Innovation kommt aus dem Innern


Telefónica Deutschland CFO
Markus Rolle zieht aus der Emission des ersten Blockchain-Schuldscheins seines Unternehmens Schlüsse für die Digitalisierung Deutschlands

von Markus Rolle

W e oft hören wir, wir müssten bei der Digitalisierung aufs Tempo drücken? Groß denken und uns ein Beispiel an Google, Facebook oder Amazon nehmen? Oder am besten gleich ins Silicon Valley pilgern, um sich den Digital-Spirit der Start-up-Szene im Westen der USA abzuschauen und die Erleuchtung zu finden?

Keine Frage: Wie wir mit der Digitalisierung umgehen und wie wir sie gestalten, wird über die Zukunft unserer Wirtschaft, aber auch unserer Gesellschaft entscheiden. Und dennoch lässt mich die Lektüre solcher Aufrufe meist etwas verwundert zurück. Man gewinnt den Eindruck, es gebe ein geheimes Rezept, eine Formel, mit der binnen kurzer Zeit alle anstehenden Herausforderungen perfekt zu lösen sind. Das klingt zunächst einmal verlockend.

Wer aber diese Digitalisierungs-DNA noch nicht gefunden hat, hat automatisch das Nachsehen. Innovation scheint dann immer woanders stattzufinden. Ich halte diese Sicht für falsch. Digitalisierung ist kein heiliger Gral. Nein: Wir alle können Digitalisierung. Die Potenziale liegen vor uns, sie stecken in jedem Unternehmen. Wir müssen sie nur erkennen und nutzen lernen.

Denn Digitalisierung fußt auf dem Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen, um bessere Lösungen für existierende Anforderungen zu entwickeln. Ein Beispiel hierfür ist die Emission unseres ersten Blockchain-Schuldscheins im Januar 2018. Auch in diesem Fall stand am Anfang eine Idee. Sie kam vom Leiter unseres Corporate Finance-Bereichs, kondensiert in einer durchaus provokanten Frage: „Warum machen wir als Vorreiter in Sachen Digitalisierung nicht auch einmal eine Finanzierung über die Blockchain?“

Die Frage ist mehr als berechtigt. Jeder, der sich ein wenig mit Blockchain-Technologie beschäftigt hat, weiß um ihre Vorteile: Transparenz, Sicherheit, Vereinfachung, Geschwindigkeit und Kostenreduktion. Schuldscheindarlehen wiederum erfordern bislang händische Arbeit, viele E-Mails und Excel-Listen und zahlreiche Unterschriften aller Beteiligten. Gerade deswegen eignen sie sich besonders gut dazu, per Blockchain automatisiert zu werden. Die Software übernimmt die Genehmigung der Vertragsbedingungen, die Platzierung der Order, die Zuteilung der Emission sowie in der Folge die Kapital- und Zinszahlungen.

Aber: Die Blockchain ist ein technisch komplexes Konstrukt. Und Telefónica Deutschland hatte bisher kein erwiesenes Know-how auf diesem Gebiet. Schon deshalb klang die Idee ambitioniert.

Wir hatten den Mut und die Neugierde, es dennoch zu versuchen. Wir fanden schnell heraus, dass es im Unternehmen Mitarbeiter gab, die sich – auch privat – bereits intensiv mit dem Thema Blockchain auseinandergesetzt hatten. Sie waren hoch motiviert, ihre Expertise einzubringen. Zugleich fanden wir mit der Landesbank Baden-Württemberg einen Partner, der bereits erste Erfahrungen mit der Emission von Schuldscheinen via Blockchain gesammelt hatte.

Gemeinsam setzten wir uns zum Ziel, ein solches Schuldscheindarlehen auch an eine größere Gruppe von Kunden zu vermarkten. Und wir wollten testen, ob man das Volumen der Transaktion erhöhen könnte, indem man es mit einem herkömmlichen Schuldschein kombiniert. Innerhalb weniger Wochen setzte eine kleine Arbeitsgruppe aus unterschiedlichen Fachbereichen den Plan in die Tat um.

