„Agiles Unternehmen“ – Unternehmensform der Zukunft?


„Agiles Unternehmen“ – Unternehmensform der Zukunft?

Der langfristige Erfolg eines Unternehmens hängt vielfach davon ab, wie schnell es sich auf veränderte Marktbedingungen einstellen kann, weiß Michael Buijzen. Im Interview erklärt er was „Agilität“ wirklich bedeutet und warum die Mitarbeiter dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Dr. Michael Buijzen ist Senior Business Development Manager im Unternehmen Präg und dort zuständig für Smart Energy Solutions & E-Mobility. Bei Handelsblatt Jahrestagung DIGITALE ENERGIEWIRTSCHAFT im Juni 2018 in Bonn spricht er zum Thema „„Agiles Unternehmen“ – Unternehmensform der Zukunft?!“.

Herr Buijzen, wieso sollten Energieunternehmen agil werden?

Die gesamte Energiebranche mit den Sektoren Wärme, Verkehr und Strom befindet sich seit rund fünf bis maximal zehn Jahren in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Die Wettbewerbsstrukturen um potentielle Kunden aus den Bereichen Privathaushalt, Industrie und Gewerbe haben sich sehr stark intensiviert und die Entwicklungszyklen, bspw. von neuen innovativen Energiedienstleistungsprodukten, werden aus zeitlicher Sicht immer kürzer.
Diese dynamische, nachhaltige Veränderung wird überwiegend durch die neuen Konkurrenten in der Energiewirtschaft hervorgerufen. Hervorzuheben sind hier die Unternehmen aus der Automobilindustrie (Tesla, Mercedes und BMW), aus der Telekommunikationsbranche (Telekom und Vodafone), aus dem Einzelhandel (Amazon, Ikea und Discountermärkte) und aus der IT-Industrie (Google und SAP).
Aus ihren vielfältigen Geschäftsabläufen generieren sie eine sehr große Anzahl von Kundeninformationen („Big Data“) um Verhaltensstrukturen der zukünftig noch stärker umworbenen Kundschaft langfristig im Energiemarkt zu ihren Gunsten beeinflussen zu „können“.
Viele dieser Unternehmen wenden heute – entweder im Gesamtkonzern oder in ausgegliederten Tochterunternehmen – agile Methoden und Verhaltensmuster an. Um in der Zukunft wettbewerbsfähig bleiben zu können müssen Energieversorgungsunternehmen verstärkt agil in den verschiedensten Unternehmensbereichen und -prozessen agieren.

An welchen Stellen kann ein Unternehmen Agilität einbringen?

Den höchsten Bekanntheitsgrad im Unternehmen hat heute sicherlich das Schlagwort „Agilität“ im Bereich des Projektmanagements. Klassisch wurde früher die Entwicklung eines neuen Produktes – mit seinen jeweiligen spezifischen Eigenschaften – im Detail zumeist durch die obere Führungs- bzw. Geschäftsebene festgelegt und dann mit Hilfe verschiedener IT-Tools die Koordination der unterschiedlichen involvierten Abteilungen mit den jeweiligen Terminfertigstellungsplänen durch die Projektleitung koordiniert.
Heute hat das Projektteam eine grobe Vorstellung des neuen Produktes. Es wird die Entwicklung direkt an den kommunizierten Kundenwünschen ausgerichtet, d. h. bspw. über sog. Iterationsverfahren entwickeln sie das Produkt in sehr kleinen Schritten in zumeist eng getakteten zeitlichen Abständen. In der Regel wird heute ein neues Produkt mit einem Fertigstellungsgrad von rund 80 % in den Markt eingeführt, um es dann zusammen mit den Rück- und Fehlermeldungen des Kunden final zu entwickeln.

Was ist gemeint, wenn von einem Kulturwandel die Sprache ist?

Neben der breit diversifizierten Arbeitnehmerstruktur in einem Unternehmen werden zukünftig verstärkt interdisziplinäre Kenntnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen bei der Mehrzahl der Mitarbeiter benötigt, um die Vielzahl von komplexen Herausforderungen mit einer positiven Unternehmensentwicklung selbstbestimmt bewältigen zu können.
Jedes Unternehmen hat heute eine zumeist über viele Jahre in der Praxis erprobte Unternehmenskultur, mit der sich die Mitarbeiter sehr stark identifizieren und welche in der Regel den bisherigen Unternehmenserfolg stützt. Durch die zuvor erwähnten neuen Wettbewerbsbedingungen in der Energiewirtschaft wird jetzt eine Impulsveränderung von außen an die Unternehmensstruktur/-kultur herangetragen, welche den zukünftigen Unternehmenserfolg zunächst einmal in Frage stellt.
Durch einen aktiv gesteuerten Changemanagement-Prozess der Geschäftsführung muss in vielen Fällen die Unternehmenskultur auf die neue Wettbewerbssituation angepasst werden. Dies ist nicht einfach und mit vielen Herausforderungen verbunden, da es immer darum geht eingeübte menschliche Denk- und Handelsmuster entsprechend anzupassen. Meines Erachtens ist hierfür ein sehr gutes Beispiel, dass wir uns innerlich von einer „Präsenzkultur“ hin zu einer „Ergebniskultur“ entwickeln müssen.
Was meine ich damit: Nicht mehr derjenige, der 10 Std an seinem Schreibtisch sitzt, wird in der kollegialen Außenwahrnehmung aufgrund seiner „Leistung“ wertgeschätzt, sondern derjenige, welcher die zuvor vereinbarte Zielvereinbarung positiv im besprochenen Zeitraum erreicht, egal an welchem physischen Ort und in welcher Arbeitszeit er diese erbracht hat. Dass dies nicht für alle Berufsausübungen – aufgrund der Verschiedenartigkeit der unterschiedlichen Tätigkeiten – gilt, ist selbstredend.

