Radikale Offenheit


von Dr. Philipp Hübl

Probieren Sie im Restaurant jedes Mal ein neues Gericht aus? Fahren Sie an Urlaubsorte, die sie noch nicht kennen? Dann haben sie ziemlich wahrscheinlich einen hohen Wert beim Persönlichkeitsmerkmal „Offenheit“.

Menschen, die der Welt gegenüber offen sind, wählen eher progressive und liberale Parteien. Die Forschung zeigt: Offenheit ist ein besserer Indikator, um Wahlverhalten vorherzusagen, als klassische Merkmale wie Auffassungen über Steuerpolitik.

Sind sie besonders strukturiert, diszipliniert und halten ihre Versprechen? Dann haben sie vermutlich einen hohen Wert bei „Verlässlichkeit“. Verlässliche Menschen legen Wert auf Ordnung und kommen selten zu Terminen zu spät. Wenig überraschend wählen verlässliche Menschen eher traditionelle und konservative Parteien.

Offenheit zeigt progressives Denken an, Verlässlichkeit hingegen eher traditionelles. Das haben Psychologen weltweit nachgewiesen. Da beide Merkmale unabhängig voneinander sind, lautete die Preisfrage: Wie verhält sich jemand, der sowohl offen als auch verlässlich ist, und zwar nicht nur auf die Politik bezogen, sondern auch auf die Arbeit und das Leben?

Gerade Manager müssen diese zwei Eigenschaften verbinden: Auf der einen Seite Verlässlichkeit in der Führung des Unternehmens mit einer Betonung auf Disziplin und Struktur; auf der anderen Seite Offenheit gegenüber Innovationen im Unternehmen und am Markt. Manager neigen idealerweise gleich stark zum progressiven und zum traditionellen Denken.

Besonders das Risikomanagement vereint diese Denkstile, und es sind auch gerade diese beiden Merkmale, die Investoren im Blick haben, wenn sie Unternehmen bewerten. Offenheit: Traut man dem Unternehmen Innovationskraft zu? Verlässlichkeit: Wie war die Leistungsbilanz des Führungsteams in den letzten Jahren?

Die zugrundeliegende Persönlichkeitstheorie zeigt, dass die Werte eines Menschen über das Leben relativ konstant bleiben und nur zu einem gewissen Grad flexibel sind. Man kann sie übrigens auch indirekt testen. Forscher schauen sich zum Beispiel die Schlafzimmer und Schreibtische von Probanden an. Ein guter Indikator für Offenheit ist, wenn Menschen Andenken und Fotos von Reisen in ihrer Wohnung haben und wenn Kunst an den Wänden hängt.

Verlässliche Menschen hingegen halten eher Ordnung, auf ihren Schreibtischen liegen oft Kalender und Briefmarken. Zudem sind ihre Schlafzimmer gut gelüftet und man findet dort Haushaltsgeräte wie Bügeleisen. Was im Schlafzimmer passiert, hängt also auch von Persönlichkeitsmerkmalen ab.

Persönlichkeitsmerkmale sind fundamental für das menschliche Leben. Sie sind Teil unserer Identität und haben Einfluss auf unsere Moralvorstellung. Um das zu verstehen, muss man einen kleinen Exkurs in die Evolutionstheorie machen. Die Schwankung im Wert Offenheit kann man aus dem „Dilemma der Allesfresser“ heraus verstehen. Unsere Vorfahren mussten bei Nahrungsknappheit Neues ausprobieren (neophil sein), denn sonst wären sie verhungert. Gleichzeitig mussten sie dem Neuen vorsichtig begegnen (neophob sein), denn vieles davon war giftig oder ansteckend.

Das Dilemma war also zugespitzt: beim Alten bleiben und verhungern oder etwas Neues ausprobieren und im Extremfall daran sterben. Das gilt auch für das Erkunden neuer Jagdgebiete, das zum Erfolg oder zum Untergang führen konnte. Solange alles glatt läuft, ist die Scheu vor Neuem eine Tugend: wenig Experimentieren vermindert das Risiko. Wenn sich die Umwelt hingegen schnell ändert, ist Offenheit geboten.

