Lieferketten: Global und resilient – ein Widerspruch in Krisenzeiten?

Lieferketten

Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Die Zukunft der Automobilindustrie“ vom 05.12.2022

von Dr. Holger Engelmann

Seit Jahren befindet sich die Automobilindustrie in einer tiefgreifenden Transformation – für viele Unternehmen der Branche eine gewaltige, mit hohen Investitionen verbundene Herausforderung. Bei Webasto begreifen wir diesen Umbruch vor allem als Chance, haben früh auf Elektromobilität gesetzt, viel Geld in die Hand genommen und zusätzliche Experten an Bord geholt. Die ganze Organisation auf die Zukunft auszurichten war ein Kraftakt, der sich nun beginnt auszuzahlen. Wir haben uns rasch als Anbieter von elektrischen Heizern, Ladelösungen und Batteriesystemen im Markt etabliert.

Als wir die Entscheidung trafen, uns neben Dachsystemen und Standheizungen völlig neue Geschäftsfelder zu erschließen, ahnte niemand, dass innerhalb kürzester Zeit mehrere weltweite Krisen unser Wirtschaftsleben gravierend verändern und der Ausnahmezustand zum Normalfall werden würde. Zur Steuerung eines anspruchsvollen Transformationsprozesses kam auch für uns die Notwendigkeit, sich mit Hochdruck um die Sicherung von Kundenprojekten weltweit unter erschwerten Bedingungen mit immer wieder neuen Störfaktoren zu kümmern.

Mehrere Krisen parallel zu meistern, ist nicht nur finanziell aufwändig, sondern auch für die Menschen in einer Organisation eine enorme Belastung. Das Management von Produktions- und Lieferketten ist in der Dauerkrise komplexer geworden, und die entscheidende Frage ist: Wie schaffen es international agierende Unternehmen, selbst bei anhaltenden Pandemien, Volatilitäten und Kriegen, künftig erfolgreich zu sein? Ein wesentlicher Schlüssel dazu ist, die eigenen Strukturen gegenüber zunehmenden Risiken  widerstandsfähiger zu machen. Bei Webasto ist ein zentraler Ansatz in der aktuellen Situation, sich als globales Unternehmen stärker regional aufzustellen.

Grundsätzlich im Markt für den Markt
Webasto hat hier eine vergleichsweise günstige Ausgangsposition: Mit mehr als 50 Standorten und rund 16.000 Mitarbeitenden sind wir weltweit breit aufgestellt und auf allen wichtigen Automobilmärkten vertreten. Dadurch haben wir die Auswirkungen von Krisen in der Vergangenheit weniger deutlich zu spüren bekommen als viele andere Unternehmen. Wir produzieren in über 30 Werken grundsätzlich im Markt für den Markt und kaufen auch zum Großteil in der jeweiligen Region ein.

Wir prüfen derzeit, ob und unter welchen Bedingungen sich unser Produktions- und Liefernetzwerk noch stärker regionalisieren lässt. Denn auch wir beziehen nicht alle Komponenten für die Herstellung unserer Produkte lokal – in der Regel waren in der Vergangenheit vor allem die Verfügbarkeit in der erforderlichen Qualität und der Preis ausschlaggebend. Um zu entscheiden, ob wir künftig noch mehr Teile von globalen Anbietern mit Produktion in der Nähe unserer Werke oder von lokalen Lieferanten beziehen, fallen inzwischen zudem ökologische und geopolitische Gesichtspunkte stärker ins Gewicht. Hier müssen wir von Fall zu Fall sorgfältig abwägen und getroffene Entscheidungen auch immer wieder hinterfragen, um robust sowie zugleich flexibel und effizient zu bleiben.

Aber eines ist auch klar: Als globaler Systempartner der Mobilitätsbranche sind wir selbst Teil der Lieferketten unserer Kunden. Das heißt: Wir können unsere eigenen Strukturen und Prozesse regionaler gestalten, um in Krisenzeiten resilienter zu sein, haben jedoch keinen Einfluss auf die anderen Zulieferpartner der Automobilhersteller. Wenn sie Fahrzeuge wegen anderer fehlender Komponenten nicht fertigstellen können, beispielsweise weil es zu Engpässen wegen vermehrten Corona Inzidenzen oder kriegerischen Auseinandersetzungen kommt, verschieben sich auch die Abrufe bei uns.

