3 Fragen an …

Marija Kollak, Präsidentin des Bundesverband Deutsche Volksbanken und Raiffeisenbanken e.V. (BVR)
Hans-Walter Peters, Präsident des Bankenverbandes und persönlich haftender Gesellschafter der Privatbank Berenberg
Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes

Nach fast einem Jahrzehnt historisch niedriger Leitzinsen steht eine Normalisierung in der Eurozone an. Welche Auswirkungen einer Zinswende prognostizieren Sie?

Marija Kollak:
Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), ihr Anleihenkaufprogramm zum Ende dieses Jahres auslaufen zu lassen, ist längst überfällig. Den Einstieg in eine wirkliche Zinswende werden wir allerdings frühestens im nächsten Jahr sehen. Ich verbinde dies mit der Hoffnung, dass die obersten Währungshüter die Strafzinsen für Banken auf Einlagen bei der EZB zügig wieder abschaffen. Diese passen nicht zu einem Währungsraum, der sich im vierten Jahr des Aufschwungs befindet. Der EZB-Rat solle zudem recht bald darlegen, wie die hohen Bestände an Staatsanleihen in den Büchern der Notenbank perspektivisch zurückgeführt werden sollen. Aktuell befindet sich jeder fünfte Euro Staatsschulden der Euroländer in den Büchern der EZB. Eine unmittelbare Auswirkung einer baldigen Zinswende auf die GuV der Banken sehe ich allerdings nicht. Die Zinswende dürfte sehr behutsam erfolgen und die Zinsen somit noch lange niedrig bleiben.

Hans-Walter Peters:
Bei den Leitzinsen warten wir in Europa noch auf eine Zinswende, so sinnvoll sie für Wirtschaft und Sparer auch längst wäre. Genauso wichtig wäre sie übrigens für die europäischen Banken: Im Moment zahlen die Kreditinstitute aufgrund der Negativzinsen eine „Strafsteuer“ von 7,5 Milliarden Euro pro Jahr an die EZB. Dieses Geld könnten die europäischen Banken in anderen Bereichen sehr viel sinnvoller für ihre Kunden einsetzen. Aus heutiger Sicht dürften die Leitzinsen im Euroraum nur langsam auf „Normal-Niveau“ steigen. Ein Ende der Negativzinsen – und damit ein Ende der geldpolitischen Notfallmaßnahmen – erwarten wir daher auch erst in der zweiten Jahreshälfte 2019.

Wenn wir die Geldpolitik der USA als Maßstab nehmen, dann dürfte ein Leitzins von rund zwei Prozent erst zweieinhalb Jahre nach der Zinswende erreicht werden – also nicht vor 2022. Das setzt allerdings eine weiterhin gute wirtschaftliche Entwicklung voraus; vor dem Hintergrund der anhaltenden globalen Unsicherheiten gerade in der Handelspolitik keine Selbstverständlichkeit. Insgesamt müssen wir folglich noch länger mit niedrigen Zinsen rechnen.

Vor diesem Hintergrund gehe ich zunächst auch nur von geringen Folgeeffekten aus. Die Kreditnachfrage im Euroraum dürfte von der Zinswende jedenfalls kaum beeinträchtigt werden, da die Investitionen auf dem gegenwärtigen Zinsniveau wenig zinssensibel sind. Für die Stabilität von Wirtschaft und Finanzmärkten und auch für die Ertragslage der Banken ist es entscheidend, dass sich die Kapitalmarktzinsen tatsächlich nur moderat nach oben bewegen. Ein starker Zinssprung wäre sofort mit einem Kursrutsch an den Aktienmärkten verbunden. Das sollte die EZB durch eine weiterhin langfristig gedachte, nachhaltige und stringente Kommunikation unbedingt berücksichtigen.

Helmut Schleweis:
Die Niedrigzinsen haben unsere Gesellschaft verändert. Eine ganze Sparergeneration kennt gar keine Zinsen mehr – ein Drittel der unter 30-Jährigen legt auch deshalb nichts zurück. Darum bleibt es gesellschaftlich so wichtig, dass Sparkassen die Menschen in ihrer persönlichen Vorsorge beraten und unterstützen. Wenn nun eine Zinswende kommt, gibt das den Sparerinnen und Sparern zusätzliche Motivation.

Auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist es gut, dass die EZB die Zinswende eingeleitet hat und „QE“ zum Ende dieses Jahres ausläuft. Der Aufschwung ist bereits in einer Reifephase und die EZB muss geldpolitischen Handlungsspielraum zurückgewinnen. Entscheidend bleibt jetzt, dass 2019 auch wirklich Leitzinserhöhungen kommen. Diese Normalisierung der Zinsstruktur im Euroraum können die Sparkassen gut verkraften, was auch die Erhebungen der Bundesbank bestätigen.

Die Digitalisierung hält auch im Bankensektor rasanten Einzug. Banken wissen, dass sie sich ganzheitlich digital transformieren müssen, um bestehen zu können. Was sind die nächsten Schritte und was die größten Herausforderungen?

Hans-Walter Peters:
Zweifellos durchläuft unsere Branche einen tiefgreifenden digitalen Wandel, von dem das gesamte Bankgeschäft erfasst wird. Das ist vor allem gut für unsere Kunden: Sie wollen vermehrt digitale Angebote nutzen – und in diese Angebote investieren die deutschen Banken. Die neuen technologischen Entwicklungen verschaffen uns zudem die Möglichkeit, sehr viel besser auf individuelle Kundenwünsche und -bedürfnisse einzugehen als bislang.

Für die privaten Banken ist die Digitalisierung deshalb vor allem eine große Chance und eine Herausforderung zugleich. Nur die Institute, die sich dem digitalen Wandel stellen, werden im Wettbewerb bestehen können. Schon heute machen uns FinTechs, aber in Teilen auch die großen Datenplattformen wie Google oder Amazon Konkurrenz. Allerdings gibt es nicht nur neuen Wettbewerb: Das Verhältnis von Banken und neuen Anbietern aus der Tech-Szene wird vor allem durch Kooperationen geprägt – ob in der Vermögensverwaltung, im Zahlungsverkehr oder beim Kreditgeschäft. Das gilt für die Banken wie auch für den Bankenverband, der mittlerweile über 20 Mitglieder aus der FinTech-Branche zählt.

FinTechs nutzen dabei gezielt neue Technologien, um sich in die Wertschöpfungsketten der Banken einzubringen – beispielsweise über Applikationen für das Smart-Phone, die in die Kontoführung und den Zahlungsverkehr der Banken integriert werden. So gelangen die Beteiligten an wertvolle Daten, mit deren Hilfe sie wiederum bestehende Angebote verbessern oder neue – etwa im Bereich der künstlichen Intelligenz – schaffen können. Digitalisierung bedeutet aber auch steigende Geschwindigkeit: Wie Banken damit erfolgreich umgehen können, zeigt die flächendeckende Einführung der SEPA-Echtzeitüberweisung, die bis Ende 2019 etabliert sein wird.

Helmut Schleweis:
Als Marktführer haben die Sparkassen den Anspruch, Kundenwünsche sehr frühzeitig zu erfüllen. Das ist uns mit unserer umfangreichen Sparkassen- App, bei Handyüberweisungen und bei der Überweisung in Echtzeit gelungen – und jetzt auch beim mobilen Bezahlen am POS.

Seit dem 30. Juli können Kunden von über 300 Sparkassen ihre Einkäufe im Einzelhandel einfach und sicher mit dem Smartphone bezahlen. Die neue App „Mobiles Bezahlen“ verwandelt NFC-fähige Android- Smartphones in eine digitale Geldbörse. Der Service funktioniert überall dort, wo schon jetzt kontaktlose Kartenzahlungen möglich sind – und das weltweit. Egal ob bar, mit Karte, online oder mobil – Kunden können jetzt, je nach Situation und Präferenz, selbst entscheiden, welcher Zahlungsweg für sie der beste ist. „Mobiles Bezahlen“ erweitert das Angebot der Sparkassen an sicheren Bezahlmöglichkeiten deutlich.