Das Experiment war ein voller Erfolg. Wir konnten mehr Geld einsammeln als erwartet. Besonders die Blockchain-Tranche war stark überzeichnet, so dass wir sie um die Hälfte auf 75 Millionen Euro aufstocken konnten. Vor allem aber haben wir Pionierarbeit geleistet – und das im globalen Maßstab. Zum ersten Mal wurde ein Blockchain-Schuldschein an so viele Darlehensgeber vertrieben. Und zum ersten Mal wurde eine Blockchain-Tranche in Verbindung mit einer konventionellen Schuldschein-Tranche kombiniert.

Die Transaktion selbst mag das globale Finanzwesen nicht revolutionieren, ja, vielleicht nicht einmal die Finanzierungsstrategie unseres Unternehmens. Und doch bin ich überzeugt, dass wir genau auf diese Weise Innovation schaffen: Durch die Bereitschaft, neue Technologien auszuprobieren. Dadurch, dass wir ständig auf der Suche nach Antworten sind und dabei neue Fragen aufwerfen. Und, nicht zuletzt, indem wir uns auch erlauben zu scheitern, weil wir eine passende Antwort nicht sofort finden.

Für das Gelingen waren vier Faktoren ausschlaggebend:

Erstens: Verschiedene Unternehmensbereiche arbeiteten eng und partnerschaftlich zusammen – Corporate Finance, Mitarbeiter aus der IT und die Software-Experten unserer Tochtergesellschaft Telefónica NEXT.

Zweitens: Wir konnten auf einen starken Partner zählen. Die LBBW stellte mit ihrer Erfahrung eine starke Basis für die Transaktion zur Verfügung.

Drittens: Durch konkrete Fristen konnten wir eine hohe Umsetzungsgeschwindigkeit erreichen. Innerhalb weniger Wochen ging das Schuldscheindarlehen in den Vertrieb. Dabei konnten wir durch Flexibilität schnell Problemlösungen finden.

Und viertens: Wir haben bewusst auf internes Know-how statt auf externe Berater gesetzt. So konnten wir im Laufe des Prozesses Fertigkeiten ausbauen, die uns auch bei künftigen Projekten helfen dürften.

Wir haben im Zuge der Emission so viel über die Blockchain, ihre Vorteile und ihre Anwendung gelernt, dass wir bereits erwägen, sie in anderen Geschäftsfeldern einzusetzen. Denkbar sind hier etwa die Bereiche Logistik, Netz oder Vertrieb. Unsere Erfahrungen mit der Blockchain sind durchweg positiv. Wobei ein Wertmutstropfen bleibt: Noch können wir in Deutschland ihre Möglichkeiten nicht vollumfänglich nutzen. Bei unserer Schuldscheinemission mussten wir parallel den herkömmlichen Dokumentationsprozess durchlaufen, samt dem damit verbundenen Zeit- und Ressourcenaufwand. Hier ist der Gesetzgeber gefordert: Er muss für Rechtssicherheit bei Blockchain-Verfahren sorgen.

Davon unabhängig steht für mich fest: Kaum eine digitale Innovation seit dem Internet verspricht, unsere Wirtschaft so sehr zu verändern, wie die Blockchain. Fälschungssicherheit ist das Grundprinzip ihrer Architektur. Dadurch ermöglicht die Blockchain Vertrauen in Transaktionen zwischen einander unbekannten Prozessteilnehmern, ob im Finanzmarkt, im Vertrieb oder der Logistik.

Hinzu kommt, dass die Blockchain auch Transaktionen zwischen Maschinen erlaubt, die durch künstliche Intelligenz gesteuert werden. Das wiederum ermöglicht weitere digitale Automatisierung und damit völlig neue Geschäftsmodelle.

Kurzum: Mit dieser Technologie können wir ein enormes Potenzial heben. Um das zu erreichen, sind wir alle gefragt, mit unserem Mut, mit unserer Experimentierfreudigkeit und mit Vertrauen in die eigene Innovationskraft. Ich bin überzeugt: In unseren Unternehmen steckt mehr Potenzial, als wir oft denken. Umso mehr gilt es, eigene Talente zu entdecken, ihre Fähigkeiten zu fördern und neue Wege zu beschreiten.

Markus Rolle, Finanzvorstand Telefónica Deutschland Holding AG