Annuity Pools – Wackelrente oder sinnvolle Produktinnovation?


Prof. Dr. Jochen Ruß

Prof. Dr. Jochen Ruß, Geschäftsführer, ifa Institut für Finanz- und Aktuarwissenschsaften

Die meisten Produktinnovationen in der Altersvorsorge betreffen nach wie vor die Ansparphase. Innovationen in der Rentenauszahlungsphase nehmen aber langsam zu, insbesondere in Bezug auf erhöhte Flexibilität sowie Fondsanbindung in der Auszahlphase. Ein Angebot sucht man in Deutschland bisher jedoch vergeblich: Annuity Pools.

Klassische Renten bieten drei Garantien in der Rentenauszahlphase.

Klassische Rentenversicherungen nutzen kollektive Ausgleichsmechanismen, um die Gelder aller Versicherten so zu verteilen, dass jedem ein lebenslanges Einkommen garantiert werden kann. Neben dieser „Kerngarantie“ gibt es zwei weitere Garantien: Es gibt eine garantierte Mindestverzinsung auf die Kapitalanlage und der Versicherer trägt das Risiko, dass die Lebenserwartung weiter steigt als in der (bewusst vorsichtigen) Kalkulation angenommen. Dadurch kann unabhängig von der tatsächlichen Entwicklung der Sterblichkeit und von der Kapitalmarktentwicklung eine garantierte Mindestrente in Euro zugesagt werden.

Annuity Pools bieten nur eine Garantie…

Annuity Pools nutzen ebenfalls kollektive Ausgleichsmechanismen, sodass jeder ein lebenslanges Einkommen erhält (obige „Kerngarantie“). Auf die anderen beiden Garantien wird jedoch verzichtet. Die Rente wird also sicher lebenslang gezahlt, kann der Höhe nach allerdings schwanken und insbesondere auch sinken.

Bei Annuity Pools werden Annahmen über die zukünftige Entwicklung der Sterblichkeit sowie über die voraussichtlich langfristig erzielbaren Kapitalerträge getroffen. Es wird dann diejenige Rente berechnet, die für alle Mitglieder des Pools lebenslang finanzierbar ist, falls die getroffenen Annahmen eintreten. Während der Rentenphase wird dann regelmäßig die Abweichung von den Annahmen gemessen. Waren die erzielten Erträge höher (niedriger) als angenommen, so wird die Rente für alle entsprechend erhöht (gesenkt). Sind mehr (weniger) Rentner verstorben als angenommen, so wird die Rente ebenfalls entsprechend erhöht (gesenkt). Durch Glättungsverfahren kann man hierbei sehr häufige und sehr starke Anpassungen der Renten vermeiden.

… und im Gegenzug eine höhere Startrente und einen höheren voraussichtlichen Rentenverlauf

Durch die fehlenden Garantien kann auf einen vorsichtigen Zins und auf Sicherheitszuschläge bei der Sterblichkeit verzichtet werden. Dies bewirkt eine deutlich höhere Anfangsrente. Die fehlende Zinsgarantie erlaubt ferner eine chancenreichere Kapitalanlage und damit eine höhere erwartete Rente im Zeitverlauf.

Um Missverständnisse zu vermeiden, weisen wir nochmals darauf hin, dass Annuity Pools zwar keine Garantie der Rentenhöhe abgeben, aber dennoch ein lebenslanges Einkommen sicherstellen. Das so genannte systematische Langlebigkeitsrisiko (also das Risiko, dass die Lebenserwartung im Durchschnitt aller Versicherten schneller als erwartet steigt) ist zwar an die Kunden ausgelagert. Das unsystematische Langlebigkeitsrisiko (also das finanzielle Risiko, das daraus resultiert, dass eine konkrete Person zufällig länger lebt als ein Durchschnittsmensch) ist hingegen abgesichert. Dies ist ein entscheidender Unterschied zu individuellen Kapitalanlagen mit Kapitalverzehr z.B. Entnahmepläne. Diese nutzen keine Ausgleichsmechanismen zwischen denen, die früher sterben, und denen, die länger leben, sodass bei langem Leben irgendwann das Geld aufgebraucht ist.

Annuity Pools sind auch in Deutschland möglich

Annuity Pools sind eine spezielle Ausgestaltung von Tontinengeschäften, die gemäß Anlage 1 des VAG in der privaten Altersvorsorge angeboten werden können. Auch ein Einsatz in der betrieblichen Altersversorgung scheint im Rahmen einer Beitragszusage mit Mindestleistung möglich. In diesem Fall wäre ein (fondsgebundenes) Produkt mit garantierter Ablaufleistung in der Ansparphase mit einem Annuity Pool in der Rentenphase zu kombinieren.

Ein neues Einsatzgebiet für Annuity Pools hat das Betriebsrentenstärkungsgesetz erschlossen: Die im Gesetz vorgeschriebene Ausgestaltung der sogenannten „Zielrente“ ist faktisch ein Annuity Pool, bei dem ein konkreter Mechanismus zur Anpassung der Renten vorgegeben ist.

So einfach die Grundidee von Annuity Pools ist, so zahlreich sind die möglichen Varianten. Insbesondere ist darauf zu achten, dass die Glättungsmechanismen, die Zusammensetzung der Kapitalanlagen und die Annahmen zur Festlegung der Anfangsrente so aufeinander abgestimmt sind, dass ein starkes und häufiges Absenken der Rente vermieden wird. Allzu optimistische Annahmen und allzu chancenreiche Kapitalanlagen führen zwar zu hohen Anfangsrenten, bergen aber das Risiko starker Rentenkürzungen. Stochastische Analysen von möglichen Rentenverläufen, Wahrscheinlichkeit und Intensität von Rentenkürzungen, etc., sind daher im Produktentwicklungsprozess unabdingbar. Auch ist sicherzustellen, dass Kunden nicht nur über die Vorteile sondern auch über die Risiken dieser neuen Produkte aufgeklärt werden.