„Wir müssen kämpfen, um als Industrie-Standort spitze zu bleiben“


Interview mit Dr. Lother Meier, Leiter Business Development von Infraserv Höchst, zu den Herausforderungen für den Chemie- und Pharmastandort Deutschland.

Deutschland bietet als Standort für Chemie- und Pharmaunternehmen beste Voraussetzungen, muss aber die Rahmenbedingungen für hier ansässige Unternehmen konsequent weiterentwickeln. Wir haben mit Dr. Lothar Meier, Leiter Development bei Infraserv Höchst, über den Chemiestandort Deutschland unterhalten.Euroforum: Herr Dr. Meier, wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Chemie- und Pharma-Branche in Deutschland und Europa?

Dr. Lothar Meier: Das ist eine einfache Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Wir stehen mit den Produktionsstandorten in Deutschland in einem internationalen Wettbewerb, bei dem wir unsere Spitzenposition nur verteidigen können, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht weiter verschlechtern. Da gibt es viele Stellschrauben, von der Energiepolitik über das Thema Bildung und Qualifizierung, weil gut ausgebildete Nachwuchskräfte ein wichtiger Standortfaktor sind, bis hin zu den Auswirkungen gesetzlicher Veränderungen wie beispielsweise der Novellierung der Seveso-Richtlinie auf die Standorte.
Neben diesen und einigen anderen überwiegend politisch getriebenen Themen, die sich auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland auswirken, geht es aber auch um die Frage, wie sich die Branche selbst aufstellt und auf Veränderungen reagiert. Dazu gehört aus meiner Sicht, die Leistungsfähigkeit der Industrieservices auszubauen und stärker als Teil der Wertschöpfungskette, als Erfolgsfaktor für produzierende Unternehmen, zu positionieren. Ich bin sicher, dass wir gerade in prozessintensiven Bereichen wie der Chemieindustrie als Standort im internationalen Vergleich deutlich bessere Chancen haben, wenn wir Sekundärprozesse professionell und effizient darstellen können. Wir sind da auf einem guten Weg, aber diesen Weg müssen wir weiter konsequent beschreiten.

Ganzheitliche Konzepte für den Industrie-Service

Was bedeutet das konkret?

Dr. Lothar Meier: Gebäudebetrieb, Energieversorgung, Instandhaltung, Entsorgungsleistungen, Logistik – die Bandbreite der Prozesse, die ein produzierendes Unternehmen vom eigentlichen Kerngeschäft abkoppeln kann, ist vielfältig. Natürlich arbeiten Produzenten in vielen Bereichen mit Dienstleistern zusammen, aber es fehlt häufig noch das Bewusstsein, dass integrierte, ganzheitliche Konzepte zum Standortbetrieb zur Effizienzsteigerung beitragen und so ein wichtiger Wettbewerbsvorteil werden können. Wir müssen auf der Dienstleistungsseite noch stärker daran arbeiten, umfassende Servicekonzepte anbieten zu können, die durch die Bündelung und die Vernetzung verschiedener Leistungen den höchstmöglichen Mehrwert für den Kunden bieten. Und auf der Seite der Produzenten muss das Bewusstsein wachsen, dass die Vergabe derartiger Leistungspakete rund um das eigentliche Kerngeschäft die Flexibilität steigern und die Kostenstrukturen erheblich optimieren können.

Ist das für die Chemie- und Pharmabranche in Deutschland das Erfolgsrezept?

Dr. Lothar Meier: Nein, aber das ist eine der Stellschrauben, von der ich vorhin sprach. Oder um beim Rezept zu bleiben: Eine der wichtigsten Zutaten. Deutsche Industriestandorte sind im internationalen Vergleich spitze, doch die Wettbewerbssituation hat sich stark verändert. In anderen Regionen der Welt sind die Rahmenbedingungen in Bezug auf Energie- und Personalkosten ganz andere, die Märkte in Asien und USA haben sich weiterentwickelt. Wir sind als nach wie vor gut, aber wir müssen kämpfen, um an der Spitze zu bleiben. Es ist wie im Fußball: Man wird nicht einfach so Deutscher Meister. Da muss jeden Tag trainiert, immer wieder an der Taktik gefeilt und die Mannschaft personell weiterentwickelt werden, um besser zu sein als die anderen.

Energiepolitik: Industrie-Unternehmen brauchen Planungssicherheit

Stichwort Energie: Wenn Sie einen Wunschzettel an die Politik verfassen könnten – was würde ganz oben stehen?

