Gefahren im Blick

Mark Branson

Artikel aus dem Handelsblatt Journal BANKING vom 07.09.2022

von Mark Branson

Banken und ihre Kunden bewegen sich gerade in einem Umfeld, in dem zeitgleich verschiedene riskante Entwicklungen stattfinden, die sich jederzeit verschärfen, aber auch entschärfen und gegenseitig beeinflussen können. Ende 2021 waren die Hoffnungen auf eine Erholung der Wirtschaft groß. Doch schon Anfang 2022 haben Lieferengpässe und Preisanstiege diesen Hoffnungen einen ersten Dämpfer verpasst. Wenig später verschlechterte sich die Lage weiter: vor allem durch die Null-COVID-Strategie Chinas und den Krieg in der Ukraine, der auch einen Energiemangel zur Folge haben könnte.

Die Herausforderungen treffen Staaten, Real- und Finanzwirtschaft und private Haushalte ausgerechnet nach einer langen Phase niedriger Zinsen, expansiver Geldpolitik und hoher Liquidität. In dieser Phase kam es zu Ungleichgewichten und Überhitzungen. Die könnten für die Banken gefährlich werden, wenn sich die Bedingungen grundlegend und schnell wandeln. Ein solcher Wandel findet gerade statt. Das signalisieren etwa die starke Teuerung, die weltweit stark steigenden Zentralbankzinsen, die zunehmende Risikoaversion und entsprechenden Marktkorrekturen, Rezessionsängste und die Verschärfung geopolitischer Differenzen.

Immobilienmarktrisiken bereiten Sorgen
Einige der Risiken, mit denen sich die BaFin derzeit intensiv beschäftigt, reagieren besonders empfindlich auf diesen Wandel: die Kreditrisiken zum Beispiel. Sie zu prognistizieren, ist angesichts des unbekannten Ausmaßes staatlicher Hilfsprogramme schwierig. In den ersten Jahren der Pandemie hat der Staat die Kreditrisiken der Banken faktisch neutralisiert. Jetzt werden Energieunternehmen gerettet, die too big to fail sind. Wo genau lägen also in einer Energiekrise die Kreditrisiken der Banken? Diese und die Frage der angemessenen Risikovorsorge dafür analysieren BaFin und Deutsche Bundesbank gerade.

Sorgen bereiten der BaFin seit langem die Risiken an den Immobilienmärkten: Der Anlage- und Renditedruck der vergangenen Jahre hat Immobilienpreise und das Kreditgeschäft der Banken in diesem Segment befeuert. Diese Dynamik dürfte nun zwar insgesamt nachlassen.

Dennoch sind die Risiken an den Immobilienmärkten nach wie vor hoch. Anfang 2022 hat die BaFin mit einem makroprudenziellen Maßnahmenpaket die Resilienz der Banken präventiv gestärkt. Nun stehen angesichts deutlich gestiegener Hypothekenzinsen mehr denn je die Kreditvergabestandards bei Wohnimmobilienfinanzierungen im Fokus.

Ergebnisse einer Ad-hoc-Umfrage bei den wichtigsten Instituten bestätigen, dass neue Kreditnehmer mittlerweile einen hohen Anteil ihres Einkommens für den Schuldendienst aufbringen müssen. Rund 15 % der Neuschuldner müssen sogar mehr als die Hälfte ihres Nettoeinkommens dafür einsetzen. Die durchschnittliche Relation zwischen Schulden und Einkommen für neue Immobilienkredite ist seit 2009 um fast 50 % gestiegen.

Dieser Trend scheint sich jetzt abzuflachen. Gut so, sonst würden viele neue Kreditnehmer früher oder später Probleme haben, wenn die Zinsen weiter steigen oder ihre private finanzielle Situation sich verschlechtert.

Zinsänderungsrisiken im Fokus
Risiken bergen auch abrupte Zinsanstiege. Klar ist, dass eine langjährige Sorge der BaFin langsam nachlässt: Das Zinsniveau hat sich etwas nach oben bewegt, und das ist für den Bankensektor eindeutig positiv. Die meisten Institute unter BaFin-Aufsicht gehen davon aus, dass ihnen höhere Zinsen mittelfristig guttun. Wie gut, lassen die zum Teil fulminanten Halbjahresabschlüsse europäischer Großbanken erahnen.

Der starke Zinsanstieg im ersten Halbjahr 2022 kam allerdings abrupt – und (überraschenderweise) für einige Banken überraschend. Im Moment übersteigen daher bei manchen Instituten die Bewertungsverluste und die höheren Refinanzierungskosten die positiven Ertragseffekte. Die Aufsicht hat in verschiedenen Szenarioanalysen untersucht, wie sich das bei den kleineren Instituten unter BaFin-Aufsicht auswirkt. Da könnte 2022 für manche ein hartes Jahr sein, bevor die positiven Effekte des Zinsanstiegs danach überwiegen. Die  durchschnittliche Rentabilität könnte laut der Analysen durch Zinsen, welche 2 Prozentpunkte höher ausfallen als im Jahr 2021, um 40 % gedrückt werden. Und so ein Zinsszenarioist  bereits Realität. Bei den paar dutzend kleinen Instituten, welche mindestens temporäre Kapitalschwierigkeiten haben könnten, schauen wir natürlich jetzt sehr genau hin.

Insgesamt gut aufgestellt
Bislang sind die deutschen Banken insgesamt gut aufgestellt, auch weil sie in den vergangenen Jahren ihre Kapitalpolster stärken mussten. Gerade weil sich die Risikolage so schnell und unerwartet ändern kann, sind eine besonders robuste Ausstattung mit Kapital und Liquidität und ein erstklassiges Risikomanagement die besten Garanten für ein stabiles und starkes Bankensystem. Und ein starkes Bankensystem ist am besten in der Lage, der deutschen Wirtschaft in diesen turbulenten Zeiten zur Seite zu stehen.

Ein starkes Bankensystem ist am besten in der Lage, der deutschen Wirtschaft in turbulenten Zeiten zur Seite zu stehen

Mark Branson, Präsident, BaFin

Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „BANKING“ erschienen.

Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:

Zum Journal