Die größten Pharmaskandale unseres Jahrtausends


Arzneimittel

Anfang der 1960’er Jahre erschütterte der Contergan-Skandal die deutsche Bevölkerung. Das millionenfach als Beruhigungsmittel verkaufte Medikament galt als so harmlos, dass es auch schwangeren Frauen verschrieben wurde; mit verheerenden Folgen: Das Arzneimittel führte zu schweren Missbildungen bei den Neugeborenen. Allein in Deutschland kamen rund 5000 missgebildete Kinder zur Welt. Das in Folge des Contagan-Skandals verabschiedete Arzneimittelgesetz sollte weitere Medikamentenskandale dieser Art verhindern. Doch weder das Gesetz, noch die verschärften Auflagen für die Zulassung von Medikamenten, konnten die folgenden Pharmaskandale verhindern.

Katastrophale Nebenwirkungen

Katastrophale Nebenwirkungen

Bayer und der Lipobay-Skandal

2001 starben weltweit mindestens 52 Menschen durch die Einnahme des Medikamentes Lipobay von Bayer. Das cholesterinsenkende Präparat löste bei einigen Patienten eine tödliche Muskelschwäche und infolgedessen akutes Nierenversagen aus. Wie sich später herausstellte, führte die Einnahme des Wirkstoffs Cerivastatin in Kombination mit anderen blutfettsenkenden Medikamenten zu einer Zerstörung des Muskelgewebes. Im August 2001 wurde Lipobay schließlich in Europa, den USA und Japan vom Markt genommen. Bis heute laufen in einigen Ländern im Lipobay-Fall Prozesse gegen Bayer. Bisher hat der Pharmakonzern mehr als 1 Milliarde US-Dollar Schadensersatz gezahlt.

Vioxx: Schmerzmittel von Merck erhöht Herzinfarktrisiko

Die größte freiwillige Rückrufaktion der Pharmaindustrie stand in Zusammenhang mit dem Schmerzmittel Vioxx. 1999 war das Mittel in Deutschland als eine Art „Super-Aspirin“ eingeführt und vor allem gegen Gelenkschmerzen bei Rheumapatienten eingesetzt worden. Im Gegensatz zu anderen Schmerzmedikamenten sollte Vioxx seltener Magenbluten hervorrufen. Im September 2004 nahm der US-Hersteller Merck & Co. das Schmerzmittel weltweit vom Markt. Zuvor war in einer Langzeitstudie aufgedeckt worden, dass das Medikament das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko drastisch erhöhte. In einer Sammelklage wurde der Konzern zu 2,5 Milliarden US-Dollar Strafe verurteilt.

Pharmahersteller Baxter warnt vor verunreinigtem Heparin aus China

Verunreinigtes Heparin forderte in den Jahren 2007/2008 in den USA mindestens 82 Todesopfer. Der Gerinnungshemmer wird bei akuter Thrombosegefahr oder Herzoperationen verabreicht und gilt im Allgemeinen als gut verträglich. Dennoch kam es seit dem Jahr 2007 in den USA vermehrt zu Fällen von schweren allergischen Reaktionen bei der Verabreichung des Medikaments. Anfang 2008 informiert der US-Hersteller Baxter International Inc. die Behörden. Bei nachfolgenden Untersuchungen kam ans Licht, dass dem in China produzierten Medikament offenbar giftiges, synthetisches Chondroitinsulfat (OCS) beigesetzt worden war. Verunreinigte Chargen des Medikaments wurden in insgesamt 11 Ländern sichergestellt.

GlaxoSmithKline: Skandal um Diabetes-Medikament Avianda

Acht Jahre nach der Markteinführung des Blutzuckersenkers Avianda deckte eine Studie auf, dass der darin enthaltene Wirkstoff Rosiglitazon zu einer deutlichen Steigerung des Herzinfarktrisikos führte. Bereits bei der Einführung des Präparats im Jahr 2000 sei das Verhältnis von Nutzen und Risiko des Medikaments fragwürdig gewesen, kritisierten Fachleute. Im darauffolgenden Gerichtsverfahren einigten sich der britische Hersteller GlaxoSmithKline und die US- Klägerin oder Kläger auf eine Vergleichszahlung von 460 Millionen US-Dollar.

