Ringen um Position und Rolle


Branche der Insolvenzverwalter im Umbruch

Die Insolvenzverwalter müssen sich neu erfinden. Die Zeiten erfordern es. So in etwa ist die Stimmung derzeit unter den Verwaltern, die umfangreichen Veränderungen gegenüberstehen.

Die Insolvenzverwalter müssen sich neu erfinden. Die Zeiten erfordern es. So in etwa ist die Stimmung derzeit unter den Verwaltern, die umfangreichen Veränderungen gegenüberstehen. Inzwischen sind – nicht zuletzt mit der Einführung des ESUG (Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen) – flexible und teamfähige Sanierungsdienstleister für alle Krisenlagen gefragt. Auf diesem Feld konkurrieren Insolvenzverwalter mit Unternehmensberatern, anwaltlichen Beratern und Interim Managern vor allem in der Eigenverwaltung. Professionelle Gläubiger und deren Berater haben Gerichte als Akquiseadressat für große Insolvenzverfahren abgelöst.

Kleine Verwalterbüros verschwinden schnell unter deren Radar, falls sie nicht mit Alleinstellungsmerkmalen und Qualität bzw. mit in den Augen der neuen „Auftraggeber” guter Performance auf sich aufmerksam machen können. Und als wäre die Suche nach neuen Wegen nicht schon dringlich genug, wirkt die derzeitige allgemein gute Wirtschaftslage wie ein Brandbeschleuniger. Wer jetzt nicht zu neuen Ufern aufbricht, dem könnte bald der Boden unter den Füßen zu heiß werden.

Die Gründe, die zur aktuellen Lage geführt haben, sind vielschichtig: Seit Jahren sinkt die Anzahl der Insolvenzverfahren stark. Gab es im Jahr 2013 laut WBDat Wirtschafts- und Branchendaten GmbH 10.193 eröffnete Insolvenzverfahren über Personen- und Kapitalgesellschaften, sank die Zahl auf 9364 (im Jahr 2014), 8939 (im Jahr 2015) und im vergangenen Jahr auf 8435. Auf der anderen Seite stehen sehr viele Insolvenzverwalter: Insgesamt gab es im Jahr 2016 für die Personen- und Kapitalgesellschaften 1988 bestellte Insolvenzverwalter, die sich diesen „Kuchen“ teilen mussten.

Die freien Massen und die damit einhergehenden Vergütungen der Insolvenzverfahren sind ebenfalls rückläufig. Dazu kommen die restriktive Vergütungsrechtsprechung des BGH und die Tatsache, dass seit Inkrafttreten der InsO und der InsVV 1999 die Vergütungen nicht dem gestiegenen Preisund Lohnniveau angepasst wurden, obwohl die Anforderungen bei der Insolvenzabwicklung stetig höher geworden sind.

Im anhaltenden Wirtschaftswachstum und in der Niedrigzinspolitik sieht Insolvenzverwalter RA Prof. Dr. Lucas Flöther (Flöther & Wissing), der auch Sprecher des Gravenbrucher Kreises ist, die „Ursache, die langfristig gesehen am wenigsten nachwirken wird“. Nach dem ESUG werde zudem das bevorstehende vorinsolvenzliche Sanierungsverfahren die „Kulturveränderung“ bei den Berufsträgern und ihren Kanzleiorganisationen weiter beschleunigen. „Am Ende der Entwicklung werden wir eine stark veränderte Branche feststellen. Verwaltern eröffnen sich als Sanierungsdienstleister völlig neue Perspektiven, sie müssen sich aber auch in einem veränderten Wettbewerb behaupten. Dabei sind neben den ohnehin erforderlichen juristischen und betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten vor allem auch mediatives und kommunikatives Geschick und Fingerspitzengefühl gefragt. Der Verwalter hat als „neutrale Instanz“ für den Ausgleich der verschiedensten Interessen zu sorgen.“

Der sich seit einiger Zeit ganz erheblich verändernde Markt für Insolvenzverwalter betreffe die „traditionellen Verwalterfirmen besonders”, stellt RA Berthold Brinkmann (Brinkmann & Partner) fest. Die Kanzlei zählt mit 29 Standorten und etwa 300 Mitarbeitern zu den 2016 im Ranking führenden Verwalterkanzleien. Einer der Gründe: Die Marktzugänge für traditionelle Verwalter litten darunter, dass Gläubiger und deren Berater immer stärkeren Einfluss auf die Verteilung der Verfahren ausübten. Zugänge zu den Beratern lassen sich nicht auf die Schnelle erschließen, eine lang praktizierte strenge Trennung von Verwaltung und Beratung kann nun zum Nachteil gereichen.

