Euro-Bonds würden auch dem Immobilienmarkt schaden


Medium: Handelsblatt
Datum: 19.06.2012 // Seite 38-39
Autor: Reiner Reichel

Experten warnen vor steigenden Zinsen in Deutschland. Sie würden die Renditen von Bürogebäuden und Mietwohnungen schmälern.

Krisenzeiten sind Immobilienzeiten. Besonders wenn die Immobilien in einem sicheren Land wie Deutschland stehen. Deutsche Kleinanleger greifen jetzt zu, aber auch angelsächsische oder südeuropäische Immobilienanleger kaufen in Deutschland. Südeuropäische Anleger etwa hätten gerne einen Wert in D-Mark, sollte die Euro-Zone auseinanderbrechen. Die Nachfrage bleibt nach Ansicht von Experten allerdings nur hoch, wenn das Zinsniveau niedrig bleibt.

„In Deutschland zu investieren, ist vorteilhafter, als in den Heimatmärkten zu bleiben“, sagte Christian Ulbrich, Europa-Chef von Jones Lang Lasalle, auf der 19. Handelsblatt-Jahrestagung Immobilienwirtschaft. Es kommt hinzu, dass Deutschland zurzeit „eine extrem hohe Risikoprämie bietet“, ergänzte Ulbrich. Damit ist der Abstand zwischen Mietrenditen und Renditen zehnjähriger Bundesanleihen gemeint. Der beträgt bei guten Bürogebäuden mit etwa 4,9 Prozent Mietrendite etwa drei Prozentpunkte.

Doch ob der Immobilienmarkt in Deutschland eine Stütze für die Wirtschaft bleibt, macht der Wirtschaftsweise vom Ausgang der Krise in Griechenland abhängig. Sollte es nicht zum Fiskalpakt zwischen den europäischen Staaten kommen, fürchtet Wiegard, dass Euro – Bonds zur Finanzierung europäischer Staaten aufgelegt würden. Die brächten Deutschland eine zusätzliche Zinsbelastung von 1,5 Prozentpunkten, was den Bundeshaushalt jährlich mit 35 Milliarden Euro belasten und die Immobilienfinanzierung verteuern würde. Die Bonds dürften die Zinsen in den europäischen Krisenländern senken, in Deutschland dagegen höher treiben. “ Euro – Bonds würden zum Risiko für die deutsche Immobilienwirtschaft“, meint Wiegard.

Doch solange dieses Szenario nicht eintrifft, bleiben die Zinsen nach Einschätzung von Frank Pörschke, Deutschland-Chef von Jones Lang Lasalle, „stabil auf niedrigem Niveau“. Allerdings klagen Immobilienunternehmen bereits heute über Finanzierungsprobleme. Das Finanzierungsfenster sei eng, berichtete Pörschke. So gilt für Einzelhandels- und Büroimmobilien nach wie vor, dass Banken selten Kredite über mehr als 50 Millionen Euro vergeben und am liebsten nur vollvermietete Gebäude in guten Lagen finanzieren. Dabei beleihen sie diese möglichst nicht höher als 60 bis 70 Prozent.

Oder anders gesagt: Für zweit- und drittklassige Gebäude ist es schwer, einen Kreditgeber zu finden. Sogar schwerer als für Neubauprojekte, kristallisierte sich in einer Podiumsdiskussion heraus.

„Wir machen Projektentwicklungsfinanzierung“, sagte Johann Berger, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Helaba Landesbank Hessen-Thüringen. Seine Faustformel: Die Baukosten werden zu 70 Prozent finanziert, das Baukostenrisiko vertraglich abgesichert und für die Genehmigung eine Vorvermietung vorausgesetzt. Einen weiteren Vorteil der Projektfinanzierung sieht Andreas Pohl, Vorstand der Deutschen Hypothekenbank, in den kurzen Laufzeiten.

Reichel, Reiner