Sicherheit = Garantie?


Prof. Dr. Jochen Ruß

Prof. Dr. Jochen Ruß ist Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften

Vor dem Hintergrund der aktuellen Niedrigzinsphase wird oft behauptet, dass Altersvorsorgeprodukte mit Garantien grundsätzlich nicht mehr sinnvoll seien, weil Garantien zu teuer sind. In dieser Pauschalität ist diese Aussage natürlich schlicht falsch. Dennoch sind oft „zu viele“ oder „die falschen“ Garantien in Altersvorsorgeverträgen beinhaltet. Dies liegt daran, dass kein Unterschied zwischen (nomineller Kapital-)Garantie und Sicherheit gemacht wird.

Vorab: Natürlich reduziert jede Garantie das Renditepotenzial eines Altersvorsorgeprodukts. Besonders wichtig ist, dass dieser Effekt bei niedrigen Zinsen besonders stark ausgeprägt ist. Garantien waren also noch nie so „teuer“ wie derzeit. Daher war es auch noch nie so wichtig wie heute, sich auf diejenigen Garantie zu beschränken, die der jeweilige Kunde unbedingt benötigt. Dies gilt sowohl für die Höhe (z.B. 80% oder 90% statt 100% Kapitalgarantie) als auch für die „Art“ der Garantie. In Altersvorsorgeverträgen sind meist drei Arten von Garantien anzutreffen: permanente Kapitalgarantien, endfällige Kapitalgarantien und die Garantie eines lebenslangen Einkommens.

Eine permanente Kapitalgarantie ist eigentlich nur für den Notgroschen sinnvoll und in der langfristigen Altersvorsorge selten bedarfsgerecht. Sie stellt somit in vielen Fällen eine unnötige Renditebremse dar. Eine endfällige Kapitalgarantie und die Garantie eines lebenslangen Einkommens sind hingegen oft bedarfsgerechter.

Dennoch ist ein ausgeprägter Wunsch nach den „falschen Garantien“ zu beobachten. Dieser hängt damit zusammen, dass die meisten Menschen Sicherheit mit nomineller Kapitalgarantie gleichsetzen. Dies ist aber nicht immer korrekt: Einerseits kann man durch geeignete Kapitalanlagestrategien ein gewisses Maß an Sicherheit auch ohne Garantien erzeugen. Umgekehrt kann eine Garantie in der Dimension „Eurobetrag zu einem bestimmten Zeitpunkt“ die Sicherheit in der für die meisten Kunden viel relevanteren Dimension „Kaufkraft der lebenslangen Rente“ sogar reduzieren. Mit anderen Worten: Ein gewisses Maß an Sicherheit geht also auch ohne Garantie und zu viel Garantie kann sogar Risiko erhöhend wirken.

Die Grafik verdeutlicht den zweiten Aspekt. Hier gehen wir zur Illustration vereinfachend davon aus, dass ein Kunde ein in Bezug auf die nominelle Leistung sicheres Produkt erwirbt, welches in 30 Jahren exakt 100.000 € leistet (ohne Chance auf mehr und ohne Risiko auf weniger). Die Kaufkraft der sicheren Zahlung von 100.000 € ist aufgrund der Inflation aus heutiger Sicht jedoch unsicher. Dies wird durch die Wahrscheinlichkeitsverteilung der möglichen Werte der Kaufkraft (obere Kurve in der Grafik) sichtbar. Das allersicherste Produkt in der Dimension „Ablaufleistung in Euro“ ist in der Dimension „Kaufkraft der Ablaufleistung“ also alles andere als sicher.

Wenn sich der Kunde von den 100.000 €, die er in 30 Jahren bekommt, eine lebenslange Rente kauft, so hängt die Höhe der Rente davon ab, welches Zinsniveau und welche Lebenserwartung in 30 Jahren vorherrschen. Auch diese Größen und somit auch die Höhe der Rente sind unsicher, wie die untere Wahrscheinlichkeitsverteilung zeigt. Wirklich relevant ist aber die Kaufkraft der lebenslangen Rente. Diese ist zusätzlich noch von der Inflation abhängig und wird in der Grafik ganz rechts illustriert.

Eine Reduktion der nominellen Kapitalgarantie würde die Chance auf eine höhere Kaufkraft der Rente erhöhen und somit in der Dimension Kaufkraft die Sicherheit erhöhen. Es wird aber voraussichtlich sehr schwierig, dieses Umdenken in den Köpfen von  Beratern und Kunden zu verankern, zumal auch alle (deutschen und europäischen) Transparenzinitiativen zu Chancen und Risiken von Altersvorsorgeprodukten ausschließlich das Risiko in Bezug auf die nominelle Kapitalleistung bewerten und die Rentenhöhe sowie deren Kaufkraft komplett ausblenden.