„Zu viele Angler am fast leer gefischten Teich“

„Durch die Entscheidung des BVerfG, die die Verwaltung faktisch zum Berufsstand erklärt hat, hat die Zahl der Verwalter inflationär zugenommen”, erklärt RA Michael Pluta (PLUTA Rechtsanwalts GmbH), dessen Kanzlei unter den Top 3 der Verwalterkanzleien zu finden ist und mit etwa 400 Mitarbeitern in 41 Büros in Deutschland präsent ist. Pluta beschreibt die Situation mit einem drastischen Bild: „Es halten zu viele ihre Angeln in einen fast leer gefischten Teich. Der reine Verwalter bekommt dadurch weniger bedeutende oder nur kleinere Verfahren oder er hat als Sachwalter ein geringeres ‘geschrumpftes’ Betätigungsfeld, mit dem er die bisher aufgebauten Ressourcen nicht mehr finanzieren kann. Die Folge ist, dass kaum jemand von der Insolvenzverwaltung alleine existieren kann. Damit ist die Grundlage der BVerfGEntscheidung

entfallen und der Berufsstand als solcher infrage gestellt.“ Durch die zu erwartende EU-Richtlinie zum präventiven Restrukturierungsrahmen geht Pluta zusätzlich von einer Verstärkung des Trends aus, denn das Instrumentarium soll Sanierungen noch vor der bisherigen Eigenverwaltung des ESUG ermöglichen.

Der Verwalter hat als ‚neutrale Instanz‘ für den Ausgleich der verschiedensten Interessen zu sorgen.

Mit einem solchen Impuls durch die Brüsseler Richtlinie rechnet auch RA Dr. Georg Bernsau (BBL Bernsau Brockdorff), ebenfalls unter den Top 10 vertreten und mir zirka 200 Mitarbeitern an 40 Standorten tätig. „Es steht zu erwarten, dass der Markt diese neue und begrüßenswerte Erweiterung der Restrukturierungswerkzeuge, wo immer es geht, nutzen wird zulasten des regulären Sanierungs- und Insolvenzmarkts. Wer nicht auf der gesamten Klaviatur spielen kann, wird noch mehr ins Hintertreffen geraten.”

Eine Antwort und Strategie der Insolvenzverwalter auf den Änderungsdruck lautet Spezialisierung. Das schlägt sich erkennbar auch im Außenauftritt nieder wie beispielsweise „Kanzlei für alle Krisensituationen“ oder „Kanzlei für Sanierungskultur“. Als erste Verwalterkanzlei hat Schultze & Braun – die aktuell mit Verfahrenszahlen führende Verwalterkanzlei – die Sanierungsberatung 1986 eingeführt – und wurde dafür anfangs in der Branche heftig kritisiert. Die Kanzlei Wellensiek begann ab Mitte der 1990er-Jahre, das Beratungsgeschäft aufzubauen. „Bereits weit vor dem ESUG waren wir der Meinung, dass die Konzentrationen auf die Phase akuter Unternehmenskrise, d.h. vor der Insolvenz und danach, und die Abdeckung des in dieser Phase wesentlichen Beratungs- und Handlungsbedarf einen hohen Mehrwert für die Beteiligten bieten“, erklärt Partner RA Christopher Seagon. Diese Erweiterung der Ausrichtung machte Schule: „Wer in der schwierigen Situation der Insolvenz sanieren kann“, sagt Pluta, „kann das auch davor. Da wir große Expertise in der Sanierung von Unternehmen in der Insolvenz haben, haben wir uns darauf eingestellt, Unternehmen auch im Vorfeld einer Insolvenz zu unterstützen oder zu helfen, eine Insolvenz zu vermeiden.“

