Fintechs: Europa braucht ein Silicon Valley

Interview mit Dr. Carolin Gabor, Managing Director von FinLeap und Gründerin der Fintech Ladies Europe

Europa braucht eine Art Silicon Valley, meint Dr. Carolin Gabor. Ein solches Modell wäre deutlich schlagkräftiger, als die vielen Fintech-Hubs, die über den Kontinent verstreut entstehen. Als Managing Director von FinLeap unterstützt Sie junge Finanzunternehmen bei ihrer strategischen Weiterentwicklung und ihrem erfolgreichen Wachstum bis hin zu einem möglichen Exit.

Dr. Carolin Gabor ist Managing Director von FinLeap und Gründerin der Fintech Ladies Europe. Das Netzwerk bringt Frauen in Führungspositionen aus der Finanz- und Fintechbranche zusammen und unterstützt durch regelmäßige Events beim Ausbau von beruflichen Geschäftsbeziehungen.

Interview mit Dr. Carolin Gabor

Frau Dr. Gabor, die EU plant ein Programm, um Fintechs zu fördern.

Ich begrüße jeden Aktionsplan der EU, der die digitale Wertschöpfung der Fintech-Branche als wichtigen Faktor erkennt und vor allem vorantreibt. Digitale Technologien stärken nicht nur die Unternehmen des Fintech-Sektors, sondern die gesamte Volkswirtschaft und auch die Bürgerinnen und Bürger. Wir müssen günstige Rahmenbedingungen für Innovationen schaffen und gleichzeitig die Verbraucher schützen – Datenmissbrauch darf nicht das Resultat neuer Technologien sein. Für mich ist dabei vor allem wichtig, dass der Verbraucher sich seiner Verantwortung gegenüber seinen Daten im Klaren ist. Mehr Souveränität auf diesem Gebiet kann in Zukunft viel bewegen. Wenn die EU dies fördert, kann ich das nur unterstützen.

Was würden Sie sich darüber hinaus wünschen?

Es gilt Hürden zu beseitigen, die den Wettbewerb im Fintech-Sektor behindern. So sollte die EU beispielsweise die wesentlichen Regularien angleichen und vor allem einen einheitlichen KYC schaffen. Außerdem brauchen wir meines Erachtens eine Art Silicon Valley in Europa, wo sich Unternehmen gut vernetzen können und auch große Investments durch kapitalstarke Unternehmen wie Versicherungen oder Pensionskassen gefördert werden. Dieses Modell wäre deutlich schlagkräftiger als die vielen Fintech-Hubs, die über den Kontinent verstreut entstehen. Ziel muss es sein, eine global wettbewerbsfähige Plattform für Financial-Services hervorzubringen.

Einzelne Fintechs sammeln rekordverdächtige Investorengelder ein. Trotzdem geht die Zahl der Neugründungen insgesamt zurück. Ist das die von vielen Stimmen prognostizierte Konsolidierung der Fintech-Szene?

Erfreulicherweise hat die solarisBank, eins unserer Unternehmen, kürzlich ein 56-Millionen-Euro-Funding eingesammelt. Das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind und dass wir als einer der wichtigsten Player ganz vorne mitmischen. Zu Beginn der Fintech-Bewegung eroberten überwiegend B2C-Fintech-Start-ups den Markt. Hier stellt sich mittlerweile eine Sättigung ein. Wir brauchen keine hundertste Banking-App. Wir bei FinLeap konzentrieren uns auf komplexere Modelle, die echte Probleme der Zielgruppe lösen. Dabei setzen wir immer stärker auf Partnerschaften mit etablierten Finanzinstitutionen. Aus meiner Sicht sind es diese B2B2C-Ansätze, die als Geschäftsmodell am Markt bestehen werden und gleichzeitig die beste Chance für die digitale Transformation der etablierten Spieler sind. Man darf in der Debatte über den Rückgang bei Neugründungen aber Eines nicht vergessen: Die Wahrscheinlichkeit, dass die finanzierten Start-ups überleben, liegt bei 1:10. Somit ist es eine normale Entwicklung, dass weniger Start-ups an den Markt gehen als zu Beginn der Fintech-Ära.

