Ein Fünf-Punkte-Plan für Europas Banken

John Cryan

Die Finanzbranche kann wesentlich zum Wachstum in Europa beitragen – sofern der Rahmen stimmt

von John Cryan

Europas Banken sind sicherer geworden. Das hat der Stresstest der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde im Juli gezeigt. Die meisten Institute haben besser abgeschnitten als 2014, obwohl der Test strengere Kriterien anlegte. Aufseher und Banken haben viel erreicht, um das Finanzsystem krisenfester zu machen. Damit ist eine wichtige Voraussetzung erfüllt, um nun die eigentlichen Aufgaben der Banken in den Mittelpunkt zu stellen: Wie können wir Banken Europas Gesellschaft wieder besser dienen? Wie schaffen wir Banken, die wieder stärker Wirtschaftswachstum fördern?

Die meisten europäischen Häuser haben heute vor allem ein Ertragsproblem. Und weil sie zu wenig verdienen, müssen sie andere Wege gehen, um immer höhere Eigenkapitalstandards zu erfüllen. Die Folge: Die Bankbilanzen schrumpfen – in Spanien beispielsweise um über 40 Prozent seit 2010. So aber werden Banken eher zu einer Bremse für die wirtschaftliche Erholung.

Im Alleingang werden die Banken diese große Herausforderung nicht lösen können. Europas Wirtschaft braucht einen gemeinsamen Ansatz von Aufsicht, Notenbank und Politik, um wieder für mehr Wachstum zu sorgen. Ein solcher Plan sollte an fünf Punkten ansetzen.

Banken müssen effizienter arbeiten

Zunächst einmal sind wir Banken selbst am Zug. Wir müssen effizienter werden. Das trifft auf die Deutsche Bank ebenso zu wie auf viele Wettbewerber. Wir sind zu komplex – teilweise zwingt uns die Regulierung dazu, teilweise haben wir es versäumt, in gewachsenen Strukturen rechtzeitig aufzuräumen. All das kostet uns heute viel Kapital und Zeit – beides sollten wir viel besser für unsere Kunden einsetzen.

Banken müssen wieder wachsen

Nur Kosten zu senken reicht aber bei weitem nicht mehr. Wir Banken müssen selbst endlich wieder wachsen. Wir müssen Technologieunternehmen sein, die mit neuen Produkten und Dienstleistungen ihre Kunden überzeugen. Vor einigen Jahren mögen Banken die Fintech-Gründer in Jeans und Turnschuhen noch belächelt haben. Heute arbeiten wir bei der Deutschen Bank eng mit ihnen zusammen, vor allem in unseren Innovationslaboren weltweit und in unserer neuen Digitalfabrik in Frankfurt am Main.

Kurswechsel in der Geldpolitik

Die Europäische Zentralbank hat in der Finanz und Staatsschuldenkrise viel dafür getan, Europa zu stabilisieren. Inzwischen aber wirkt die Geldpolitik den Zielen entgegen, die Wirtschaft zu stärken und das europäische Bankensystem sicherer zu machen. So ist der Zinsüberschuss, die traditionell wichtigste Ertragssäule, über die gesamte Eurozone hinweg seit 2009 um sieben Prozent geschrumpft. Nicht Geld aufnehmen, sondern Geld vorhalten kostet Zinsen. Sicherheit wird damit bestraft. Die Deutsche Bank beispielsweise hält heute deutlich mehr Liquiditätsreserven als noch vor wenigen Jahren – 223 Milliarden Euro zum 30. Juni 2016. Doch in Zeiten negativer Zinsen zehren diese Mittel einen höheren dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr auf.

Doch nicht nur die Banken leiden, auch für die Sparer und deren Altersvorsorge sind die Folgen fatal. Gleichzeitig bleiben die erhofften positiven Effekte aus: Unternehmen halten sich aufgrund der anhaltenden Unsicherheit mit Investitionen zurück und fragen kaum mehr Kredite nach.

Regulierung mit Augenmaß

Neben der Geldpolitik gilt es auch den Ansatz bei der Regulierung zu überdenken. Wir wollen nichts zurückdrehen. Aber es wird immer deutlicher, dass die strengeren Eigenkapitalanforderungen prozyklisch wirken. Sie lähmen die Banken und damit die Volkswirtschaften. Die Bankenaufsicht sollte die neuen Regeln erst einmal wirken lassen, bevor sie über weitere Verschärfungen nachdenkt – wie zum Beispiel durch Basel IV. Allein die Diskussionen über noch höhere Kapitalpuffer verunsichern die Investoren schon heute.

Wir tun uns auch keinen Gefallen damit, Regulierungsstandards aus den USA eins zu eins auf Europa zu übertragen. Warum unterwerfen wir uns einer Verschuldungsquote amerikanischen Zuschnitts, obwohl wir wissen, dass Europas Banken viel mehr Unternehmenskredite und Baufinanzierungen in ihren Bilanzen haben? Die harte Kernkapitalquote, die mehr über die Widerstandskraft einer Bank aussagt, beträgt bei den größten europäischen Häusern im Schnitt 12,8 Prozent, bei den führenden US-Instituten 12,2 Prozent. Es gehört also ins Reich der Mythen, dass europäische Banken insgesamt unsicherer seien als amerikanische – auch wenn man uns durch einseitige Maßstäbe etwas anderes einreden will.

Ein europäischer Finanzmarkt

In einer anderen Hinsicht können wir jedoch von den Amerikanern lernen: Ein großer, homogener Finanzmarkt ist ein unschätzbarer Vorteil. Wir sollten deshalb weiter mit viel Ehrgeiz am gemeinsamen Markt in Europa bauen – obwohl die Briten der Europäischen Union den Rücken kehren wollen. Die Bankenunion war ein wichtiger Schritt, die Kapitalmarktunion sollte nun folgen. Gerade weil Banken ihre Bilanzen schrumpfen und weniger Kredite vergeben, wird ein gemeinsamer europäischer Kapitalmarkt wichtiger, um Unternehmen zu finanzieren. Hier muss die Politik die Voraussetzungen schaffen.

Europas Banken sollten Europas Wohlstand dienen. Dafür müssen wir Banken weiter hart an uns arbeiten. Aufsichtsbehörden, Notenbanken und Politik sollten mit Augenmaß den Rahmen schaffen, der zu den europäischen Banken passt. Nur gemeinsam können wir das widerstands- und wettbewerbsfähige Wirtschafts- und Finanzsystem gestalten, das Europa so dringend braucht.

John Cryan ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank und Keynote-Speaker bei der Banken im Umbruch 2016. Alle Details zu Veranstaltung finden Sie auch im aktuellen Programm.


Den Beitrag von John Cryan finden Sie auch in der August-Ausgabe des Handelsblatt Journal „Banking der Zukunft“, das Sie HIER gratis herunterladen können.

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