Energie und Industrie | #HBEnergie-Interview mit Dr. Jörg Rothermel (EID)


Titelbild: Energie und Industrie | #HBEnergie-Interview mit Dr. Jörg Rothermel (EID)

Die energieintensiven Industrien sind seit jeher wichtige Partner für die Energiewirtschaft, doch auch hier wurden durch die Digitalisierung zahlreiche Veränderungsprozesse in Gang gesetzt. Was das konkret bedeutet, erläutert EID-Geschäftsführer Dr. Rothermel im Interview.

Herr Dr. Rothermel, Demand-Side-Management ist seit Jahren ein Schlagwort. Gibt es schon erfolgreiche Projekte oder woran hakt es noch?
Demand-Side-Management ist gerade für die energieintensiven Industrien ein bedeutender  Faktor, um die in Zukunft immer wichtiger werdende Sektorkopplung zu erreichen. Es ist die naheliegende und auch heute schon umsetzbare Form der Flexibilisierung des  Stromverbrauchs. Die Unternehmen beteiligen sich bereits am Regelenergiemarkt. Daneben gibt es weitere Projekte, beispielsweise bei stromintensiven Elektrolyseprozessen, die in der Chemie- oder Nichteisenmetallindustrie eine Rolle spielen.

Die industriellen Prozesse, die hier viel Potenzial bieten, orientieren sich heute aber vor allem am Produktionsbedarf, nicht am Stromverbrauch. Umstellungen bei diesen Prozessen im Rahmen von Demand-Side-Management werden ohne Anreizwirkungen nicht möglich sein.  Einen Anreiz gibt es zwar schon durch die Verordnung zu abschaltbaren Lasten. Hier wurden auch vorhandene Hemmschwellen wie zu hohe Losgrößen mit der Novelle der Verordnung 2016 abgebaut. Perspektivisch könnte die Schaffung einer Verordnung für zuschaltbare Lasten zusätzliche Flexibilität anreizen. Wichtig ist dabei jedoch, dass das System marktbasiert und technologieneutral ausgestaltet wird.

Sehen Sie die Industrie als Partner der Versorger mit Blick auf Lastenausgleiche in den (Verteil-)Netzen?
Die energieintensive Industrie verfügt – je nach Standort – über Mittel, die auch zu  Lastenausgleichen in Verteilnetzen beitragen können. Dazu zählen das flexible Fahren der Produktion und der Einsatz der Eigenerzeugung. Auch bieten sich Industriestandorte als Lastschwerpunkte für die Installation von Stromspeicherkapazitäten an, die zu Lastausgleichen auf Verteilnetzebene beitragen können.

Wo sehen Sie im digitalen Wandel Chancen für größere Energieeffizienz der Industrieunternehmen?
Die digitale Transformation der Industrie ist bereits angelaufen. Die zunehmende Digitalisierung wird zu Effizienzgewinnen bei allen Prozessen führen: Forschung, Logistik, Produktion und Vertrieb. Und das gilt auch für den Bereich Energieeffizienz. So werden eine verstärkt rechnergestützte Wartungsplanung („predictive maintenance“) und eine zunehmend kundenorientierte Produktionssteuerung („customized production“) auch weitere  Optimierungen für den Energieund Materialeinsatz ermöglichen. Das liegt daran, dass die zusätzliche smarte Sensorik präzisere Bedarfsdaten liefern kann. Allerdings bewegt sich das Effizienzpotenzial aus dieser Entwicklung im Rahmen der technologisch erwarteten Optimierungskurve. Große Effizienzsprünge sind also hier nicht zu erwarten. Man muss aber auch mitbedenken, dass Fortschritte in der Digitalisierung die Welt komplexer machen, was bei der Energieeffizienz nicht immer hilft. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wenn ein Unternehmen durch Digitalisierung stärker punktuell auf den Bedarf der Kunden hin produziert, kann das zu einer geringeren Gesamtauslastung der Produktionsanlagen oder auch zu häufigeren Wechseln in der Produktion führen. Das geht aber meist zu Lasten der Energieeffizienz.

Sehen Sie – konkret durch die Digitalisierung – das Potenzial für die Industrie, sich unabhängiger von den Versorgern aufzustellen oder sogar energieautark zu werden?
Die Digitalisierung ist beispielsweise in den Industrieparks schon frühzeitig eingekehrt. Zum Teil können die Standortbetreiber ihren Kunden minutengenau sagen, wie viel Strom, Gas, Wasser und technische Gase geliefert werden. Diese Digitalisierung ermöglicht es den Standortbetreibern schon seit Jahren, den besonderen Anforderungen industrieller Verbraucher gerecht zu werden. Die Standortbetreiber agieren teilweise bereits als Versorger und Netzbetreiber. Dabei ist die Autarkie aber kein Wert an sich, den es zu erreichen gilt. Es geht vielmehr darum, eine hohe Versorgungssicherheit herzustellen, mit hoher Effizienz und zu möglichst wettbewerbsfähigen Kosten. Solange diese Ziele in Zusammenarbeit mit externen Versorgern erreicht werden können, besteht kein Anreiz zur Energieautarkie von Industriestandorten.

Über:

Portrait: Dr. Jörg RothermelDr. Jörg Rothermel ist Geschäftsführer der Energieintensiven Industrien in Deutschland (EID).
@RothermelVCI


Dieser Artikel ist Teil unseres digitalen Magazins „Schnittstelle Energie Vol. 2 – Interaktive Insights zur Energiewirtschaft“. Es erwartet Sie Querschnitt durch die wichtigsten aktuellen Themen in der Branche, wie:

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