In China haben Allroundplattformen wie Alipay und WeChat Pay einen massiven Kundenzulauf. In den USA zeichnet sich, wenn auch deutlich langsamer, ein ähnlicher Trend ab. Wann werden wir in Europa eine vergleichbare Entwicklung erleben?

Plattformen sind wichtige Wachstums- und vor allem Innovationstreiber und als Geschäftsmodell erfolgreich. Wir selbst nutzen mit solarisBank, Elinvar und Element für die drei wesentlichen Märkte – Banking, Asset & Wealth Management und Insurance – Plattform-Lösungen im Bereich Financial-Services.
Alipay und WeChat sind so erfolgreich, weil sie ihren Bestandskunden externe Services direkt am Point of Sale anbieten statt sie auf andere Seiten – oder noch schlimmer in einen formularbasierten Offline-Prozess – umzuleiten. Aber ein Konstrukt, das in Asien alle Rekorde bricht, muss noch lange nicht in Europa funktionieren. Europa wartet mit ganz anderen Herausforderungen auf: Unsere Regulierungen und Gesetze stellen gewaltige Hürden für Unternehmer aus den USA oder Asien dar. Da haben hiesige Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil. Gleichzeitig sind vor allem westeuropäische Kunden tendenziell “overbanked”. Vertrauen in Bezug auf Finanzdaten schenken wir vorrangig etablierten Finanzdienstleistern. In China hatten die Kunden zuerst ein Mobiltelefon und brauchten für den Konsum eine Zahlungsmöglichkeit. Dafür nutzen sie soziale Netzwerke.

Wie bewerten Sie einen mutmaßlichen Einstieg von Amazon und Paypal ins klassische Retail-Banking in Europa?

Amazon wird in den USA mit Konten starten und Paypal wird in einigen europäischen Ländern Tages- und Festgelder anbieten. Dieser Schritt ist ein klarer Indikator, dass der Wettbewerb die nächste Stufe erreichen wird. Man muss aber auch den europäischen Kunden kennen. Dieser ist in der Regel sehr viel zurückhaltender. Deshalb bezweifle ich, dass die Sicherheit liebenden Europäer diesen Playern ihr Geld anvertrauen wollen. Den Schritt von Amazon und Paypal aber nicht ernst zu nehmen, wäre ein großer Fehler. Letztendlich wird der Kunde sich für das bequemere Angebot entscheiden, das immer gut funktioniert. Beim Thema Nutzerfreundlichkeit liegen die meisten europäischen Finanzdienstleister noch Meilen hinter Amazon oder Paypal zurück.

Besteht die Gefahr, dass Fintechs zu Nischenanbietern werden, wenn der Massenmarkt zunehmend von internationalen Tech-Konzernen bestimmt wird?

Es gibt rund 500 Versicherungsunternehmen und knapp 2.000 Banken. Wir brauchen keine weiteren Marken für Endkunden in diesem Bereich. Ich glaube an Kooperationen zwischen etablierten Playern und bin überzeugt, dass wir mit unserem B2B2C-Ansatz auf dem richtigen Weg sind. Der nächste große Schritt ist es nun, von einer reinen Kooperation beispielsweise mit Werbebannern auf der Banken-Homepage zu einer echten Integration der Fintech-Angebote zu kommen. Bequeme, transparente One-stop-shops, wo der Kunde all seine Finanzen managen kann, rund um relevante Lebensereignisse, wie etwa den Kauf eines Hauses oder Autos oder die Gründung einer Familie. Zudem muss er das mit finanziellen Zielen verbinden können, also etwa mit der Altersvorsorge oder Ansparen für eine Weltreise. Um diese Plattformen aus einer Kooperation zwischen etablierten Finanzdienstleistern und Fintechs zu ermöglichen, wird die europaweite Umsetzung der PSD2-Richtlinie sicherlich viel Positives beitragen.

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