Die Analogie zum unternehmerischen Umfeld liegt auf der Hand: Im Zeitalter der Digitalisierung ändert sich die Umwelt schnell. Doch um den digitalen Wandel zu verstehen, stellen die meisten Analysen die falsche Frage, nämlich: Wie verändern die neuen Technologien uns? Die wichtigere Frage lautet aber: Wie müssen wir uns verändern, welche Eigenschaften müssen wir haben, um mit dem Wandel umzugehen? Je schneller die Umbrüche in der Gesellschaft, desto zentraler wird Offenheit als Handlungsmaxime. Offenheit ist die Tugend der digitalen Epoche.

Solange alles glatt läuft, ist die Scheu vor Neuem eine Tugend: wenig Experimentieren vermindert das Risiko. Wenn sich die Umwelt hingegen schnell ändert, ist Offenheit geboten.

Beispiel Technik: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich das Leben im Kern wenig verändert. Die heute über 40-jährigen sind in einer analogen Zeit aufgewachsen, in der eine inkrementelle Logik vorherrschte: die Idee, dass man Produkte und Firmen schrittweise verbessert. Die Autos wurden schneller, sicherer und komfortabler und die Produkte im Supermarkt vielfältiger. Der Prototyp dieser inkrementellen Logik ist die deutsche Ingenieurskunst, deren Grundidee lautet: Verfeinerung und Optimierung.

Seit einigen Jahren jedoch folgen Technologien einer disruptiven Logik. Im Banking beispielsweise revolutioniert FinTech gerade die Branche, besonders sichtbar beim mobilen Zahlen. Bankautomaten und EC-Karten werden uns bald so altertümlich vorkommen wie heute Faxgeräte.

Auch in der Politik kann man diesen Umbruch beobachten. Die jungen und progressiven Städter wollen Freiheit und Offenheit, während sich die konservative, eher ältere Landbevölkerung nach Tradition und Verlässlichkeit sehnt. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann- Stiftung zum Rechtsruck ist da aufschlussreich. Die Wähler der Rechtspopulisten in Europa verbindet nicht Einkommen oder Bildungsstand, sondern eine andere Gemeinsamkeit: Sie empfinden die Globalisierung als eine Bedrohung. Die Anhänger der Rechtspopulisten sind also nicht primär Systemkritiker, sondern vor allem Modernisierungsverweigerer – mit einem niedrigen Wert bei Offenheit.

Auch die urbanen Lebensstile sind inzwischen disruptiv. Durch die Digitalisierung trifft man Partner über Tinder und pflegt Freundschaften über Facebook. Das kann man weltweit beobachten. Die urbanen, kosmopolitischen Eliten bilden einen eigenen, neuen Stamm. Daher sind in vielen Konzernen die Teams bunter und internationaler als früher. Für die Mitglieder von traditionellen Stämmen war die geographische Herkunft wichtig. Für die neuen digitalen Stämme zählt nur, wohin sie wollen: in eine offene Zukunft.

Für Technik, Politik und Gesellschaft lautet die Diagnose: Wir leben in einer Zeit, in der es schwer geworden ist, Traditionalist zu sein. Deshalb ist es zwar verständlich, dass sich gerade jetzt wieder viele Menschen nach Tradition, Identität und Heimat sehnen. Als Antwort auf die digitale Globalisierung ist dieser verklärte Blick in die Vergangenheit aber die falsche Strategie.

Das gilt auch für Unternehmen. In unsicheren Zeiten führt an Offenheit kein Weg vorbei. Der Wahlspruch für die Unternehmensführung muss daher lauten: mehr Risiken eingehen. Leider kann man in disruptiven Epochen die Risiken nur begrenzt vorhersagen. Das liegt in der Natur der Sache. Vorhersagen rechnen aus der Erfahrung der Vergangenheit hoch und ähneln darin der inkrementellen Logik. Doch um zu wissen, auf welche Ideen die Menschen in Zukunft kommen werden und wie diese Ideen die Welt verändern, bräuchten wir göttliche Prophezeiungen statt wissenschaftlicher Vorhersagen.

