Terrorgefahr in Deutschland: Wir dürfen nicht erst im Ernstfall handeln


Uwe-GerstenbergIm Interview äußert sich Sicherheitsexperte Uwe Gerstenberg zur aktuellen Lage der Sicherheitsbranche und erklärt Forderungen an die Politik, welche dazu beitragen sollen, Bürger effektiver zu schützen.

Nach den Terroranschlägen in Paris im Winter 2015 ist die Angst vor Attentaten größer denn je. Besonders bei Großereignissen und Menschenansammlungen, wie beispielsweise jüngst zur Karnevalszeit, haben viele Bürger ein mulmiges Gefühl. Deshalb stellt sich die Frage, wie Deutschland auf solche Ereignisse vorbereitet ist und was speziell die deutsche Sicherheitswirtschaft mit ihren nahezu 220.000 Mitarbeitern für einen Beitrag leisten kann.

Herr Gerstenberg, welche Schwierigkeiten ergeben sich aus der neuen Terrorgefahr? Wo musste die Sicherheitsbranche Maßnahmen ergreifen, um sich der Situation anzupassen?

Uwe Gerstenberg: Die Absage des Fußballländerspiels in Hannover im November 2015 hat gezeigt, dass der Terror in Deutschland angekommen ist. Besonders bei solchen Großveranstaltungen wird eine Vielzahl von privaten Sicherheitsmitarbeitern eingesetzt. Sie kontrollieren die Zugänge, führen den Ordnungsdienst während der Veranstaltung durch und unterstützen bei der Evakuierung im Gefahrenfall. All dies ist bereits gelebte Praxis.

Diese bestehenden Präventions- und Schutzmaßnahmen können noch verstärkt werden, z. B. durch den Einsatz von Sicherheitstechnik, eine erhöhte Anzahl von Sicherheitskräften und intensiveren Kontrollen. Hierauf sind die Branche, aber auch die Sicherheitsbehörden und Veranstalter vorbereitet.

Sind spezielle Schulungen, die explizit auf die Terrorgefahr eingehen, für die Sicherheitsleute vorgesehen oder wurden diese durchgeführt?

Uwe Gestenberg: Es gibt einen anerkannten Ausbildungsberuf, die geprüfte Schutz- und Sicherheitsfachkraft, welche mit einer Prüfung vor der IHK endet, jedoch verfügen nur wenige Sicherheitsmitarbeiter über diese Qualifikation. Meist werden Mitarbeiter nach einer Schulung, die 40 Unterrichtsstunden umfasst, bereits beim Kunden eingesetzt. Dies entspricht nicht nur der üblichen Praxis, sondern dies ist das, was der Gesetzgeber hierfür vorgesehen hat.

Von den ca. 4.000 Sicherheitsunternehmen in Deutschland verfügen nur wenige über eine eigene Sicherheitsakademie zur Schulung ihrer Mitarbeiter. Die Ausbildungsinhalte der Akademien orientieren sich im Regelfall an den Anforderungen des jeweiligen Kunden.

Für unsere Akademie kann ich sagen, dass wir unsere Mitarbeiter bereits Anfang 2015 – nach dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo – sensibilisiert und daraus Rückschlüsse auf weitere Methoden gezogen haben.

Welche Forderungen bestehen an den Staat? Was muss die Politik ändern, um der Sicherheitsbranche zu ermöglichen, Menschen effektiv zu schützen?

Uwe Gerstenberg: Die Politik ist aufgefordert, der privaten Sicherheitswirtschaft einen angemessenen Stellenwert einzuräumen. Die private Sicherheitswirtschaft ist ein wesentlicher Bestandteil der deutschen Sicherheitsarchitektur. Damit dies aber zum Erfolg führt, muss sich die Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsbehörden und der privaten Sicherheitswirtschaft weiter verbessern, und mögliche Vorbehalte zwischen den Parteien an die Seite geschoben werden.

Sicherlich liegt die Problematik u. a. darin, dass die Sicherheitswirtschaft betreffende Rahmenbedingungen vom Wirtschaftsministerium bestimmt werden. Neben Österreich sind wir das einzige Land in Europa, in dem die Sicherheitswirtschaft nicht in die Zuständigkeit des Innenministeriums fällt

Wie kann die Sicherheitsbranche die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland eindämmen bzw. mindern? Welche Möglichkeiten / Chancen hat die Branche hierzu?

Uwe Gerstenberg: Einen pauschalen Lösungsansatz hierzu gibt es nicht. Wir werden sicherlich noch eine lange Zeit mit dem Risiko von Terroranschlägen in Deutschland leben müssen. Hier dürfen wir nicht in Wochen, sondern müssen vielmehr in Jahren rechnen. Solange der IS seinen Kampf führen wird, so lange müssen wir auch in Deutschland von Anschlägen ausgehen.

Die Sicherheitsbranche unternimmt alles im Rahmen ihrer Möglichkeiten, um einen Beitrag zur Reduzierung der Terrorgefahr zu leisten. Hier müssen die Rahmenbedingungen durch die Politik und die Sicherheitsbehörden verbessert werden. Die Auftraggeber sollten sich darauf einrichten, dass sie das Sicherheitsbudget für die Sicherheit ihres Unternehmens weiter erhöhen müssen.

Wir Sicherheitsexperten sind uns aber im Klaren, dass die menschliche Psyche uns einen Streich spielen wird. Wenn nicht unmittelbar und aktuell etwas passiert, vergessen wir zu schnell. Erst wenn wir selbst betroffen sind, sind wir bereit, die notwendigen Maßnahmen zu unserem Schutz zu ergreifen. Dann spielt der Finanzbedarf auch nur noch eine nachgeordnete Rolle.

Ich hoffe, dass wir nicht erst durch eine Akutlage die Ernsthaftigkeit der Bedrohung durch einen terroristischen Anschlag wahrnehmen und dann anfangen, konsequent zu handeln.

 

Der Autor:

Sicherheitsexperte Uwe Gerstenberg, Geschäftsführender Gesellschafter, Consulting Plus