Unlauteres Marketing und Strafen in Milliardenhöhe

Unlauteres Marketing

3 Milliarden Doller Strafe für GlaxoSmithKline

Dies ist jedoch nicht der einzige Skandal in den das Unternehmen GlaxoSmithKline verwickelt war. Der Konzern hatte zwei Arzneimittel zu nicht genehmigten Zwecken vermarktet: Dabei handelte es sich einerseits um das Präparat Paxil, welches als Mittel gegen Depressionen für Kinder vertrieben, aber nie für unter 18-Jährige zugelassen worden war. Im zweiten Fall wurde das Antidepressivum Wellbutrin als Medikament zur Gewichtsreduktion und bei sexuellen Störungen verschrieben. Dies brachte dem Unternehmen die bislang höchste Strafe ein, die je von einem Pharmakonzern in einem Betrugsfall gezahlt werden musste: 3 Milliarden US-Dollar.

Pfizer: 2,3 Milliarden Dollar Strafe für unerlaubtes Medikamenten-Marketing

Eine weitere hohe Strafe von 2,3 Milliarden Dollar musste der weltweit größte Pharmakonzern Pfizer im September 2009 nach einem Rechtsstreit mit den US-Behörden zahlen. Der Grund: Pfizer hatte Medikamente wie das Schmerzmedikament Bextra und das Antipsychotikum Geodon auch in anderen, nicht genehmigten Anwendungsbereichen vermarktet.

Eli Lilly: 1,4 Milliarden Dollar Strafe für unlautere Vermarktungspraktiken

Ein ähnliches Verfahren hatte es auch im Januar des Jahres 2009, im Zusammenhang mit dem Schizophrenie-Medikament Zyprexa, gegeben. Der Hersteller Eli Lilly hatte Ärzte dazu animiert, das Medikament auch bei altersbedingter Demenz zu verschreiben, wofür es jedoch nicht zugelassen war. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit mit der US-Justiz akzeptierte das Unternehmen schließlich die Strafe von 1,4 Milliarden US-Dollar.

Antibabypille Yasminelle – ein neuer Skandal in Sicht?

Antibabypille

Bayer erneut in der Kritik

Aktuell verhandeln deutsche Gerichte den Fall einer jungen Frau, die nach der Einnahme der Antibabypille Yasminelle (Wirkstoff: Drospirenon) von Bayer eine lebensgefährliche Lungenembolie erlitten hatte. 200.000 Euro Schadensersatz verlangt die 31-jährige Klägerin sowie ein Verbot des Präparats. Bayer, so ihr Vorwurf, habe nicht genug vor dem erhöhten Thromboserisiko gewarnt. In einem ähnlichen Fall in den USA hatte der Bayer-Konzern in Rahmen einer außergerichtlichen Einigung bereits rund 1,9 Milliarden US-Dollar an tausende Klägerinnen gezahlt. Eine eindeutige Verbindung der schweren Erkrankung der Klägerin mit der Einnahme der Pille wurde jedoch nicht eindeutig nachgewiesen.
In den letzten 15 Jahren wurden dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) insgesamt 478 Verdachtsfälle gemeldet, bei denen ein Zusammenhang zwischen drospirenonhaltigen Pillen verschiedener Hersteller und Thrombosen bestehen könnte.

Sein Sie dabei, wenn Experten und Entscheidungsträger aus Politik, Industrie, Verbänden und Wissenschaft im Rahmen der 21. Handelsblatt Jahrestagung „Gesundheitspolitik und Pharmaindustrie im Dialog“ am 23. und 24. Februar 2016 in Frankfurt am Main unter anderem die Frage einer frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln diskutieren, um künftige Pharmaskandale zu verhindern. Alle ausführlichen Informationen zur Veranstaltung finden Sie in unserem aktuellen Programm!

Katastrophale Nebenwirkungen, Schmiergelder und unlauteres Marketing – diese Infografik zeigt die größten Arzneimittelskandale unseres Jahrtausends:
Infografik Pharmaskandale
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