Ist Deutschland das nächste Nokia? | #HBEnergie-Expertenbeitrag von Anders Indset


Anders Indset, Wirtschaftsphilosoph.

von Anders Indset

Wir leben in Zeiten des Umbruchs, in Krisenzeiten, fantastischen Zeiten, Zeiten der Rebellen, Zeiten der „Normalen“ und Zeiten der „Anderen“. Wir leben im Wohlstand, uns geht es gut. Aber wir können noch weiter, noch höher und noch schneller, oder? 30% EBIDTA, Wachstum im gleichen Segment. Wir können nicht scheitern, oder wie es so schön heißt: „Too big to fail“. „Made in Germany“ wird uns nicht im Stich lassen, das gab es noch nie. Wir finden die Lösung? Blühende und diversifizierte, exportgetriebene Wirtschaft, die „Hidden Champions“, der solide Mittelstand, eine disziplinierte Finanzpolitik, Weltklasse Infrastruktur und „ein Modell für die Welt“. Was kann da noch schiefgehen? Banken, wir finden doch eine neue Antwort? Wie wäre es mit neuen Banken? – Fin- Techs? Industrie 4.0., 5.0., 6.0. — wir haben die Antworten, ein neues Update im gleichen System.

Alle schauen nach Griechenland, Italien oder das „regierungslose“ Spanien, aber vielleicht ist es gerade Deutschland, den Stärksten im „Bunde“, um den wir uns sorgen sollten? „Deutschland ist kein Unternehmen“, werden viele behaupten, aber könnte Germany Inc. das nächste Nokia sein? Ein Blick nach Süd-West Finnland: Wir schreiben das Jahr 1865 und Fredrik Idestam startet die Papiermühle, die später als weltweit führender Mobil-Anbieter Nokia bekannt wird. Im Jahr 2000 dann „die Weltherrschaft“, ab jetzt geht es nur noch um Innovationen, die eine Seite des Wandels — Gold, Prada, Mobiltelefone in allen Farben. Doch Wandel hat zwei Seiten: Es kommt auch auf unsere Perzeption an, eine neue Sichtweise auf die Welt. Keine zehn Jahre später zeigen sich die Konsequenzen des Widerstands, radikale Veränderungen vorzunehmen. Rückblickend kann der CEO natürlich in 2016 stolz sagen: „Wir haben nichts falsch gemacht“. Das Problem dabei ist, dass sie auch nichts richtig gemacht haben. Nokia wird für immer in der Geschichte bleiben, und die Historie für Mobiltelefone prägen, nur eben nicht die der Smartphones — auch wenn sie jetzt nach den Krisenjahren einen erneuten Angriff starten.

Mit einem „Birds-Eye-View“ auf Germany Inc. wird klar: Man hat ein Bratwurst-Museum und es lebe die Bürokratie. Die exponentiellen Technologien und Entwicklungen leben von Risikobereitschaft und schnellem Scheitern. In Deutschland ist das aber anders: „We do it right the first time“. Pirate Bay und Napster? Fehlanzeige — wir stoppen das mit Anwälten. Das Ergebnis? Blühende Unternehmen wie Spotify und Apple, nur nicht aus Deutschland. Wir verbieten UBER, AirBnB und jetzt BitCoin — alles muss verboten sein. Wir können den Wandel doch entschleunigen? Lieber Geld in Anwälte stecken als selbst an einer Lösung zu arbeiten, so lautet die Devise. Junge Leute mit blühenden Ideen und Energie vor Gericht zu stellen, ein zum Scheitern verurteiltes Business-Modell.

Eine neue Sicht auf die Welt

Unser Bildungssystem ist auf Kurzzeitbildung ausgelegt und darauf gepolt, Industriearbeiter für das 20. Jahrhundert auszubilden. Wenn das Bildungsministerium große Erfolge feiern möchte, und Johanna Wanka die Zielsetzung „Computer und WLAN in den Schulen bis 2021“ als Ziel definiert — damit die Kinder „IT-Kenntnisse“ bekommen — erkennen wir unsere Grenzen im aktuellen System. Sogar Achtjährige sind heute schon verbunden und verfügen über „digitale Kenntnisse“, sie leben primär in einer digitalen Welt. Es scheitert nicht an Geräten und Verbindung, alle haben sie Smartphones und sind „connected“.

Die junge Generation nimmt die physische Welt als sekundäre Welt wahr, dort spielen sie und kreieren. Wanka & Co. — die „alte“ Generation — die, die noch bei Facebook sind, verstehen das nicht. Noch nie war der Abstand zwischen den Generationen der 40-Jährigen und der 20-Jährigen größer. Dass wir eine Welt der Interdependenz geschaffen haben und dass jeder Einzelne nur im Verbund, im Team, in partizipierenden Kulturen und Gruppen funktioniert, sollte bald auch der alten Generation klar sein. Wir sind Legosteine, jeder mit einer anderen Rolle, die zusammen das „große Ganze“ ergeben. Die Entwicklung und die Trends sind klar.

2017: Die Veränderung im Wandel

Es gibt neue Player, neue Regeln, neue Märkte. Je länger gewartet wird, desto radikaler die Konsequenzen. Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht bereit ist für eine Zukunft, die keine lineare Projektion der Vergangenheit ist. Und Wetten auf die Vergangenheit abzuschließen, fühlt sich nicht nach einer Antwort auf die Fragen an. Eine vergoldete Zeit der Industriellen Revolution, die Gucci- Variante des Nokias 5110, ist nicht die Antwort auf die noch nicht gestellten Fragen. Deutschland muss jetzt radikal handeln, sonst droht das Szenario der alten Papierwaren-Hersteller aus der kleinen finnischen Stadt Nokia.

Wir haben exponentielle Veränderung, mehr Chaos und gleichzeitig mehr Stabilität, und diese Veränderung müssen wir wahrnehmen sonst geraten wir in Vergessenheit und leben in der Vergangenheit. 2017 wird der Anfang der Unendlichkeit — unendliche Veränderung, unendliches Wissen — und der Beginn einer neuen Ära der Philosophie: Die Kunst des klaren Denkens. Heute sind Philosophen überall gefragt, auch oder vielleicht besonders in der Wirtschaft. Wir kehren zurück zum alten Athen, zu Agora und den Dialogen von Plato.

Wir leben in hyperspannenden Zeiten. Nicht ohne Risiko, im Gegenteil, wir müssen aufpassen. Aber das Schöne ist: Wir, Du, Ich, können den Wandel und die Veränderung des Wandels beeinfl ussen. Packen wir es in 2017 gemeinsam an!

Über den Autor:

Anders IndsetAnders Indset, Wirtschaftsphilosoph.


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