Die größte Herausforderung für uns als Anbieter ist es, in der Vielzahl der strategischen Optionen das zu priorisieren, was den Kunden wirklich wichtig ist. Das sind vor allem alltagstaugliche Lösungen, die datensicher, datensparsam und komfortabel nutzbar sind. Darauf konzentrieren wir uns. Die Multibankfähigkeit unserer Internet-Filiale zum Beispiel macht aus dem onlinefähigen Girokonto der Sparkasse einen Zentralschlüssel für den digitalen Alltag unserer Kundinnen und Kunden. Aber auch in einer digitalen Transformation wollen wir die reale Nähe zum Kunden nicht verlieren.

Marija Kollak:
Die Volksbanken und Raiffeisenbanken richten sich daran aus, was ihre Mitglieder und Kunden wollen. Die Gesellschaft, der Markt und der Wettbewerb verändern sich. Die Niedrigzinsphase beschleunigt diesen notwendigen Wandel. Jeden technologischen Trend aufzunehmen, ist weder sinnvoll, noch differenzierend oder nachhaltig. Entscheidend ist allein, was der Kunde macht und will. Daran muss sich unser Leistungsangebot ausrichten. Und übergeordnet wollen wir die Hausbank Nummer 1 für unsere Kunden bleiben, das heißt vertrauensvoller Begleiter über alle Lebensphasen des Privatkunden oder Zyklen eines Unternehmens hinweg sein. Im Übrigen ist Wandel kein neues Phänomen, wir haben uns seit den Anfängen unserer Bankengruppe vor mehr als 150 Jahren permanent weiterentwickelt.

Wo sehen Sie Ihre Finanzgruppe in 10 Jahren?

Helmut Schleweis:
Die Sparkassen bieten seit über 200 Jahren ein Finanzsystem für Jedermann. Sie machen aus Einlagen Kredite, und aus Krediten Wachstum für alle. Das können zum Beispiel reine Bezahlanbieter nicht. Unsere gesellschaftliche und gesamtwirtschaftliche Aufgabe bleibt das Wesensmerkmal der Sparkassen – wir müssen sie sogar wieder stärker herausarbeiten.

Dazu gehört, dass wir gezielt auf Lösungen setzen, die den Alltag der Menschen erleichtern. Auch die dezentrale Aufstellung und die Präsenz durch Filialen werden bleiben. Durch ihre Verankerung vor Ort können Sparkassen digitalen Komfort und persönliche Ansprache besser als andere in eine Balance bringen. Das schafft Vertrauen und wird sich auszahlen. Unsere Erfahrung ist, dass auch Digital Natives die Sicherheit persönlicher Beratung suchen und wertschätzen.

Unser Erfolg wird aber nicht nur von eigenen Leistungen bestimmt. Mittelfristig werden für den Finanzplatz Deutschland die Herausforderungen durch den demografischen Wandel zunehmen, durch den sich in Teilen des Landes das wirtschaftliche Leben abschwächen kann. Hier sind insbesondere die kreditwirtschaftlichen Verbünde ein strukturelles Gegengewicht, das mit zu einer fairen Chancenverteilung in Deutschland beiträgt. Deren Präsenz in der Fläche ist nicht nur für private Kunden wichtig – sie ist auch unverzichtbar für den deutschen Mittelstand.

Die Sparkassen-Finanzgruppe wird sich deshalb mit ganzer Kraft dafür einsetzen, dass Bürger und Unternehmen weiterhin überall in Deutschland finanzielle Beratung und kreditwirtschaftliche Leistungen in Anspruch nehmen können.

