AUTOFAHRER AUF ENTZUG?

KAMINGESPRÄCH

Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer, Universität Duisburg-Essen
Sweelin Heuss, Geschäftsführerin, Greenpeace e.V.
Ralf Pfitzner, Leiter Konzern Nachhaltigkeit, Volkswagen AG
Hans-Jürgen Jakobs, Senior Editor/Auto Handelsblatt

Pointierte Aussagen in launiger Atmosphäre – dieses Rezept machte das Kamingespräch am Eröffnungsabend des Handelsblatt Auto-Gipfels ebenso informativ wie unterhaltsam.

Den Schlagabtausch eröffnete Greenpeace-Chefin Sweelin Heuss. Die Frage von Moderator Hans-Jürgen Jakobs, ob nach so vielen rauschenden Erfolgen die automobile Party jetzt vorbei sei, nahm sie dankbar auf und landete einen verbalen Wirkungstreffer: Die Party sei sogar „aus dem Ruder gelaufen und ausgeartet ins Komasaufen. Jetzt geht‘s in die Entzugsklinik …“ Ralf Pfitzner, bei Volkswagen für Nachhaltigkeitsbelange verantwortlich, sieht diesem „Entzug“ von den fossilen Brennstoffen gelassen entgegen: „Ich fahre selber elektrisch und möchte es nicht mehr missen. Jenseits von gesetzlicher Regulierung bin ich überzeugt, dass der Markt entscheidet und der Tipping Point, der Umschwung zur Elektromobilität, sehr viel schneller kommen wird als erwartet.“

Einig war sich die Runde auf die Frage nach der Zukunft des Verbrennungsmotors. „Null“, brachte es Ferdinand Dudenhöffer bekannt pointiert auf den Punkt. Und dies auch, weil sich angesichts der sinkenden Batteriekosten ein Diesel-Pkw bald nicht mehr wettbewerbsfähig bauen lassen werde. Wichtig sei ein fester Ausstiegszeitpunkt, ein Datum für die Dekarbonisierung. Für Greenpeace lautet dieses: „2025 keine Autos mit Verbrennungsmotor in Deutschland mehr zulassen.“ Ralf Pfitzner rechnet zurück: „Wenn wir das Ziel des Paris Agreement ernst nehmen, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen, dann kann es 2050 keine Verbrennungsmotoren mehr geben.“ Bei der Abwägung der technologischen Alternativen sieht Volkswagen den batterieelektrischen Antrieb klar im Vorteil: „Am Ende des Tages ist Elektrifizierung energetisch und ökologisch der beste Weg“, so Pfitzner.

Alles gut also? Keinesfalls, denn der Politik schrieben Sweelin Heuss und Ferdinand Dudenhöffer schwere Versäumnisse ins Stammbuch. „Es gibt nach wie vor keine wirkliche Klimapolitik“, so Sweelin Heus. Auch der ansonsten gern industriekritisch auftretende Branchenexperte Prof. Dudenhöffer sieht einen Großteil der derzeitigen Dilemmas der Automobilindustrie im Tun – und noch mehr im Unterlassen – der Bundesregierung: „Dadurch, dass löchrige Gesetze gemacht wurden, die angeregt haben, die Schwellen zu überschreiten, wurde die Grundlage geschaffen, dass wir jetzt in dieser Situation sind.“ Das wollte Ralf Pfitzner so nicht stehen lassen und legte das verbale Büßerhemd an: „Betrug ist nicht durch falsche Gesetze zustande gekommen, hier hat VW teures Lehrgeld bezahlt“, betonte er und versprach für die Zukunft: „Wir dulden keinen Betrug.“

Fakt sei, unterstrichen Dudenhöffer und Heuss: Mit ihrer Nachsichtigkeit tue die Politik der deutschen Automobilwirtschaft keinen Gefallen. „Die Industrie wird getrieben durch das, was weltweit passiert“, konstatiert Sweelin Heuss. Städte und ganze Länder werden künftig keine Verbrennungsmotoren mehr zulassen. Doch erst mit der Verkündung der seit Anfang 2019 geltenden Elektroautoquote in China sei ein Ruck durch die deutsche Automobilindustrie gegangen.

Kann der von ZF-Chef Wolf-Henning Scheider skizzierte Volkshybrid die Lösung sein? „Übergangsweise ja, auf lange Sicht nein“, findet Ferdinand Dudenhöffer, der mit dem Vergleich für Heiterkeit sorgte, „kein Mensch läuft mit Gürtel und Hosenträgern durch die Gegend.“ Ralf Pfitzner trat abschließend dafür ein, den Mobilitätsmix toleranter zu sehen als bisher. Ob Bus und Bahn, Carsharing, Fahrrad, autonomes Ride Hailing – es gebe für jeden Bedarf eine Lösung.

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Verfasst in: Allgemein, Blog