„Fintech ist kein Hype, sondern die Evolution der Finanzbranche“ – Interview mit Dr. Carolin Gabor

„Fintech ist kein Hype, sondern die Evolution der Finanzbranche“ – Interview mit Dr. Carolin Gabor

Jene Finanzinstitute, die Fintechs als „Trend“ abtun, werden in Zukunft vor großen Herausforderungen stehen, sagt Dr. Carolin Gabor. Die Fintech-Expertin ist Managing Director von FinLeap und Gründerin der Fintech Ladies Europe.

Frau Dr. Gabor, wer sind die Fintech Ladies Europe und welche Ziele verfolgt das Netzwerk?

Fintech Ladies Europe ist ein Netzwerk, dass Frauen in Führungspositionen aus der Finanz- und Fintechbranche zusammenbringt. Die Events des Netzwerks fördern nicht nur den Austausch, sondern helfen auch ganz konkret beim Ausbau von beruflichen Geschäftsbeziehungen. Die Fintech Ladies treffen sich bei verschiedenen Events und Konferenzen in ganz Europa, zuletzt in London, Zürich und München.

Was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Zukunftstrends im Finanzsektor?

Die erste Phase der Digitalisierung in der Finanzbranche war stark auf digitale Bezahlmethoden fokussiert. Mittlerweile gibt es in nahezu allen Produkt- und Dienstleistungsbereichen innovative Geschäftsmodelle von Fintechs. Wir beobachten aktuell, die verstärkte Kooperation von etablierten Unternehmen – wie Banken und Versicherungen – mit diesen Anbietern. So arbeitet z.B. die ING Diba mit Clark, einem digitalen Versicherungsmakler, zusammen. Zudem gibt es erste Anbieter, die versuchen, die besten innovativen Nischenplayer in Form von Plattformen zu bündeln: so arbeitet die Online-Bank N26 beispielsweise mit den Fintechs Transferwise und Vaamo zusammen. Ein dritter Trend ist die Erbringung von Finanzdienstleistungen durch Technologieplattformen wie solarisBank oder Element, welche am Point of need des Kunden angeboten werden – bestes Beispiel ist hierfür ein Autokredit, den Kunden bei autoscout24.de beantragen können und der über die solarisBank abgewickelt wird.

Um die jungen Finanztechnologie-Unternehmen ist in den letzten Jahren ein regelrechter Hype entstanden. Kommt jetzt die Phase der Ernüchterung oder hält der Trend weiter an?

Fintech ist kein Hype, sondern die Evolution der Finanzbranche. Diese Digitalisierung wird man nicht mehr rückgängig machen, sondern sie entwickelt sich weiter. Neue Produkte, neue Dienstleistungen und neuer Service werden auch in den kommenden Jahren den Finanz-Alltag der Endkunden nachhaltig verändern und jene Finanzinstitute, die Fintech als „Trend“ abtun, vor Herausforderungen stellen.

Welche Technologien werden den Finanzsektor in den nächsten 5 Jahren besonders nachhaltig beeinflussen?

Sollte es einen rechtlichen Rahmen für die Blockchain geben, wird das sicherlich eine sehr interessante technische Entwicklung. Ansonsten werden immer mehr Artificial Intellgence (AI) und Robo Advisor eine Rolle spielen, um Abläufe zu optimieren und digitalisieren.

Welche Länder sehen Sie im international Vergleich in Sachen Innovationen ganz vorne?

Die größte Innovationsdichte kommt sicherlich aus den USA und aus Asien. Mit Alipay hat China einen Giganten im Payment erschaffen, in den USA werden ganz neue Kanäle für Finanzdienstleistungen erschlossen, wie zum Beispiel das Bezahlen per Facebook Messenger.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Gender Gap in der Fintech-Szene seit der Gründung des Netzwerkes im September 2016 verringert hat?
Leider sind Frauen in den Führungsebenen immer noch stark unterrepräsentiert. Durch die Fintech Ladies Europe werden wir aber zumindest sichtbarer, auch durch mediale Aufmerksamkeit. Das zieht zum einen hoffentlich Nachahmerinnen an, zum anderen planen wir aber auch künftig Veranstaltungen, die gerade auf junge Berufseinsteigerinnen abzielen, um diese in ihrer Karriere zu bestärken.

Glauben Sie, dass die PSD2-Richtline einen Innovationsschub im Finanzsektor auslösen wird?

Das neue Gesetz sorgt bereits vor Inkrafttreten für ein großes Rauschen. Wenn es denn wirklich so umgesetzt wird, wie angekündigt, wird es vielen Fintechs den Zugang zu neuen Geschäftsmodellen ermöglichen, die bisher durch das Datenmonopol der Banken nicht möglich sind.

Welche Fintechs sollte man in den kommenden 5 Jahren auf jeden Fall im Auge behalten?

Besonders spannend sind Fintechs im Bereich B2B, wo es sicher auch noch viele Entwicklungen geben wird. Ein Beispiel dafür ist FinReach, die mit ihrem digitalen Konto- und Depotwechselservice bereits mit über 100 Banken in Deutschland und Österreich zusammenarbeiten. Aber auch ungewöhnlichere Geschäftsmodelle, wie datengetriebenes Inkasso von PAIR Finance oder automatisierte Finanzhelfer wie MoneyMap sind es sicher wert, im Auge behalten zu werden. Ganz neu und sehr vielversprechend sind die bereits angesprochenen Plattformen, die passgenaue und individuelle Lösungen aus einer Hand bieten, wie solarisBank im Banking und Element im Versicherungsbereich.


Dr. Carolin Gabor ist Managing Director von FinLeap und Gründerin der Fintech Ladies Europe. Das Netzwerk bringt Frauen in Führungspositionen aus der Finanz- und Fintechbranche zusammen und unterstützt durch regelmäßige Events beim Ausbau von beruflichen Geschäftsbeziehungen. Die Fintech Ladies treffen sich bei verschiedenen Events und Konferenzen in ganz Europa unter anderem bei der 22. Handelsblatt Jahrestagung Banken im Umbruch 2017.
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