Tax goes digital

Prof. Dr. Peter Fettke, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität des Saarlandes, Principal Researcher sowie Research Fellow und Leiter der rund 30-köpfigen Forschungsgruppe „Geschäftsprozessmanagement“ am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken.

Während der Industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert wurde körperliche Arbeit automatisiert, im sogenannten zweiten Maschinenzeitalter im 21. Jahrhundert kommt es zu einer Automatisierung geistiger Arbeit. Grundlage hierfür sind neue Informationstechniken, die mit Schlagworten wie „Big Data“, „Cognitive Computing“ oder „Chatbots“ in aller Munde sind.

Aktuelle Prognosen überbieten sich, welche Berufe mit welchem Risiko einer Automatisierung ausgeliefert sind. Der aktuelle Hype um Künstliche Intelligenz beflügelt zusätzliche Phantasien. Es ist offensichtlich, dass die Erwartungshaltung zurzeit nicht selten weit überzogen ist; Fachtermini wie Künstliche Intelligenz, Robotik, maschinelles Lernen und Deep Learning werden im öffentlichen Diskurs häufig unscharf oder nicht differenziert verwendet, obgleich deren Gleichsetzung fachlich unangemessen und dem Verständnis für verschiedene Techniken sowie der angemessenen Beurteilung technischer Leistungen nicht zuträglich ist. Es gilt: „KI ist das neue Bio!“

Andererseits dürfen verschiedene Fakten nicht übersehen werden. Legendär ist die historische Verdrängung der „Computer durch Computer“: Bis Mitte des 20. Jahrhunderts bezeichnete das Wort „computer“ im englischen Sprachraum den Beruf einer Person, die mathematische Berechnungen durchführt (siehe Abbildung: „She Was a Computer When Computers Wore Skirts“). Der Beruf des Computers wurde in der zweiten Hälfte 20. Jahrhunderts durch den Computer mehr oder weniger vollständig ersetzt.

Auch werden viele Errungenschaften der KI-Forschung heute nicht mehr als KI wahrgenommen: „As soon as it works, no one calls it AI anymore“. Zwar sind Schachcomputer auf Großmeister-Niveau, Navigationsgeräte, die nicht nur den kürzesten, sondern auch den schnellsten Weg unter Berücksichtigung der tatsächlich aktuellen Verkehrslage vorschlagen, Techniken der optischen Zeichenerkennung, maschinelle Erkennung von Musiktiteln und viele weitere mehr allgegenwärtig, werden aber heute nicht mehr als KI wahrgenommen, obwohl sie alle Meilensteine der KI darstellen.

Auch im Rechnungswesen haben bereits erhebliche Entwicklungen stattgefunden: Bilanzen werden nicht mehr mit Papier und Bleistift zu bestimmten Stichtagen am Ende einer Abrechnungsperiode erstellt, sondern können „auf Knopfdruck“ in Echtzeit jederzeit abgerufen und zukünftige Bilanzentwicklungen können per Simulationen sogar prognostiziert werden. Ein Meilenstein im Rechnungswesen, der Ende des letzten Jahrhunderts nicht nur technisch nicht machbar, sondern sogar von führenden Köpfen der Fachwelt als nicht notwendig erachtet, von manchen sogar abgelehnt wurde, aber heute eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Drei Schlagworte fassen die weitere Entwicklung zusammen:

  1. Automatisierung: Routinetätigkeiten wie sie beispielsweise bei der Analyse und Prüfung von Massendaten bei der Abschlussprüfung oder im Zoll anfallen, werden durch selbstlernende Algorithmen in Echtzeit ausgeführt („continuous auditing“).
  2. Assistenz: Ähnlich wie Assistenzsysteme in einem Automobil vielfältige Fahrunterstützung liefern, werden betriebliche Prozessassistenzsysteme Berufsträgern bei einer Fülle von Arbeiten unterstützen, beispielsweise bei der Recherche, Vorprüfung und der eigentlichen Fallbearbeitung.
  3. Transformation: Marktführer der analogen Fotographie wurden durch branchenfremde Anbieter mithilfe von Technik vollständig verdrängt. Ähnlich werden mithilfe von KI neue Akteure nicht sämtliche Dienstleistungen der traditionellen Berufsträger anbieten („full service“), aber Teildienstleistungen spezialisiert, innovativ und hocheffizient herstellen, was den Markt für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Juristen erheblich transformieren wird.

Künstliche Intelligenz ist auf absehbare Zeit nicht besser als natürliche Intelligenz, bietet aber für abgegrenzte Bereiche hervorragende Resultate. Hinzu kommt, dass Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Juristen in Unternehmen erhebliche Kosten verursachen, denen keine direkten Erlöse gegenüberstehen. Zusätzlich zum vorhandenen Technologiedruck besteht damit ein erheblicher Anwendungsbedarf, der technische Innovationen in den Branchen auslösen wird. Während im Privatbereich sich bereits neue technische Ökosysteme etabliert haben, ist im Bereich der Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung und Rechtsberatung weitgehend offen, wie sich die Strukturen ändern werden. Denkbar sind Modelle von neuen technischen Anbietern, Zusammenschlüsse von Unternehmen mit entsprechenden „Datenschätzen“, neue Geschäftsmodelle von Unternehmensberatern oder entsprechende Hybridmodelle.

Zur Person

Prof. Dr. Peter Fettke

Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität des Saarlandes, Principal Researcher sowie Research Fellow und Leiter der rund 30-köpfigen Forschungsgruppe „Geschäftsprozessmanagement“ am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken.