Smart Cities – Ballungsräume nach den Bedürfnissen der Menschen gestalten


Smart Cities – Ballungsräume nach den Bedürfnissen der Menschen gestalten

„Ballungsräume der Zukunft müssen konsequent an den Bedürfnissen von Menschen ausgerichtet und lebenswert sein“, erklärt Andreas Cerbe. Als Technikvorstand der RheinEnergie spielt daher für den Energie- und Digitalisierungsexperten die Entwicklung und Umsetzung von Smart-City-Technologien eine zentrale Rolle.

Dr. Andreas Cerbe wurde im Mai 2011 zum Mitglied des Vorstandes der RheinEnergie AG berufen und seit Oktober 2011 zeichnet er im Vorstand der RheinEnergie verantwortlich für die Bereiche Technik, zu dem u.a. der Netzbetrieb, die Wasserwirtschaft und Regulierungsfragen gehören. Bei Handelsblatt Jahrestagung DIGITALE ENERGIEWIRTSCHAFT im Juni 2018 in Bonn spricht er zum Thema „Ökosystem Smart Cities: Rollen und Aufgaben für Energieversorger“.

Herr Dr. Cerbe, was bedeutet für Sie der Begriff Smart City?

Smart City bedeutet für mich, dass ein Gemeinwesen etwas erkannt hat: Die Ballungsräume der Zukunft müssen konsequent an den Bedürfnissen von Menschen ausgerichtet und lebenswert sein. Technik und innovative Ideen helfen uns, dieses Ziel zu erreichen. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass Nachhaltigkeit als oberstes Prinzip beim Ausbau der wachsenden Ballungsräume gilt. Wenn tatsächlich Mitte des Jahrhunderts fast 60 Prozent der Weltbevölkerung in Städten und Ballungszonen leben, wie es prognostiziert wird, dann tragen wir alle eine besondere Verantwortung dafür, diese Lebensbereiche so zu gestalten, dass sie auch für kommende Generationen lebenswert sind.

Weshalb sind die Stadtwerke und EVU wichtige Partner bei der Entwicklung von Smart Cities?

Wir stellen tagtäglich Infrastruktur und Dienstleistungen bereit, um die Grundbedürfnisse der Menschen nach Wasser, Energie und Wärme zu befriedigen. Unsere Arbeit hat wahrnehmbare Folgen für die Umwelt und das Klima: Je nachdem, wie wir unsere Aufgabe gestalten und lösen, können wir entscheidenden Einfluss auf Wohlbefinden, Versorgungssicherheit, Umweltfolgen und Lebenshaltungskosten der Menschen nehmen. Deswegen suchen wir gemeinsam mit anderen Akteuren in der Stadt nach Wegen, die Lebensumstände Aller zu verbessern. Beispiele dafür sind: Konsequenter Ausbau der vor Ort emissionsfreien Fernwärme in engen Wohnquartieren; Bereitstellen einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur für Elektromobilität inklusive Carsharing; Erproben und Einsetzen innovativer Technik wie Straßenlaternen, die Parkraummanagement ermöglichen oder Solardachpfannen, die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen. Landstromversorgung für Schiffe.

Wie weit sehen Sie die Städte auf dem Weg zur Smart City?

Das ist sehr unterschiedlich. Viele Städte, wie Amsterdam oder Paris, haben die Potentiale und Chancen einer gezielten Smart-City-Entwicklung sehr früh erkannt und richten ihre Aktivitäten daran aus. In Köln haben wir etwas später angefangen, haben aber dafür ein breites Akteursbündnis geschaffen, das koordiniert an den Themen arbeitet und sich regelmäßig darüber austauscht. Ebenso gibt es mittlerweile internationale Kooperationen; mit dem von der EU geförderten Projekt Grow Smarter, in dessen Rahmen jede der teilnehmenden Städte einen anderen Beitrag leistet, arbeiten wir gemeinsam mit Rotterdam, Kopenhagen und London an Zukunftsthemen. Im Rahmen dieser Kooperation haben wir etwa die Abwärmenutzung von Abwasser technisch realisiert. Wir gewinnen so die Wärme zurück, die sonst verloren ginge.

