattform ein digitales Ökosystem nutzen zu können. Digital Unternehmen setzen eben auf externe Assets und weniger auf den Aufbau teurer und wenig fl exibler interner Ressourcen.

…Investoren:
Investoren werden auf Schlüsseltechnologien wie Blockchain, künstliche Intelligenz und Machine Learning setzen, da diese die Finanzwelt am meisten verändern werden.

Welche 3 Fintechs sollte man auf jeden Fall im Auge behalten?
N26
SECCO
Und weil es eine Herzensangelegenheit ist: Koina


Boris Janek ist Blogger, Speaker, Berater und Autor. Auf seinem Blog FINANCE ZWEINULL beobachtet und kommentiert der Fintech- und Social-Media-Experte bereit seit 2010 die aktuellen Trends in der Finanz-Szene.
Digitales Magazin zur Banken im Umbruch 2017
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