In 10 Jahren ist das Geschäftsmodell der Stromversorgung von heute tot | #HBEnergie-Expertenbeitrag von Philipp Schröder


In 10 Jahren ist das Geschäftsmodell der Stromversorgung von heute tot

von Philipp Schröder

Kaum beachtet von der Öffentlichkeit ist am Pfingstsonntag 2016 etwas Außergewöhnliches passiert, das einen Blick auf die radikalen Veränderungen freigab, vor denen wir stehen. Erstmals und fernab der öffentlichen Debatten wurde an diesem sonnigen und windigen Sonntag im Mai nahezu der gesamte Strombedarf der Bunderepublik Deutschland über erneuerbare Energien gedeckt. Zwar war es Feiertag und auch die Wetter-Bedingungen waren optimal, aber trotzdem: Die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und die größte Industrienation Europas konnte sich und ihre Bevölkerung fast ausschließlich über Strom aus Sonne und Wind versorgen. Das Stromnetz ist dabei nicht zusammengebrochen, die Welt drehte sich weiter. Was bedeutet dieser eher symbolische Vorfall also für die deutsche Volkswirtschaft, die Verbraucher und was für diejenigen, die seit 100 Jahren ihr Geld mit dem Verkauf von Strom verdienen?

Es bedeutet erstens, dass die Strompreise in den nächsten Jahren fallen werden und auf einem dauerhaften Rekordtief verweilen. Davon wird vor allem die deutsche Industrie profitieren, denn das wird Deutschland einen echten Wettbewerbsvorteil über Jahrzehnte verschaffen.

Auch und gerade gegenüber dem vom Schiefergas-Boom getriebenen USA. Schon jetzt profitiert die deutsche Industrie von erneuerbaren Energien und ihrer Zwangsvermarktung an der Strombörse aber auch davon, dass die Kosten für die Subventionen vor allem die Verbraucher tragen. Aber der echte Preisvorteil kommt erst noch. In den 2020er Jahren – also in weniger als drei Jahren – werden die ersten Erzeuger von Wind- und Solarenergie aus der gesetzlichen Vergütung des EEG fallen, das im Jahr 2000 begann. Ab dann werden jedes Jahr weitere Anlagen dazukommen, die zusammengenommen eine gewaltige Leistung darstellen. Diese Erzeuger werden noch über Jahrzehnte hinweg Strom produzieren und das zu Spottpreisen. Denn die Anlagen sind abgeschrieben und wartungsarm. Ihre Energieträger Sonne und Wind sind sogar kostenlos. Die Investitionsbelastung, die durch Subventionen finanziert wurde, fällt weg und damit die Belastung der Verbraucher, während der Preis für erneuerbaren Strom weiter sinkt. Selbst abgeschriebene Kraftwerke mit billigster Kohle können hier nicht mithalten.

Zweitens, in zehn Jahren wird niemand mehr mit dem Verkauf von Strom Geld verdienen sondern nur noch mit dem Verkauf von Flexibilität. Das heißt, nicht große Kraftwerke sind mehr der Garant von gesicherten Profiten sondern die Fähigkeit die durch Sonne und Wind verursachten Schwankungen intelligent zu managen. Nur derjenige wird Geld verdienen, der Strom aufnehmen kann, wenn es zu viel davon gibt und Strom zur Verfügung hat wenn er durch die Wetterlage oder die Tageszeit knapp ist. Netzdienstleistungen, Netzbetrieb, Prognose- und Management Fähigkeiten tausender dezentraler Erzeugungsanlagen und intelligente Speicherung sind daher die Schlüsseltechnologien der Branche. Die konventionellen Kraftwerksbetreiber von heute werden mit ihrem jetzigen Geschäftsmodell komplett verdrängt.

Drittens, in zehn Jahren wird ein erbarmungsloser Transformationsprozess ins Digitale geschehen sein. Denn der Umstieg auf die erneuerbaren Energien ist nicht nur ein Umstieg von Zentralität auf Dezentralität, der von hunderttausenden kleiner Erzeuger geprägt ist. Er ist zeitgleich ein Umstieg von der analogen Welt, in der jährlich noch der Zähler von einem Mitarbeiter des Stromversorgers abgelesen wird, hin zu einer digitalvernetzten Welt.

Und viertens: Die wichtigste Rolle wird natürlich der Kunde haben. Denn er wandelt sich vom braven, passiven Abnehmer von Strom zum so genannten „prosumer“. Er wird also selbst Strom erzeugen aber gleichzeitig Strom und Service-Leistungen beziehen. Dieser Kunde ist der Katalysator für den Einzug der Digitalisierung, denn nur wenn der Kunde einen Nutzen, etwa in der Anwendung von intelligenten Zählern oder flexibleren Abrechnungen sieht, wird er dafür zahlen und auch der Nutzung seiner Daten zustimmen. Der Kunde der selbst Energiewirt ist, etwa mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem eigenen Dach, hat jedes Interesse die Nutzung seines Kraftwerkes zu optimieren. Er wird daher digitalen Technologien die Tür in die letzte analoge Bastion des 21. Jahrhunderts öffnen: dem eigenen Zuhause.

Vielleicht wird es mit der Energiewende in hundert Jahren sein, wie mit der Elbphilharmonie in Hamburg. Während der Bauzeit und den Terminverspätungen wächst die Kritik, doch in einhundert Jahren wird die Stadt Hamburg dankbar sein für einen visionären Bau und den Mut, in dem auch immer etwas Wahn steckt. Und Deutschland darf und wird die Energiewende mit allen Tücken und Kosten als das erkennen was sie ist: Nämlich die Chance den deutschen Industriestandort und damit unseren Wohlstand von dem Ausstoß von Kohlendioxid zu entkoppeln der gleichzeitig die größte wirtschaftliche Leistung des vereinten Deutschlands darstellt.

Über den Autor:

Philipp SchröderPhilipp Schröder ist Geschäftsführer der Sonnen GmbH.


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