So scheint Zukunftsplanung auf den ersten Blick unlösbar: Wie kann Risikobewusstsein verlässlich sein, wenn man von keinem Vorwissen ausgehen kann? Tatsächlich ist die Lage nicht ganz aussichtslos. Dazu muss man sich die Umbrüche genauer ansehen. „Disprution“ heißt nicht, dass jetzt alles anders wird, also bald weder Autos noch Verlage existieren. Die digitalen Umbrüche betreffen vielmehr eine Entkopplung von Träger und Funktion. Die Funktion bleibt, aber die Träger wechseln. Zeitungsverlage vertreiben keine gedruckten Zeitungen mehr, sondern haben sich abstrakt neu definiert: als digitale Nachrichtenunternehmen. Autobauer verkaufen bald nicht mehr Autos an Privatpersonen, sondern Mobilitätskonzepte für Städte oder ganze Länder.

Um die Umschwünge zu antizipieren, kann man sich doch auf etwas Vertrautes verlassen, nämlich die anthropologischen Konstanten, die universelle Bedürfnisse und Vorlieben, die bleiben: Dazu gehört der Wunsch nach Informationen und Mobilität, aber auch nach sozialer Anerkennung oder Geborgenheit. Die Bedürfnisse bleiben konstant, die Umsetzung ändert sich radikal.

Das heißt aber für Manager und speziell die Finanzchefs der Unternehmen: Früher war der Blick in die Vergangenheit von Vorteil, um den Schritt in die Zukunft zu meistern. Heute muss der Blick zuerst auf die Zukunft gerichtet sein. Weniger Tradition ist gefragt, dafür mehr Antizipation. Die neue Rolle lautet: weniger verwalten, mehr entscheiden. Weniger Traditionalist sein, dafür agiler und offener handeln.

Das zeigt auch eine Studie des World Economic Forums, die gefragt hat, mit welchen Fähigkeiten man die Vierte Industrielle Revolution meistern kann. Besonders Kreativität und kritisches Denken werden in Zukunft in den Vordergrund rücken. Beide Fähigkeiten sind dezidiert nicht-traditionalistisch und mit einem hohen Maß an Offenheit korreliert.

Kritisches Denken ist nicht dasselbe wie Intelligenz, wie Studien zeigen. Intelligenz ist erst einmal die pure Rechenkraft. Kritisches Denken geht darüber hinaus. Hier zählt, sich dem ersten Impuls zu widersetzen und die traditionellen Bahnen des Denkens zu verlassen. Und das kann man lernen und trainieren.

Kreativität als zweite Fähigkeit der Zukunft ist der Offenheits-Indikator par excellence. An der Finanzfunktion kann man das gut verdeutlichen. Die alte Rolle war Kontrolle, zum Beispiel die Prämissen des Marketings anzuzweifeln oder die Finanzierbarkeit von Projekten zu überprüfen. Die neue Rolle geht darüber hinaus, indem man auf die kritisch-kreative Ebene umschaltet: Wo im Unternehmen ist die Phantasie für disruptive Zeiten, der Hunger nach Neuem?

Kreativität und kritisches Denken haben nicht nur eine kognitive, sondern auch eine motivationale Komponente. Sie drücken vor allem eine Einstellung aus, einen Habitus. Das zeigt vor allem der Blick auf die Weltwirtschaft. In Europa könnten Unternehmen noch deutlich offener, kreativer und mutiger werden. Es gibt bisher zu wenige große disruptive Geschäftsideen, von Leuten, die so progressiv denken wie die Gründer der GAFA-Unternehmen. Diese Nachfolger der Hippies aus Kalifornien haben Offenheit zu ihrem Lebensstil erkoren.

Offenheit als Handlungsmaxime bedeutet mehr Verantwortung für das Management, aber auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten für Einzelpersonen. Die unternehmerische Zukunft wird anstrengender und riskanter, dafür aber individueller und kreativer.

Dr. Philipp Hübl, Philosoph und Autor