Wie verändert sich das Management in einem agilen Unternehmen?

Das klassische hierarchische Vorgesetztensystem wird in agilen Unternehmen (wenn überhaupt) nur minimiert eingesetzt. Selbstverständlich gibt es einen Entscheidungsträger, welcher in letzter Konsequenz seine Zustimmung geben muss, aber die Entscheidungsfindung wird im Regelfall wesentlich breiter durch die involvierten Teammitglieder bestimmt und nicht über die verschiedenen Hierarchiestufen nach unten delegiert.
Ein gutes Praxisbeispiel für die veränderte Herangehensweise ist, dass in den neuen Strukturen nicht mehr der Vorgesetzte über die Teamzusammensetzung entscheidet, sondern die Mitarbeiter im offen Dialog diejenigen Kollegen bestimmen, welche für dieses spezielle Projekt am besten geeignet sind. Sollte sich im Laufe des Projektes herausstellen, dass ein Kollege die an ihn gestellten Aufgabe nicht optimal erfüllt, wird dies in gegenseitiger Wertschätzung in der Gruppe diskutiert und in letzter Konsequenz entscheidet dann das gesamte Team, dass bspw. ein Teammitglied ausgetauscht wird. So haben sie zumindest theoretisch sichergestellt, dass jedes Projekt mit den fähigsten Mitarbeitern bearbeitet wird.

Wie finden Unternehmen die für diese neue Kultur nötigen Mitarbeiter?

Neben dem bewussten Changemanagement-Prozess innerhalb des Unternehmens und damit der persönlichen Entwicklung jedes einzelnen Mitarbeiters werden sie immer auch neue Mitarbeiter brauchen, welche diese neue Arbeits-, Lern- und Lebensphilosophie bereits verkörpern – Schlagwort „Generation XYZ“. Um diese neuen Mitarbeiter besteht ein extremer Wettbewerb aus den eben angesprochenen Branchen. Sie müssen sich heute also nicht mehr alleine gegenüber anderen Energieversorgern positiv positionieren, sondern auch ein interessanterer Arbeitgeber sein als bspw. die hippen Unternehmen aus dem Silicon Valley (Google, Tesla & Co.).
Die Energiewirtschaft insgesamt hat sehr gut darauf reagiert und erste Innovationshubs (StartUp-Ideenschmieden) ins Leben gerufen. Neben den großen Energieversorgungsunternehmen (Innogy, E.On und Vattenfall) haben auch vereinzelt kleinere Stadtwerke (Stadtwerke Bremen, Technische Werke Ludwigshafen) solche Kreativräume geschaffen, wo die eigenen Mitarbeiter zusammen mit innovativen, agilen StartUps an neuen Produkten forschen und diese in flexiblen Strukturen schnell zur Marktreife bringen. Diese neuen Arbeitsstrukturen werden die Energiewirtschaft in den kommenden Jahren prägen.

Eine sehr gute Möglichkeit frühzeitig mit jungen Talenten in der Energiebranche in Kontakt zu treten bietet die jährlich stattfindende Leit- und Kongressmesse European Utility Week, welche dieses Jahr vom 06.-08.11. in Wien stattfinden wird. Seit dem Jahr 2016 engagiere ich mich als sog. „Brand Ambassador“ (Markenbotschafter) für die während der Veranstaltung stattfindende Initiative „Initiate!“, welche junge Talente, StartUps und Industriepartnerschaften miteinander vernetzt. Dieses Jahr wird erstmalig mein Unternehmen (Präg Energie GmbH und Co. KG) im Rahmen der Initiative „Initiate!“, durch einen Ideenwettbewerb unter den jungen Talenten, ein Jahresstipendium für die kreativste Idee im Bereich neue Energiedienstleistungen vergeben. Ich bin sehr zuversichtlich über diesen Weg neue interessante und engagierte Mitarbeiter für meinen Bereich „Smart Energy Solutions & E-Mobility“ gewinnen zu können.

Smarte Energiewelt – Die Zukunft der Branche ist digital

In allen Industrien werden neue (digitale) Produkte gesucht und gefunden. Es gibt erstklassige Learnings aus den unterschiedlichsten Branchen. Die Handelsblatt Tagung übersetzt die globalen Trends in die Businesswelt der Energiewirtschaft. Digitale Vordenker zeigen wie Kulturwandel funktionieren kann.

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