AMVSG: Kehrtwende gefordert


Dr. Martin Zentgraf

Dr. Martin Zentgraf, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI)

Den Weg in eine bizarre Zukunft bereitet das deutsche Gesundheitssystem gerade mit dem „Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz“ (AMVSG) vor. Schon jetzt wird der Zugang zu neuen Arzneimitteln zunehmend erschwert, weil einige gar nicht erst auf den deutschen Markt gehen. Nun sollen neue Regelungen dafür sorgen, dass Arzneimittel von der Verordnung für bestimmte Patienten ausgeschlossen werden. Fehlende konkrete Rahmenbedingungen bei der Nutzenbewertung von Antibiotika oder auch von neuen Kinderarzneimitteln zielen genauso wenig darauf ab, eine hochwertige und innovative Arzneimittelversorgung zu sichern. Zudem gefährdet eine ohne Not veranlasste Verlängerung des Preismoratoriums bis 2022 insbesondere den pharmazeutischen Mittelstand. Dabei müsste der Preisstopp aufgrund der steigenden Kosten für die Unternehmen bei gleichzeitig guter gesamtwirtschaftlicher Lage und bei soliden Kassenüberschüssen schon längst der Vergangenheit angehören.

Dreh- und Angelpunkt des Gesetzesvorhabens aber ist ein Arztinformationssystem, das Ärzte und Apotheker zu Erfüllungsgehilfen der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) degradiert. Danach wird der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beauftragt, Beschlüsse zur frühen Nutzenbewertung für Ärzte „praxistauglich innerhalb eines Monats nach Beschlussfassung in maschinenlesbarer Form zur Verfügung zu stellen“. Ziel des Vorhabens: Ärzten sollen die im Rahmen der Nutzenbewertung gewonnenen Informationen in ihrer Praxissoftware zur Verfügung gestellt werden. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) kann hierin auch Vorgaben zu Hinweisen zur Wirtschaftlichkeit bei der Verordnung der Arzneimittel im Vergleich mit anderen Arzneimitteln machen.

Ganz offenbar hat der Gesetzgeber den Eindruck, dass Ärzte bislang keine ausreichenden Arzneimittelinformationen bekommen können. Folgen wir diesem einmal, muss eine solche Plattform Medizinern vollständige Informationen zur Verfügung stellen: Dann gehören in ein solches Informationssystem neben den einschlägigen Leitlinien der ärztlichen Fachgesellschaften auch Informationen zu kontrovers geführten Diskussionen zur frühen Nutzenbewertung. Und dies verständlich und ausgewogen dargelegt. Bei der Erarbeitung dieser Informationen ist vor allem die Perspektive der klinischen Praktiker und der Patienten wichtig. Man muss die Expertise der medizinischen Fachgesellschaften, die evidenzbasierte Leitlinien in einem strukturierten Prozess der Konsensfindung erstellen, systematisch berücksichtigen.

Das ist ein aufwendiges Unterfangen. Übers Knie kann ein solches leitliniengestütztes Arztinformationssystem mit einer anwenderfreundlichen Informationsaufbereitung nicht gebrochen werden. Ebenso wenig macht ein Nebeneinander von Empfehlungen der Leitlinien und Verordnungshinweisen, die aus der G-BA-Nutzenbewertung abgeleitet werden, Sinn. Wenn überhaupt, dann bedarf es eines integrierten und transparenten Ansatzes, der den Arzt in seiner Entscheidungsfindung unterstützt. Und zwar ohne die Therapiefreiheit einzuschränken. Darüber hinaus muss sichergestellt werden, dass der Arzt das Bewertungsergebnis „Zusatznutzen belegt“ beziehungsweise „Zusatznutzen nicht belegt“ korrekt einordnen kann. Es bedeutet, dass der G-BA den Zusatznutzen des Medikaments nicht höher einstuft als den der Vergleichstherapie – aber auch nicht als geringer. Bei mehr als 70 Prozent der Patientengruppen, für die der G BA den Zusatznutzen als nicht belegt sieht, ist er aus rein formalen Gründen zu seinem Urteil gekommen. Über den therapeutischen Stellenwert des Medikaments für einen einzelnen Patienten sagt diese Beurteilung nichts aus.

Kurzum: Informationen sind gut. Aber der Vertragsarzt muss im Ergebnis der Verhandlungen nach § 130b SGB V von einer Wirtschaftlichkeit einer Verordnung ausgehen können und sich auf die Auswahl der für den Patienten geeignetsten Therapieoption konzentrieren dürfen, sei dies ein AMNOG-Arzneimittel oder nicht. Jedes anders geartete Informationssystem benötigt über kurz oder lang keine Mediziner mehr, die gemeinsam mit dem Patienten die individuell bestmögliche Therapie suchen: der Rechner im Sprechzimmer schmeißt auf Knopfdruck eine kostenoptimierte Behandlung aus. Es macht Apotheker überflüssig, die beratend und wachend über Medikationspläne jedes Einzelnen schauen. Und es vertreibt Industrie, die in die Weiterentwicklung von Arzneimitteln und in die Forschung neuer Wirkstoffe für die Menschen investiert.

Wenn wir also auch künftig dem Anspruch gerecht werden wollen, den Menschen eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme der Welt anzudienen, ist es höchste Zeit für eine Wende. Wir brauchen einen Übergang von einer rein kostenorientierten Arzneimittelversorgung hin zu einer Versorgung, die der demographischen Entwicklung Rechnung trägt und auch den medizinischen Fortschritt und die Vielfalt der Therapieoptionen wertschätzt. Es geht jetzt darum, wie wir nachhaltig die gute Versorgung der Menschen sichern. Wenn wir diesen Punkt verpassen, beschreiten wir den Weg in eine groteske Zukunft, in der (Versorgungs)Taschenrechner über die Therapie der Menschen entscheiden.