Welche weiteren Akteure braucht man, um das Thema Smart Cities voranzutreiben?

Allem voran braucht es die politische Vision und den politischen Willen der Verantwortlichen eines Gemeinwesens; also Stadtrat oder -Regierung. Wichtige Akteure sind auch die Verwaltungen der Kommune, die Entscheidungen vorbereiten oder umsetzen. Ein Schlüsselrolle haben, wie ausgeführt, die Stadtwerke und Energieversorger mit ihrem Infrastrukturangebot. Forschungseinrichtungen sind wichtig, die Input liefern und Ergebnisse evaluieren können. Start-ups benötigen wir für frisches Denken in neuen Richtungen. Am Ende vor allem engagierte und interessierte Bürger, die an der Umsetzung mitwirken und vielleicht auch neugierig sind.

Können Sie ein gelungenes Beispiel einer Smart City-Aktivität nennen?

Für mehrere Monate, von Ende Oktober bis Ende Februar, liegen im Niehler Hafen im Kölner Norden mehr als 25 Hotelschiffe zur jährlichen Überholung im Hafenbecken. Bislang tuckerten da auf allen Schiffen die Hilfsmaschinen rund um die Uhr vor sich hin – mit entsprechenden Umweltfolgen durch die Verbrennung des Schiffsdiesels. Jetzt steht dort am Hafenbecken eine eigene Stromstation, die allen Schiffen die benötigte elektrische Leistung zum Betrieb all ihrer Aggregate liefert. Die Maschinen sind gestoppt. Das ist ein gutes Beispiel für Nachhaltigkeit in Bezug auf Luftreinhaltung und Lärmvermeidung.

Ihr Unternehmen sitzt in Köln. Welche Bestrebungen haben Sie lokal, um smarte Technologien in die Stadt zu bringen?

Wir haben vor allem Leuchtturm-Aktivitäten entwickelt: Im Rahmen von Grow Smarter etwa sanieren wir gemeinsam mit der Wohnungswirtschaft eine Altbausiedlung aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter dem Aspekt Komfort und Energieeffizienz– ohne die üblichen Aspekte einer Luxussanierung, sondern für normale Menschen. Wir kombinieren dort dezentrale ortsnahe Energieerzeugung mit Absicherung über Fernwärme, wir haben die Häuser gedämmt, die Dächer als Photovoltaikflächen genutzt; der Strom fließt als „Mieterstrom“ direkt in die Häuser und nutzt den Anwohnern. Wir haben Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge plus Carsharing in die Siedlung gebracht. Ein intelligentes digitales Energiemanagement optimiert die Systeme so, dass bei gutem Komfort erhebliche Kostenvorteile entstehen.

Ein anderes Beispiel ist die Klimastraße in Nippes: Ein regelrechtes Experimentierfeld für innovative, bedarfsgerechte Beleuchtungssysteme im öffentlichen Raum, Ladesäulen für E-Fahrzeuge direkt an der Straßenlaterne, WLAN fürs Quartier, Meldesysteme für freie Parkplätze auf der Straße zur Vermeidung von Suchverkehr, und nicht zuletzt: Gemütliche Schmökerbeleuchtung mit Energiespareffekt für die lokale Buchhandlung.

Smarte Energiewelt – Die Zukunft der Branche ist digital

In allen Industrien werden neue (digitale) Produkte gesucht und gefunden. Es gibt erstklassige Learnings aus den unterschiedlichsten Branchen. Die Handelsblatt Tagung übersetzt die globalen Trends in die Businesswelt der Energiewirtschaft. Digitale Vordenker zeigen wie Kulturwandel funktionieren kann.

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