Wir müssen da sein, wo der Kunde nach Lösungen sucht – Interview mit Jörg Münning


Titelbild: Wir müssen da sein, wo der Kunde nach Lösungen sucht – Interview mit Jörg Münning

Zinsentwicklung, Bankenregulierung und Digitalisierung sind die zentralen Herausforderungen vor denen die Bausparkassen momentan stehen. Lesen Sie im Interview mit Jörg Münning, Vorsitzender des Vorstandes, LBS Westdeutsche Landesbausparkasse, wie die Bausparkassen diese Aufgaben anpacken und sich so fit machen für die Zukunft.

Herr Münning, vor welchen Herausforderungen stehen die Bausparkassen momentan?
Ich sehe drei wesentliche Herausforderungen:

1. Zinsentwicklung: Die Umsteuerung von lange sinkenden auf stagnierende/politisch abgeschaffte Zinsen führt zu einer Ergebnis- und Kapitalbelastung, die eine strukturelle Neuausrichtung der Unternehmen erforderlich macht. Hier ist die Branche heute unterschiedlich weit, wir haben unser entsprechendes Strategieprogramm gerade vorzeitig abschließen können.

2. Bankenregulierung: Den Schutz der Bausparkassen vor einer europäischen Regulierung, die Spezialbanken nicht gerecht wird und eigentlich die Verursacher der Finanzkrise kontrollieren soll. Die Bausparkassen wie auch die Sparkassen und Volksbanken haben sich in der Finanzkrise ab 2007 als Stabilitätsanker für den Finanzmarkt erwiesen und den Markt für Wohnimmobilienkredite aufrecht erhalten. Dieses Geschäft ist sehr kleinteilig und extrem risikoarm, die Kreditausfallquoten – nicht zuletzt wegen der „Vorsparerziehung“ beim Bausparen – entsprechend gering.
Trotz dieser systemimmanenten Stabilität hat unsere Branche dieselbe Flut von regulatorischen Anforderungen umzusetzen, wie die global agierenden Banken. So hat zuletzt der Gesetzgeber mit der Wohnimmobilienkreditrichtlinie die Anforderungen an die Kreditvergabe zusätzlich verschärft.

3. Digitalisierung – und zwar unter zwei Aspekten: 1. Kunden dort individuelle Lösungen anbieten, wo sie diese suchen und 2. gleichzeitig die Chancen für eine weitere Effizienzsteigerung im Betrieb nutzen.

Wie wirkt sich die Niedrigzinsphase aus, welche Strategien und auch Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht akut und zukünftig notwendig?

  • Problematisch ist für eine Bausparkasse vor allem eine Zeit lange sinkender Zinsen, weil die Darlehenszinsen der Tarife der realen Zinsentwicklung stetig hinterherlaufen. Hier ist eine permanente Tarifsteuerung gefragt. Die Nachfrage nach kollektiven Darlehen geht tendenziell zurück und muss durch Tarifwechselangebote sowie außerkollektive Kredite ausgeglichen werden.
  • In Zeiten stagnierender (Niedrig-) Zinsen wie zuletzt muss sich eine Bausparkasse betriebswirtschaftlich auf Ertragsrückgänge einstellen, die Kosten herunterfahren und teilweise auch kollektivschützende Maßnahmen treffen.
  • Die meisten Häuser sind dabei, diese „Hausaufgaben“ zu erledigen und damit die Basis zu schaffen, um sich auf lange stagnierende oder auch langsam wieder steigende Zinsen einzustellen. Dazu gehört insbesondere auch, dass wir unser Produkt und den Gedanken des Vorsparens einer Generation nahebringen müssen, die noch nie steigende Zinsen erlebt hat.

Was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Zukunftstrends [im Finanzsektor] für die Bausparkassen?
1. Wir müssen überall da sein, wo der Kunde nach Lösungen sucht, d.h. auch die Chancen der Digitalisierung nutzen.
2. Wir müssen die Prozesse so schlank wie möglich und so individuell wie nötig halten, um den bestmöglichen Service zu bieten.
3. Wir müssen die junge Generation an den Vorsorgegedanken heranführen. Die Voraussetzungen dafür sind denkbar gut: Die meisten Jugendlichen wünschen sich später eine eigene Immobilie.

Welche drei konkreten Wünsche würden Sie an Politik, Aufsicht und Verbände richten, um bessere Rahmenbedingungen für Bausparkassen, Sparkassen und Landesbanken zu setzen?
1. Neujustierung der Wohneigentumsförderung: Derzeit verhindern die künstlich niedrig gehaltenen Zinsen vielfach den Eigenkapitalaufbau der Kunden. Die breite Masse der Menschen wird das wahre Ausmaß der Folgen erst in ein paar Jahren schmerzhaft erfahren, weil ihr die „Eintrittskarte“ in die Baufinanzierung fehlt. Hier muss auch die Politik dringend steuernd eingreifen und beispielsweise die Einkommensgrenzen für die Wohnungsbauprämie und die Arbeitnehmer-Sparzulage anpassen.

2. Optimierung der (Wohn-)Riester-Förderung insbesondere durch Abschaffung des komplizierten Wohnförderkontos und Erweiterung der Möglichkeiten um die energetische Modernisierung.

3. Augenmaß bei der Verbraucherinformationspflicht: Kein Mensch liest und versteht gutgemeintes Kleingedrucktes, das mehr als zwei Din-A-4-Seiten umfasst.

Vielen Dank für das Gespräch!


Diskutieren Sie mit.

Diskutieren Sie mit Jörg Münning und anderen namhaften Finanzexperten über die aktuellen Herausforderungen für die Kreditwirtschaft im Rahmen der 16. Handelsblatt Jahrestagung „Zukunftsstrategien für Sparkassen“, am 22. und 23. Februar 2018 in Berlin.


Über Jörg Münning:

münningDer in Bremen aufgewachsene Jörg Münning ist seit dem 01.10.2014 Vorstandsvorsitzender der LBS Westdeutsche Landesbausparkasse in Münster und zeichnet sich für die Geschäftsbereiche Vorstandsstab/Unternehmensstrategie, Revision, Personal/Organisation, Spar- und Finanzierungskunden sowie das Handelsgeschäft verantwortlich. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Justus-Liebig-Universität Gießen (1984 – 1989) bildete er parallel zu einem Aufbaustudium der Wirtschaftspädagogik sowjetische Studenten in Marktwirtschaft aus (1989 – 1991). Seit 1991 hat er in der Sparkasse Ibbenbüren – nach der Fusion 2002 in der Kreissparkasse Steinfurt – Leitungsfunktionen in den Bereichen Kreditgruppe, Kreditsekretariat, Unternehmensanalyse und Firmenkundengeschäft übernommen. Seit 1999 war er zunächst Stellvertretendes Vorstandsmitglied und wurde ab 2002 ordentliches Vorstandsmitglied der Kreissparkasse Steinfurt mit den Themenschwerpunkten Bauspargeschäft, ImmobilienCenter inkl. Privatkundengeschäft, Filialen und Vermögensmanagement sowie der Betreuung der Verbundpartner. Im Mai 2012 wechselte er als designierter Vorstands-vorsitzender als Generalbevollmächtigter zur LBS Westdeutsche Landesbausparkasse. Von August 2013 bis September 2014 war er zudem als Mitglied des Vorstandes der LBS Bremen AG tätig.