Dr. Lothar Meier: Bitte in Dekaden denken, nicht in Wahlperioden. Wenn produzierende Unternehmen Investitionsentscheidungen treffen, dann denken sie in Zeiträumen von 10, 20 oder 30 Jahren. Und fast alle Unternehmen agieren global, was bedeutet, dass es einen unternehmensinternen Standortwettbewerb gibt. Ob eine neue Anlage in Deutschland, USA, Asien oder sonst irgendwo auf der Welt errichtet wird, hängt neben dem Marktzugang auch davon ab, wo die Rahmenbedingungen langfristig am besten sind. Die vielen Veränderungen im Energiebereich, die wir allein in den letzten Jahren erlebt haben und die sich nachhaltig auf Kostenstrukturen von produzierenden Unternehmen in energieintensiven Branchen auswirken, tragen nicht dazu bei, Investitionen in Deutschland zu erleichternr

Aber es wird doch weiter investiert. Ihr Unternehmen, Infraserv Höchst, hat gerade erst verkündet, dass im Industriepark Höchst im vergangenen Jahr 341 Millionen Euro investiert wurden, insgesamt fast 7 Milliarden Euro seit dem Jahr 2000.

Dr. Lothar Meier: Wir können bei uns im Industriepark tatsächlich ein konstantes und sehr stabiles Investitionsniveau vorweisen, was allerdings vor allem daran liegt, dass wir an einem großen Forschungs- und Produktionsstandort mit über 90 Unternehmen und 22.000 Beschäftigten eine sehr leistungsfähige, effiziente und spezielle auf Chemie und Pharma ausgerichtete Infrastruktur bieten können. Aber auch wir müssen kämpfen, um uns im internationalen Standortwettbewerb behaupten zu können. Und wir wissen aus den Gesprächen mit den Kunden: Sie brauchen Planungssicherheit. Wer heute einen dreistelligen Millionenbetrag in eine Anlage investiert, muss sich sicher sein können, dass er auch in fünf oder zehn Jahren noch wettbewerbsfähig produzieren kann – da spielt die Energiepolitik eine wichtige Rolle.

Entwicklungsmöglichkeiten für Industriestandorte erhalten

Sie hatten auch Aspekte wie die Bildungspolitik oder die Seveso-Richtlinie angesprochen. Worin bestehen da genau die Herausforderungen für die Branche?

Dr. Lothar Meier: Auch bei der Umsetzung der Seveso-Richtlinie geht es um Planungssicherheit, und natürlich um Entwicklungspotenziale. Chemiestandorte bestehen oftmals seit 100 oder 150 Jahren, in vielen Städten gibt es in der direkten Nachbarschaft Wohnbebauung, und zwar ohne Probleme. Wenn plötzlich aufgrund neuer gesetzlicher Regelungen strengere Auflagen für bestehende Produktionsbetriebe gelten, keine neuen Anlagen entstehen dürfen oder neue Wohngebiete näher an Standorte herangeplant werden, ist das natürlich ein Problem. Wir nehmen den Schutz der Umwelt und der Menschen im Umfeld von Chemiestandorten sehr ernst und betreiben alle Anlagen nach dem Stand der Technik , entsprechend aller behördlicher Auflagen und oft darüber hinaus Deshalb darf es an dieser Stelle keine Einschränkungen für Chemiestandorte geben.
Zum Thema Bildung: Wir brauchen für eine immer komplexer werdende Arbeitswelt qualifizierte Nachwuchskräfte, in unserer Branche, aber auch in anderen Bereichen. Denken Sie nur an die Anforderungen aus der Digitalisierung. Schulabgänger müssen das Rüstzeug mitbekommen, um eine anspruchsvolle Ausbildung erfolgreich absolvieren zu können. Was wir meiner Meinung nach nicht brauchen ist eine hundertprozentige Akademisierung. Wenn der prozentuale Anteil der Jugendlichen, die Abitur machen und anschließend ein Hochschulstudium anstreben, immer weiter steigt, fehlt es uns in Deutschland bald an jungen Menschen, die für eine klassische Duale Ausbildung in Frage kommen. Da wird der Demografie-Effekt, den wir ohnehin schon haben, noch weiter verstärkt. Wir müssen auch die klassischen Ausbildungsberufe für jungen Menschen attraktiv machen, um als Industrienation bestehen zu können.
Herr Dr. Meier, vielen Dank für dieses Gespräch.

Dr. Lothar Meier, Leiter Business Development bei Infraserv Höchst

Dr. Lothar Meier ist Leiter Business Development von Infraserv Höchst und Mitglied der Geschäftsleitung. Seit  April 2015 ist er auch Vorsitzender des Vorstands des Wirtschaftsverbands für Industrieservice, WVIS e.V.

Nach dem Studium der Chemie und Wirtschaftswissenschaften war Dr. Meier mehr als 20 Jahre im Bayer-Konzern in verschiedenen Leitungsfunktionen tätig, u.a. beim Textilfarbenhersteller DyStar und zuletzt als Leiter Marketing und Vertrieb bei Bayer Industry Services, darunter langjährige Stationen in Japan, Portugal und Spanien. Ab 2008 übernahm er bei ThyssenKrupp Xervon die Verantwortung für das Instandhaltungsmanagement und das Key Account Management für die chemische und petrochemische Industrie, bevor er Ende 2010 als Leiter Marketing und Vertrieb in die Unternehmensleitung der Infraserv Knapsack, der Betreibergesellschaft des Chemieparks Knapsack, wechselte.