Ein engerer Austausch mit Geschäftspartnern, unseren Kunden und Lieferanten, zur Sicherung von Leistungs- und Lieferketten ist daher unerlässlich. Unternehmen auf der ganzen Welt stehen vor den Herausforderungen von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität, müssen sich auf die VUCA-Anforderungen einstellen und flexibler, robuster, dynamischer und auch widerstandsfähiger werden. Verlässliche Partner und eine enge, langfristige Zusammenarbeit sind wichtiger denn je. Die gemeinsame Entwicklung innovativer Lösungen und die Digitalisierung tragen zu einer erfolgreichen Kunden-Lieferantenbeziehung und damit zu mehr Resilienz bei.

Starke Regionen
Um als globales Unternehmen besser auf Krisen und Risiken reagieren zu können, ist nicht nur eine stärke Regionalisierung der Lieferketten nötig, sondern auch die Stärkung der einzelnen Regionen – in unserem Fall Nordamerika, Europa, China und der asiatisch-pazifische Raum. Unser Ziel ist es, dass unsere Organisationen in den verschiedenen Märkten möglichst autark, robust und profitabel agieren. Überall dort in der Welt, wo wir Perspektiven zur Weiterentwicklung unseres Geschäfts sehen, investieren wir auch.

Eine besondere Rolle kommt China zu. Es ist seit Jahren unser größter Einzelmarkt, aktuell machen wir rund ein Drittel unseres Umsatzes in dem Land, und auch künftig wird China ein wichtiger Markt für uns bleiben. Mit Blick auf Risikomanagement und Stärkung der Resilienz ist uns aber ein breiter weltweiter Footprint wichtig. Daher konzentrieren wir uns derzeit zusätzlich auf die Entwicklungspotenziale in anderen Regionen.

Seit Jahrzehnten ist Webasto in Japan und Südkorea erfolgreich. In Pune in Indien – einem Wachstumsmarkt mit sehr großem Potenzial – haben wir in diesem Jahr ein erstes Werk für die Produktion von Dachsystemen errichtet. Ein weiteres im Südwesten des Landes ist in Planung. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach unseren Produkten in Japan haben wir kürzlich an unserem Standort Hiroshima unsere Kapazitäten erweitert. Darüber hinaus bauen wir derzeit auch in Nordamerika und Europa mehrere neue Werke auf und bestehende aus, um unter anderem das Interesse an unseren Lösungen für die Elektromobilität bedienen zu können.

Die Globalisierung lässt sich nicht zurückdrehen. Dennoch ist die aktuelle Entwicklung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen besorgniserregend. Eine internationale, vernetzte Wirtschaft mit offenen Märkten und globalem Handel hat Menschen in sehr vielen Regionen der Welt mehr Wohlstand gebracht. Das gilt auch für Deutschland, in dem viele Arbeitsplätze am Export und dem Erfolg von Firmen im Ausland hängen. Protektionistische Tendenzen schränken nicht nur den Austausch von Waren, sondern auch den fachlichen und persönlichen Austausch ein, der die Offenheit und den Respekt von anderen Kulturen fördert. Auch dieser Aspekt – das Verständnis und das Vertrauen von Kolleginnen und Kollegen sowie Geschäftspartnern weltweit – trägt zur Resilienz in herausfordernden Zeiten bei.

Die Transformation der Automobilindustrie ist nicht abgeschlossen – es gilt, diese weiter erfolgreich voranzutreiben und gleichzeitig den Krisenalltag gut zu managen. Die Basis dafür ist, die Stabilität globaler Lieferketten zu erhalten, indem wir sie resilienter gestalten. Global und resilient ist kein Widerspruch, erfordert aber viel Einsatz, Flexibilität und einen gewissen Pragmatismus.

Dr. Holger Engelmann, Vorstandsvorsitzender, Webasto SE

Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „Restrukturierung“ erschienen.

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