Größe ist kein Selbstzweck, Strategie zählt Auf ein breites Angebot von Sanierungsberatung bis hin zur Eigen-, Sach- und Insolvenzverwaltung setzt auch RA Rüdiger Wienberg (hww hermann wienberg wilhelm) – die Verwalterkanzlei mit den meisten Bestellungen im Jahr 2016 und an 24 Standorten präsent. Dies helfe, mit markttypischen Schwankungen umzugehen, die sowohl die Menge als auch die Art der Projekte betreffen. Wienberg: „Wir haben ein breites Spektrum an Expertise in der Gruppe, das wir je nach Bedarf stärker oder weniger in dem einen oder dem anderen Bereich akzentuieren und einsetzen können. Größe an sich ist kein entscheidendes Erfolgsmerkmal und schon gar kein Selbstzweck. Wichtig ist, dass unser tägliches Agieren einer klaren Strategie folgt.“ Mitte Juni dieses Jahres gab hww den Strategiewechsel bekannt, das Verwaltungsgeschäft gezielt abzubauen. 12 der etwa 40 Verwalter, die nur mit (zu) massearmen Verfahren betraut werden und summa summarum ein Minusgeschäft für die Kanzlei bedeuten, würden sich aus dem Verwalterjob zurückziehen. Den Schritt, den hww offen vollzog, gehen auch andere große Verwalterkanzleien, die Personal auf allen Ebenen abbauen und Standorte schließen. So auch die Kanzlei KÜBLER, ebenfalls zu den führenden zählend, die es als Konzentration auf die überregional tätigen Standorte bezeichnet und fortan mehr auf Restrukturierung setzen will. Drei Verwalter verließen die Kanzlei im September und verstärken die Mitbewerber Reimer Rechtsanwälte und Römermann Rechtsanwälte.

Verblüffende Ergebnisse in einem neuen Top-10-Ranking

Wenn von einer Top-Kanzlei die Rede ist, gibt die Summe der Anzahl der eröffneten Unternehmensinsolvenzverfahren den Ausschlag, die die Kanzlei auf sich vereinen kann. Doch ein Perspektivwechsel kann zu verblüffenden Ergebnissen führen. Konzentriert man sich nur auf die Insolvenzverfahren und richtet den Blick auf das Verhältnis der Anzahl der Insolvenzverwalter und der erhaltenen Insolvenzverfahren über Personen- und Kapitalgesellschaften je Kanzlei, dann vermisst man im neu gewonnenen Ranking die sonst vertrauten Namen der Top 10, die im Jahr 2016 einen Marktanteil von 22,83% bei diesen Verfahren abdeckten. Plötzlich rangieren – siehe Tabellen – kleinere Kanzleien mit maximal fünf Verwaltern ganz oben: Siemon Anwaltskanzlei (ein Verwalter), Hammes Rechtsanwälte (zwei Verwalter) und Dr. Sponagel Rechtsanwälte (ein Verwalter).

Noch spannender ist die veränderte Betrachtungsweise, wenn man zusätzlich die zuletzt veröffentlichten Umsätze der insolventen Personenund Kapitalgesellschaften in Relation setzt. Zur Klarstellung: Die zuletzt publizierten Umsätze sind nicht die Teilungsmassen. Dabei entsteht ein Ranking, das die Kanzlei mit den durchschnittlich meist „wertschöpfenden“ Verwaltern aufzeigt. Dieses Ranking führen dann für 2016 Kebekus & Zimmermann, Flöther & Wissing und BRL Boege Rhode Luebbehuesen an. Kanzleien mit (sehr) vielen Verwaltern erzielen demnach durchschnittlich weniger ertragreiche Verfahren je Verwalter. Diese Rechnung hat anscheinend auch hww aufgemacht, um dann die Insolvenzverwaltung zu konzentrieren.

