„Next Generation Clinical Development“


Dr. Frank Wartenberg

Klinische Studien mit Hilfe von „Real World Daten“ optimieren

Dr. Frank Wartenberg, IQVIA Commercial

Die Durchführung klinischer Studien wird zunehmend komplexer und geht mit steigenden Kosten einher. Daraus resultieren u.a. Verzögerungen, die für Patienten einen zu späten Zugang zur Medikation bedeuten können. Für pharmazeutische Hersteller ergeben sich Umsatzverluste in beträchtlicher Höhe. Hilfe bieten Daten aus dem Versorgungsalltag, die fehlende Evidenz  generieren und so zur Optimierung klinischer Studien beitragen.

Steigende Komplexität und Kosten

Viele klinische Studien dauern länger als geplant, weil die Anforderungen in der Rekrutierung der Patienten sehr hoch sind. Vor allem, wenn Arzneimittel zur Behandlung seltener Erkrankungen getestet werden oder spezifische Biomarker für Subpopulationen gefordert sind. Hier ist das Patientenklientel oftmals sehr klein. Bis die geforderten Nachweise zur Sicherheit und Effektivität vorliegen, vergeht mitunter viel Zeit – zu viel, als dass Patienten mit einem hohen ungedeckten Bedarf und einer schweren Erkrankung noch von einer Therapie profitieren könnten, da die Betroffenen untherapiert oftmals nur noch eine geringe Lebenserwartung von wenigen Jahren haben.

Für pharmazeutische Hersteller resultieren daraus mehrere Probleme. So sind bei weit über der Hälfte der Studien Anpassungen der Protokolle erforderlich, fast die Hälfte der Studienzentren verfehlt ihre Ziele, vier Fünftel der Studien verzögern sich infolge von Rekrutierungshürden und bei weit mehr als der Hälfte ändern sich die Einschluss- bzw. Ausschlusskriterien. Berechnungen zufolge bedeutet jeder Tag Verzögerung einen durchschnittlichen Umsatzverlust von 7,7 Mio. US Dollar (Abb. 1).

Abbildung 1: Steigende Komplexität klinischer Studien führt zu erhöhten Kosten


Problemlösung über „Real World Daten“

Als ein Lösungsansatz kristallisiert sich zunehmend die Verwendung sog. „Real World Daten“ (RWD) heraus. Die Zulassungsbehörde FDA in den USA und die EMA in Europa setzen auf RWD, um Zulassungen zu beschleunigen und Patienten in Nachzulassungsstudien therapeutisch engmaschig zu begleiten, um weiteren Aufschluss über Sicherheit und Wirksamkeit zu erhalten sowie Indikationserweiterungen auf den Weg zu bringen (Abb. 2). Es geht darum, Evidenzlücken zu schließen, da klinische Studien nicht vorhersagen können, wie ein Arzneimittel im Versorgungsalltag wirken wird. Der Aufbau von Wissen über die Sicherheit und Wirksamkeit eines Arzneimittels im Praxisalltag kann herkömmliche klinische Studiendaten ergänzen, die oft auf kleinen Stichproben für Nischenpopulationen basieren. Diese Sichtweise wird zwar nicht von allen Entscheidern geteilt, wobei als Hauptargument Bedenken hinsichtlich der Sicherheit angeführt werden. Dennoch bleibt Fakt, dass ein Medikament, das erst in fünf Jahren zugelassen wird, einem Patienten mit kürzerer Lebenserwartung nichts mehr nützt.

Abbildung 2:  Beispiel für stufenweise Arzneimittelzulassung unter Heranziehung von RWE*

Quelle: IQVIA         *RWE: Real World Evidenz

Innovative Studien-Designs und Rekrutierung

Um klinische Studien mit Hilfe von RWD effizienter durchzuführen und Kosten zu sparen, bedarf es innovativer Wege beim Studien-Design und der Rekrutierung der Patienten. Das bedeutet u.a. die Studienprotokolle über Versorgungsdaten zu validieren. Die Zusammenführung von Versorgungsdaten (z.B. GKV-Routinedaten, Registerdaten, Daten aus Praxisverwaltungssystemen, elektronische Patientenakten, IMS® Disease Analyzer ) und kommerziellen Einblicken in die klinische Studienplanung ermöglicht eine Identifizierung alternativer Pfade mit einer schnelleren Umsetzung. Dabei handelt es sich i.d.R. um ein iteratives Vorgehen: Während Evidenz gewonnen wird, wird der Entwicklungsplan hinsichtlich offener Fragen geprüft und anschließend das optimale Studiendesign für die nächste Phase der Evidenzgewinnung ausgewählt.

Bei lebensbedrohlichen seltenen Krankheiten ohne effektive Behandlung könnte ein einzelner Studienarm zusammen mit einem Krankheitsregister die bevorzugte Wahl für erste Wirksamkeitsstudien sein. Wenn eine erste Nischengenehmigung und Marktzulassung erteilt sind, kann die Überwachung der Patienten, die ein Medikament bereits erhalten, RWD liefern, um weitere Fragen zu beantworten. Die Überprüfung sämtlicher Evidenz und des angepassten Designs erstreckt sich über den gesamten Produktlebenszyklus. Die Evidenzgewinnung ändert sich dabei von der Wirksamkeit zur Sicherheit und Effektivität. Durch die Anpassung des  Studiendesigns lässt sich ein effizienter, gestraffter Entwicklungsweg erreichen.

Für die Rekrutierung der Patienten empfiehlt sich zunächst eine analytische Quantifizierung von Patientenpools und Priorisierung der Länder für eine Studienteilnahme. Im nächsten Schritt kommt es darauf an, evidenzbasiert mit Hilfe von Verschreibungsdaten die Top Behandlerzentren zu identifizieren.  Die Identifikation der Zentren beruht auf lokalem Expertenwissen und statistischen Modellen und wird mit qualitativen Aspekten (z.B. Infrastruktur) verknüpft. Ferner empfiehlt es sich, Überweisernetzwerke zu bestimmen, um mehr Patienten zu den Zentren zu bringen.

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