Lebensversicherungsprodukte im Umbruch – wohin geht die Reise?


Dr. Guido Bader

Dr. Guido Bader, Mitglied des Vorstands, Stuttgarter Lebensversicherung a.G.

Niedrigzinsphase, Digitalisierung, Lebensversicherungsreformgesetz, Betriebsrentenstärkungsgesetz – mit jeder neuen Entwicklung wird allseits die bevorstehende Revolution in der Lebensversicherung postuliert. Nur, wann kommt sie denn nun, die Revolution? Bislang haben wir allenfalls „Revolutiönchen“ gesehen.

Lebensversicherungsprodukte 2017 – Garantien auf dem Rückzug

Eines dieser Revolutiönchen löste die Absenkung des Höchstrechnungszinses zum 1.1.2017 aus, auf nunmehr 0,9 %. Während alle bisherigen Reduktionen die Produktlandschaft im Großen und Ganzen unverändert ließen, führte die neuerliche Absenkung zur Abkehr von einem Dogma: dem Beitragserhalt. Das ist die Garantie, dass das Vermögen zum Rentenbeginn mindestens den eingezahlten Beiträgen entspricht. Vom Gesetzgeber noch bei Riester-Produkten und teils im Rahmen der betrieblichen Altersvorsorge gefordert, rücken die Lebensversicherer bei allen übrigen Produkten nun peu à peu vom Beitragserhalt ab. Der Grund hierfür ist einfach. Der Garantiezins von 0,9 % genügt in vielen Fällen nicht mehr, um die einkalkulierten Kosten bis zum Vertragsende wieder auszugleichen. Die Diskussion, ob diese zur Finanzierung von Vertrieb und Verwaltung benötigten Kosten zu hoch sind, ist in diesem Zusammenhang müßig. Spätestens, wenn der Garantiezins weiter sinkt, z. B. auf 0 %, ist klar, dass ein Beitragserhalt nicht mehr darstellbar ist. Ganz ohne Kosten kann nämlich kein Unternehmen kalkulieren.

Auf der anderen Seite sind Garantieprodukte im deutschen Markt weiterhin gefragt. Sie sind als „Sicherheitsnetz“ für viele Kunden unabdingbar. Daher ist es nur folgerichtig, dass die Unternehmen zunehmend Garantien in Höhe von 80 % oder 90 % der eingezahlten Beiträge anbieten. Ebenso rücken viele Anbieter von ihren klassischen Produkten mit jährlicher Zinsgarantie ab. Sie verkaufen vermehrt kapitalmarktorientierte Produkte mit Garantien, z. B. Fonds- oder Indexpolicen. Und gerade bei diesen Produkten sind reduzierte Garantien umso sinnvoller, als ein deutlich größerer Anteil des Vermögens in chancenreiche Anlagen investiert werden kann.

Auswirkungen des Betriebsrentenstärkungsgesetzes auf die Produktlandschaft

Chancenreiche Kapitalanlagen in der Altersvorsorge stehen aber auch im Fokus der Politik. Genau darauf legt der Gesetzgeber bei der Reform der Betriebsrenten großen Wert und verbietet in diesem Zusammenhang sogar Garantien explizit. Im Rahmen des Tarifpartnermodells sollen bei der Kapitalanlage Substanzwerte, wie Aktien oder Immobilien, stärker gewichtet werden.

Gleichzeitig betont der Gesetzgeber aber auch das Prinzip des kollektiven Sparens und fordert die Tarifpartner auf, mittels sogenannter Sicherungsbeiträge kollektive Puffer zu bilden. Diese können die Unternehmen verwenden, um Wertschwankungen in der Kapitalanlage zu glätten und insbesondere daraus resultierende Rentenkürzungen auszugleichen. Im Kern entspricht das genau der Grundidee der klassischen Rentenprodukte der Lebensversicherer, nur eben ohne jährlichen Garantiezins.

Evolution in der Lebensversicherung

Alle hier aufgezeigten Entwicklungen in der Produktlandschaft der Altersvorsorge sind eine logische Konsequenz der seit Jahren sinkenden Zinsen und einer anhaltenden Hausse an den Aktien- und Immobilienmärkten. Hierbei handelt es sich nicht um eine Revolution, sondern um eine Evolution. Und diese evolutionären Entwicklungen werden sich kontinuierlich fortsetzen.

Steigende Zinsen und fallende Aktienmärkte sind aber nicht auf Dauer auszuschließen. Es muss klar sein, dass dies bei Kunden zum Ruf nach Sicherheit und damit auch wieder nach Garantien führen würde. Ein Revival von Garantieprodukten ist aus diesem Grund denkbar. Allerdings werden die Produktanbieter nicht mehr zu den hohen, jährlichen Garantien früherer Zeiten zurückkehren. In Zukunft wird es weiterentwickelte und besser beherrschbare Garantiemodelle geben. Der traditionelle Deckungsstock der Lebensversicherer eignet sich dabei hervorragend, um hinreichende Wertstabilität verbunden mit den Chancen von Substanzwertanlagen darzustellen. Dazu bedarf es keiner jährlichen Garantie, sondern vor allem einer kollektiven Kapitalanlage und den heute schon vorhandenen Glättungsmechanismen.

Ebenso werden bei kapitalmarktorientierten Altersvorsorgeprodukten die Garantien weiter reduziert, zu Gunsten einer verstärkten Partizipation an Substanzwerten. Der oben beschriebene Trend wird sich fortsetzen. Es wäre daher nur konsequent, wenn der Gesetzgeber endlich auch bei Riester und in der heutigen betrieblichen Altersvorsorge auf den vorgeschriebenen Beitragserhalt verzichten würde. Hier sind 80 % der eingezahlten Beiträge als Sicherheitsnetz völlig ausreichend. Im Gegenzug könnten die Kundengelder dann auch wieder renditeorientierter investiert werden.