Marija Kollak:
Ich habe keine Glaskugel, aber ich gehe schon davon aus, dass wir dann immer noch eine erfolgreiche FinanzGruppe mit eigenständigen Genossenschaftsbanken sein werden. Wir werden auch zukünftig auf die Förderung unserer Mitglieder setzen und den Mittelstand vor Ort mit Krediten versorgen und so die Region unterstützen. Die Digitalisierung wird uns helfen, die Finanzgruppe aus heute rund 900 Banken, einer Zentralbank DZ BANK und den Produktspezialisten wie R+V, Bausparkasse Schwäbisch Hall und Union Investment zu einer noch schlagkräftigeren Einheit zu formen. Umso wichtiger ist es, dass wir auf unserem eingeschlagenen Weg der digitalen Erneuerung konsequent fortschreiten.

Hans-Walter Peters:
Im Unterschied zu Sparkassen und Volksbanken mit ihren Verbundgruppen stehen die privaten Banken untereinander im Wettbewerb und verfolgen dabei die unterschiedlichsten Geschäftsmodelle. Diese Vielfalt spiegelt die Bedürfnisse unserer vielen, unterschiedlichen Kunden wider – klein- oder mittelständische Unternehmen, Häuslebauer, international tätige Großkonzerne, Menschen, die ihre Altersvorsorge mit uns planen, ihr Vermögen verwalten lassen oder ganz einfach ihr Girokonto bei uns haben. Die Vielfalt unserer Geschäftsmodelle trägt auch ganz wesentlich zur Stabilität des deutschen Finanzmarktes bei. Folglich bedarf es keiner prophetischen Gaben, um mit Überzeugung sagen zu können, dass wir auch in zehn Jahren in Deutschland erfolgreiche private Banken und damit eine ganze heterogene Bankenstruktur haben werden – und das allein in unserer Finanzgruppe. Immer vorausgesetzt, unsere Geschäftsmodelle überzeugen auch weiterhin unsere Kunden und bestehen im Wettbewerb.

Meine Hoffnung ist, dass gerade in unsicheren politischen Zeiten deutsche wie europäische Politik und Regulierer erkannt haben, wie wichtig starke heimische Banken für die Wirtschaft und unsere Gesellschaft sind. Nicht nur wegen des Brexit sollte unser Ziel sein, dass wir mit einem europäischen Bankenmarkt in der Realität weiterkommen. Wir reden viel über eine Bankenunion. Diese ist in erster Linie heute aber bei einem Sicherheitskorsett stehen geblieben und hat bislang keinen wirklichen Finanzbinnenmarkt entstehen lassen. Aus unserer Sicht ist allerdings diese Marktintegration der wahrscheinlich wichtigste Faktor für Risikoteilung in Europa, und zwar durch privates Kapital, durch Kapitalmärkte – in einer europäischen Kapitalmarktunion.

Sehr erfreulich ist im europäischen Zusammenhang, dass in die Beratungen des EU-Bankenpakets jetzt auch Proportionalitätsgedanken einfließen und damit kleinere Banken spürbar entlastet werden. Klar ist allerdings auch, dass die gesamte Kreditwirtschaft weiter ihre Hausaufgaben zu machen hat und konsolidieren muss. Damit wird auch die Zahl der Institute und der Filialen weiter zurückgehen.

Die privaten Banken werden auch in Zukunft nicht nur in den Bereichen, in denen individuelle Beratung im Mittelpunkt steht, weiterhin ihre wichtige Funktion erfüllen – ob bei der Begleitung von Unternehmen auf ausländische Märkte, an den Kapitalmarkt, bei M&A oder in der Anlageberatung. Sie werden auch auf den unterschiedlichsten Wegen die Herausforderungen der Digitalisierung für sich meistern und an der Seite ihrer Kunden bleiben. Denn das zeigen alle Untersuchungen: Wenn es um Finanzgeschäfte geht, vertrauen die Deutschen zuallererst ihrer Bank. Und Kundenvertrauen ist auch in einer zunehmend digitalen Welt Gold wert.

Entscheidend ist allein, was der Kunde macht und will. Daran muss sich unser Leistungsangebot ausrichten. Marija Kollak
Für die privaten Banken ist die Digitalisierung eine große Chance und eine Herausforderung zugleich. Hans-Walter Peters
Auch in einer digitalen Transformation wollen wir die reale Nähe zum Kunden nicht verlieren. Helmut Schleweis

 

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