 

Modell der lockeren Kooperation setzt viel Vertrauen voraus

Gezieltes Wachstum mit größerer Präsenz ist derzeit eine der Strategien, die einige überregionale Verwalterkanzleien verfolgen. So groß zu werden, wie es der jeweilige Fall erfordert, verspricht dagegen das Modell der lockeren Kooperation. Auf diese Weise können Kanzleien die Aufgaben flexibel verteilen bzw. dort gemeinsam antreten, wo es sinnvoll erscheint. Grundvoraussetzung ist, dass die Kooperationspartner vertrauensvoll und fair zusammenarbeiten – nicht nur im betreffenden Verfahren, sondern darüber hinaus auch unter Konkurrenzgesichtspunkten. Das gelingt in der Branche mit bekanntermaßen ausgeprägten Persönlichkeiten nicht immer. Wo es sehr gut zu funktionieren scheint, ist zwischen den Insolvenzverwaltern RA Dr. Dietmar Penzlin (SJPP) und RA Stefan Denkhaus (BRL), das Großverfahren Prokon gilt als eines der Beispiele. Für Prokon ist Penzlin als (vorläufiger) Verwalter bestellt worden, den Denkhaus und sein größeres Team von BRL dabei unterstützt hat.

Diese Art Kooperation gilt als eine Möglichkeit für kleinere und mittlere Kanzleien, sich in Zukunft zu behaupten. Auch Qualitäts- und Alleinstellungsmerkmale lassen sie im Konkurrenzkampf gut aussehen. „Kleine Verwalterkanzleien werden überleben können, wenn sie unterscheidbar von vielen anderen kleinen Kanzleien bestimmte Aufgaben besser, schneller oder billiger erledigen“, erklärt Wienberg. „Das müssen die Kollegen deutlich herausarbeiten und in den Markt kommunizieren.“

Kleinere Kanzleien werden nicht aussterben, dessen ist sich RA Dr. Florian Linkert sicher. Aber: „Sie werden es aber zunehmend schwerer haben, sich am Markt zu behaupten und professionelle Insolvenzverwaltung wird, zumindest für Verfahren ab einer bestimmten Größe, perspektivisch nur in größeren Einheiten stattfinden.” Die Konsequenz Linkerts sowie seiner Partner: Sie schlossen sich mit ihrem 40-köpfigen Team Ende 2016 BBL Bernsau Brockdorff an.

Neben BBL wächst u.a. auch die Kanzlei Pluta, Anfang 2017 schlossen sich Bremen Rechtsanwälte an. Im April 2016 stießen RA Stefan Meyer und seine Kanzlei dazu. Meyer nennt die Angebotserweiterung und die Synergieeffekte als ausschlaggebend für die aus heutiger Sicht richtige Entscheidung: „Ganz konkret habe ich in den letzten zwölf Monaten mindestens drei Beratungsmandate bzw. Projekte betreuen können, deren Beauftragung in der Konstellation unter Meyer Rechtsanwälte – allein schon unter Kapazitätsgesichtspunkten – wohl kaum möglich gewesen wäre.“ Über ein gemeinsames Mandat, erinnert er sich, habe sich ein „sehr gutes Miteinander“ entwickelt, bei dem sowohl die persönliche Chemie als auch das Verständnis der Berufsausübung ideal gepasst hätten. Zwischen Erstkontakt und unterzeichneter Fusionsvereinbarung lag etwa ein Jahr.

INFO

Der Beitrag ist eine gekürzte Fassung der Titelstory „Berufsstand und Markt der Insolvenzverwalter im Umbruch – Zu viele Angler am fast leer gefischten Teich?“ von Sascha Woltersdorf und Peter Reuter, die im INDat Report – Fachmagazin für Restrukturierung, Sanierung und Insolvenz in der Ausgabe 04_2017 erschienen ist.

Peter ReuterPeter Reuter
Chefredakteur des INDat Report – Fachmagazin für Restrukturierung, Sanierung und Insolvenz

Dieser Beitrag ist Teil der Ausgabe des Handelsblatt Journals „Restrukturierung Sanierung Insolvenz“, das Sie hier erhalten können.