Sind Bäckereien oder die klassischen Tankstellen für eine e-mobile Zukunft besser aufgestellt?


Roland M. Schüren stellt auf der diesjährigen Handelsblatt Jahrestagung „Handel und Wandel in Tankstellen und Convenience-Shops“ die Frage, ob Bäckereien für eine e-mobile Zukunft nicht besser aufgestellt sind als die klassischen Tankstellen. Wir haben mit ihm darüber im Interview gesprochen.

HuW: Herr Schüren, Sie sind der Meinung, dass Bäckereien zukünftig die besseren E-Tankstellen sein könnten. Wie kommen Sie zu dieser provokanten These?

Roland M. Schüren: Weil ich das mit meiner Firma selbst ausprobiert habe. Unsere Bäckerei befindet sich in der Nähe des Hildener Autobahnkreuzes und ist von der Autobahn aus gut erreichbar. Dort betreiben wir den bislang größten, privat geführten Ladepark mit 21 direkt zugänglichen Ladeplätzen. In die Bäckerei sind außerdem ein Laden und ein Café integriert. Das hat den Vorteil, dass man in der Zeit, in der das Elektroauto auflädt, gemütlich im Café sitzen und warten kann. Denn noch dauert das Laden eines Elektrofahrzeugs ja deutlich länger, als der normale Tankvorgang. Alternativ kann man sich in der Umgebung auch anderweitig beschäftigen, weil man nicht auf das Gelände einer Autobahnraststätte beschränkt ist. Darüber hinaus herrscht bei uns eine deutlich angenehmere Atmosphäre als direkt an der Tankstelle mit Sprit- und Dieselgerüchen.

HuW: Zur Stromversorgung Ihres Betriebs betreiben Sie auch eine Photovoltaikanlage. Durch ein effizientes Wärmerückgewinnungsverfahren aus Ihrer Backstube können Sie jedoch soviel Energie einsparen, dass sie in der Lage sind, einen Großteil des produzierten Stroms an Ihrer E-Tankstelle bereitzustellen. Glauben Sie denn, dass Ihr Verfahren auch von andere Bäckereien adaptiert werden könnte?

Schüren: Ja, das können andere Bäckereien auch, da sie sehr ähnliche Voraussetzungen haben. Die beim Backen entstehende Abwärme lässt sich nutzen, um den Stromverbrauch der Backstube zu reduzieren. Aus diesem Grund ist unsere Grundlast sehr gering. Und das ist wiederum die Voraussetzung dafür, dass wir mit unserer Photovoltaik-Anlage – insbesondere in der Übergangszeit, wenn es wieder wärmer wird, und im Sommer – an Vormittagen immer mehr Strom produzieren, als wir verbrauchen. Das heißt, wenn nachmittags jemand zu uns zum Aufaden kommt, dann stammt der Strom aus eigener Herstellung. Das macht das Ganze dann auch wirtschaftlich attraktiv. Als Betrieb kaufen wir den Strom in der Nacht noch günstiger ein, als Privathaushalte. Das macht es auch für andere Bäckereien interessant, sich auch als E-Mobiltankstelle aufzustellen.

HuW: Angesichts der großen Konkurrenz, die Bäckereien in den vergangenen Jahren durch die Aufbackwaren großer Discounter erhalten haben, ein attraktives neues Geschäftsmodell für Bäckereien. Vielen Bäckereien ging es – auch infolge dieser Konkurrenz – in der Vergangenheit wirtschaftlich immer schlechter. Welche Wege können Bäckereien Ihrer Meinung nach noch gehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

Schüren: Genau von diesen Aufbackstationen und den industriell hergestellten, oft nur warm gemachten Teiglingen, sollten sich Bäckereien durch die Qualität ihrer Ware unterscheiden. Wir erreichen das auch durch Regionalität oder durch Bio-Produkte. Wer hier auf Nachhaltigkeit und Natürlichkeit setzt, wie wir, der kann sich deutlich davon abgrenzen. Das lokale Bäckerhandwerk kann die Frische natürlich viel besser gewährleisten als jemand, der nur aufbackt. Das schmeckt der Kunde.

HuW: An Ihrer Elektrotankstelle konnte man bisher umsonst tanken. Die Betreiber der neuen Ladesäulen an Tank und Rast-Tankstellen lassen sich den Strom aus ihren Ladesäulen nun bezahlen. Dass der Strom nicht auf Dauer kostenlos bleiben würde, war klar, aber es gibt Kritik daran, dass der Preis anhand der Ladezeit ermittelt wird. Das halten viele für unfair. Wie wird das in Zukunft bei der E-Tankstelle Schüren aussehen?

Schüren: Auch wir müssen nun langsam anfangen, auf ein Bezahlmodell umzustellen, vermutlich werden wir das noch in der ersten Jahreshälfte tun. Zu Beginn konnten wir den Strom kostenlos anbieten, da Elektroautos noch nicht so verbreitet waren. Das hat sich inzwischen aber geändert. In Bezug auf das Abrechnungsmodell stehen daher nun alle vor dem gleichen Problem. Das Eichrecht sieht die Abrechnung nach Kilowattstunden vor. Für Schnellladestationen, die im Gleichstrombereich arbeiten, gibt es dafür aber bislang noch nicht die erforderliche Technik. Diese wird gerade erst entwickelt. Daher gibt es im Moment keine andere Möglichkeit als zeitbasiert abzurechnen oder über Pauschalen. Das ist natürlich nicht ganz gerecht, wenn der eine z. B. ein Fahrzeug hat, das dreiphasig laden kann, während ein anderes nur einphasig lädt. Deshalb führt der Weg für uns vorerst über Pauschalen.

HuW: Welche Entwicklungen für die Branche würden Sie sich in den kommenden Jahren wünschen?

Schüren: Also ich wünsche mir, dass unsere Kunden erkennen, welche Vorteile Nachhaltigkeit bei der Lebensmittelherstellung, beim Vertrieb, beim Versand usw. hat. Denn dann könnte die Bäckerbranche erhebliche Vorteile genießen, die sie in der Vergangenheit zum Teil nicht hatte. Gerade durch die Gesetzgebung zum Verkauf von Reisebedarf und die damit verbundene Besserstellung beim Ladenschlussgesetz sind die Tankstellen seit den 80er und 90er Jahren sehr privilegiert worden. Diese begannen infolgedessen, selbst zu backen und aufzubacken. Das hat unter Bäckern natürlich einen Sturm der Entrüstung ausgelöst und zum Teil auch zu Umsatzrückgängen geführt. Insofern freue ich mich, dass ich als Bäcker mit eigener Elektrotankstelle nun ein wenig zurückschlagen kann.

Roland M. Schüren

Inhaber, Bäckerei Schüren. Er spricht auf der diesjährigen Handelsblatt Jahrestagung Handel und Wandel zum Thema „Eine Bäckerei schlägt zurück – Erzfeind aufbackende Tankstelle wird e-mobil attackiert“.

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