Interdisziplinäre Zusammenarbeit verbietet Silodenken!


Drei Thesen zum Rollenverständnis von Kanzleien, die sich schwerpunktmäßig mit Restrukturierungen befassen

von Dr. Malte Köster, Dr. Lorenzo Matthaei und Dr. Jens Schmidt

Mit der Rechtslage und dem Berufsbild innerhalb der Restrukturierung haben sich die strategische Positionierung von Kanzleien und ihr Eigenmarketing in den letzten Jahren stark gewandelt. Der Umbruch in der Branche ist in vollem Gange, mit vielen spannenden Facetten. Gleichwohl erscheint manche Debatte aus der Zeit gefallen und von überholten Stereotypen geprägt. Oftmals wird dabei der Gegensatz konstruiert: Insolvenzverwaltung auf der einen und Beratung auf der anderen Seite. Solches Silo-Denken hilft jedoch niemandem weiter.

Fakt ist: Klassische Insolvenzverfahren zur Sanierung von Unternehmen sind nach wie vor relevant. Fakt ist aber auch: Vorinsolvenzliche Beratung und ESUG sind Alltag. Studien belegen, dass sich die Sanierungskultur verändert und ein wachsender Anteil von Insolvenzen in Eigenverwaltung durchgeführt wird. Kurzum: Die Unternehmen und ihre Gremien haben entschieden: Um in kritischen Situationen nachhaltige Erfolge zu erzielen, sehen sie neben dem klassischen Insolvenzverfahren und seinen Vorteilen in der Insolvenz in Eigenverwaltung ebenfalls ein leistungsfähiges Werkzeug. Und sie haben Bedarf an vorinsolvenzlicher Beratung. Diese Sichtweise sollte das Selbstverständnis – ganz unabhängig davon, ob mit Schwerpunkt Insolvenzverwaltung oder Beratung – prägen. Letztendlich geht es um die Unternehmen – um neue Chancen für unternehmerisches Handeln durch stabile Perspektiven, um die Sicherung von Arbeitsplätzen und um die Befriedigung der Gläubigeransprüche, dem eigentlichen Ziel der Insolvenzordnung.

Vor diesem Hintergrund haben die Autoren – aus durchaus unterschiedlichen Perspektiven – drei gemeinsame Thesen formuliert.

Letztendlich geht es um die Unternehmen – um neue Chancen für unternehmerisches Handeln durch stabile Perspektiven, um die Sicherung von Arbeitsplätzen und um die Befriedigung der Gläubigeransprüche, dem eigentlichen Ziel der Insolvenzordnung.

These 1:
Erfolgreiche Restrukturierung braucht Teamplayer mit bereichsübergreifendem Verständnis

Sanierungen sind insgesamt und unabhängig von der Branche komplexer geworden. Gleichzeitig ist die Transparenz größer geworden. Vorurteilsfreies Denken, disziplinübergreifendes Verständnis und effiziente Kommunikation sind damit Grundvoraussetzungen, um unterschiedliche Interessen im Sinne eines nachhaltigen Lösungsansatzes in Einklang zu bringen. Erfolgreiche Restrukturierung setzt heute – und in zu Zukunft noch stärker – die Fähigkeit voraus, Teamplayer zu sein und als kundiger Koordinator zu wirken.

These 2:
Isolierte Interessensvertretungen scheitern

Die veränderte Sanierungskultur und aufgebautes Wissen über die Möglichkeiten innerhalb des Insolvenzrechts sorgen für eine neue Dynamik innerhalb der Verfahren und einen verstärken Anspruch der verschiedenen Interessensgruppen an Teilhabe und Mitwirkung im Verfahrensprozess. Das gilt für die einzelnen Parteien innerhalb des jeweiligen Unternehmens ebenso wie für die externen Parteien. Versuche, Maximalpositionen durchzusetzen, führen zu zeit- und kraftraubenden Konflikten, die immer öfter öffentlich ausgetragen werden, und sich negativ auf das Geschäft auswirken. Ein wechselseitiges Rollenverständnis ermöglicht eine professionelle Zusammenarbeit und wird damit zum Grundstein des Sanierungserfolgs. Dass die Interessen hierbei unterschiedlich sein können und oft sind, ist selbstverständlich und gerade die Herausforderung.

These 3:
Digitalisierung verändert Arbeitsprozesse in den Unternehmen, aber auch in den Kanzleien

Im Bereich der Datenerfassung und der Auswertung prägt die Digitalisierung bereits heute die kanzleiinternen Abläufe. Da inzwischen die meisten Unternehmen einen ‚digitalen Zwilling‘ haben, wird das Verständnis von IT-Strukturen wichtiger. Es ist eine Binsenweisheit, dass die digitale Transformation von Unternehmen nochmals an Dynamik gewinnen wird. Wer also in Zukunft erfolgreich sanieren will, muss digitales Wissen haben und digital-affine Teams. Digitale Technologien, insbesondere Social Media-Kanäle, erhöhen die Transparenz. Das belegt die Notwendigkeit – nicht zuletzt mit Blick auf das Recruiting junger Talente und das Verständnis von Geschäftsmodellen – den Blick über den Tellerrand zu wagen.

Dr. Malte Köster Dr. Lorenzo Matthaei Dr. Jens Schmidt

Dr. Malte Köster, Insolvenzverwalter, Fachanwalt für Insolvenzrecht, Partner, WILLMERKÖSTER Rechtsanwälte Insolvenzverwalter Partnerschaft
Dr. Lorenzo Matthaei, Rechtsanwalt, Partner, FINKENHOF Rechtsanwälte
Dr. Jens Schmid, Rechtsanwalt, Partner, Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht, Fachanwalt für Insolvenzrecht, RUNKEL SCHNEIDER WEBER RECHTSANWÄLTE

journalDieser Artikel ist Teil der Sonderveröffentlichung „Eine Branche im Wandel“ zur 14. Handelsblatt Jahrestagung Restrukturierung 2018, die Sie hier herunterladen können.