Die Energiewende im Wärmemarkt | #hbenergie-Expertenbeitrag von Dr. Florian Bieberbach (Stadtwerke München)


Die Energiewende im Wärmemarkt | #hbenergie-Expertenbeitrag von Dr. Florian Bieberbach (Stadtwerke München)

Dr. Florian Bieberbach, Vorsitzender der Geschäftsführung, Stadtwerke München GmbH
Der Wärme- und Kältemarkt ist verantwortlich für etwa die Hälfte der energiebedingten Treibhausgasemissionen in Deutschland. Gleichzeitig ist die Wärmeerzeugung hierzulande noch immer von fossilen Technologien dominiert: Ölkessel machen rund ein Drittel des Heizungsbestands aus. Der Anteil erneuerbarer Energien am Wärme- und Kälteverbrauch liegt bei etwa 12 Prozent (BMWi, Erfahrungsbericht EEWärmeG, November 2015). Ohne einen grundlegenden Umbau des Wärme- und Kältemarktes können die nationalen und europäischen Klimaschutzziele nicht erreicht werden. Ohne Wärmewende keine Energiewende.

Die Stadtwerke München (SWM) wollen diesen Umbau angehen und haben eine Fernwärmevision [1] entwickelt: Bis 2040 soll München die erste deutsche Großstadt werden, in der Fernwärme zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien, vorwiegend aus Tiefengeothermie, gewonnen wird. Zusammen mit Energiewirtschaft und Politik stehen die SWM vor einer Mammutaufgabe. Die Herausforderungen sind vielfältig: Insbesondere kommt es darauf an, die Besonderheiten von Ballungsräumen und ländlichem Raum stärker in den Blick zu nehmen. Dabei sollten Lösungen mit jeweils geringen volkswirtschaftlichen Kosten stets Vorrang haben. Letztlich brauchen wir stabile politische Rahmenbedingungen und Impulse für die Realisierung der Wärmewende.

Wärmenetze – Rückgrat für erneuerbare Wärme in Ballungsräumen

Das Ziel eines nahezu klimaneutralen Gebäudebestands ist nur zu erreichen, wenn Enegieeffizienzmaßnahmen und erneuerbare Energien ineinandergreifen. Der Anteil, den Energieffizienz und Erneuerbare in diesem Mix optimalerweise ausmachen sollten, hängt stark von den individuellen lokalen Gegebenheiten ab. So wird es in Ballungsräumen trotz Senkung des Raumwärmebedarfs auf absehbare Zeit einen substanziellen Bedarf an einer zentralen Wärme- und Kälteversorgung geben – zukünftig auf Basis erneuerbarer Energien. Denn die Energieeffzienz stößt in Ballungsräumen an architektonische und wirtschaftliche Grenzen. Ebenso sind hier die Möglichkeiten des Ausbaus dezentraler erneuerbarer Wärmelösungen, für die der ländliche Raum prädestiniert ist, begrenzt. Wärmenetze, die heute vorwiegend auf Basis der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) in vielen Städten vorhanden sind, sind für Ballungsräume bestens geeignet, eine effiziente und günstige Wärmeversorgung basierend auf erneuerbaren Energien sicherzustellen.

Vorrang für Lösungen mit geringen volkswirtschaftlichen Kosten

Energieversorger sind gefordert, die energie- und kosteneffizienteste Lösung im Sinne ihrer Kunden unter Berücksichtigung der Bedingungen vor Ort umzusetzen. Dafür gibt es kein Patentrezept. Um bei der Vielzahl erneuerbarer Wärmelösungen schnell zu tragfähigen und volkswirtschaftlich sinnvollen Lösungen zu gelangen, ist auch hier unabdingbar, lokale Spezifika stärker in den Blick zu nehmen. Während sich kleinere Lösungen wie Solarthermie, Wärmepumpen oder Biomasse eher für den Einsatz im dezentralen Umfeld eignen, funktionieren Technologien wie die Tiefengeothermie oder Abwärme nur über das Wärmenetz. So lässt sich mit Tiefengeothermie unter Berücksichtigung der volkswirtschaftlichen Kosten und der Einsparung von CO2-Emissionen die nahezu optimale Fernwärmeversorgung der Zukunft realisieren. Dies hat ein sektorenübergreifender Vergleich der SWM ergeben, bei dem Wärmerestkosten verschiedener Systeme gegenübergestellt wurden. [2] In Städten ohne ökologische Standortvorteile sind wirtschaftlich attraktive Alternativen für einen jeweils kostenoptimalen Ausbau der erneuerbaren Wärmeerzeugung zu suchen. Zum Beispiel lassen sich über Quartierskonzepte Synergien nutzen und ökologische und ökonomische Vorteile generieren.

Stabile politische Rahmenbedingungen und Impulse als Voraussetzung für die Wärmewende

Aufgrund der langen Lebensdauer von Anlagen und Netzen sind frühzeitige energiepolitische Weichenstellungen und langfristig verlässliche Rahmenbedingungen unabdingbar. Zwar besteht mit dem Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) und dem Marktanreizprogramm bereits ein Förderrahmen für den Ausbau der erneuerbaren Wärmeerzeugung. Der Herausforderung, die Wärmeversorgung perspektivisch zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzustellen, wird der aktuelle Rechtsrahmen jedoch nur bedingt gerecht. Die Wärmewende braucht einen stabilen Rahmen mit einem Zielhorizont über 2020 hinaus sowie ein nachhaltiges Konzept, das die erneuerbaren Wärmelösungen in ihrer Gesamtheit angemessen würdigt – zentral wie dezentral. So berücksichtigt das geltende EEWärmeG insbesondere dezentrale erneuerbare Wärmelösungen. Ein gesamthafter tragfähiger Rahmen für den Umbau der Wärmenetze fehlt bis heute. Beispielsweise sollte die Modernisierung der Wärmenetze stärker gefördert und die Fördersystematik von Wärmenetzen und KWK perspektivisch getrennt voneinander behandelt werden. Ebenso sind im Sinne einer klimafreundlichen und kosteneffizienten Wärmeversorgung langfristig stabile Anreize für den Umbau ganzer Quartiere wünschenswert.
Es wäre zu begrüßen, wenn mit der nun anstehenden Novelle des EEWärmeG, die gemeinsam mit einer Novellierung der Energieeinsparverordnung erfolgen soll, die richtigen Weichen gestellt würden, um die Wärmewende endlich einzuläuten. In München geht übrigens dieses Jahr die dritte Geothermieanlage in Freiham ans Netz. Sie wird die Grundlast der Wärmeversorgung des gleichnamigen Stadtteils decken – ein weiterer Schritt in Richtung 100 Prozent erneuerbare Wärme.
[1] Weitere Informationen zur SWM Fernwärmevision: https://www.swm.de/dam/swm/dokumente/m-fernwaerme/broschuere-gestalter-waermewende.pdf
[2] Greller. M./ Bieberbach, F.: Entwurf eines technischen und ökologischen Strukturwandels in der Fernwärmeversorgung, in: ENERGIEWIRTSCHAFTLICHE TAGESFRAGEN 65. Jg. (2015) Heft 8: https://mediatum.ub.tum.de/doc/1275405/1275405.pdf

Newsletter Energiewirtschaft 02/2016

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