Die Chemieindustrie im Zeichen von lndustrie 4.0: Wertschöpfungsketten müssen grundlegend umgebaut werden


Euroforum im Gespräch mit Dr.-Ing. Frank Jenner, Global Chemicals Leader bei EY.

Die Organisation der Kunden- und Lieferantenbeziehungen ist weltweit in einem rasanten Veränderungsprozess begriffen. Maschinenbauer werden zu Anlagenbetreibern, Logistikunternehmen klinken sich in Produktionsprozesse ein. Bleibt die Chemieindustrie mit ihren scheinbar so fest gefügten Strukturen davon unberührt?

Dr.-Ing. Frank Jenner: Mitnichten. Auch bei den Chemieunternehmen stehen die Zeichen auf Wandel. Wie in vielen anderen Branchen geht es hier ebenfalls darum, die Wertschöpfungsketten grundlegend umzubauen. Das Stichwort heißt Integration. Sie verläuft im Wesentlichen in zwei Richtungen: Die horizontale Integration soll Kunden und Lieferanten innerhalb der Wertschöpfungsketten stärker als bisher verzahnen. Die vertikale Integration hat dagegen das Ziel, die Grenzen zwischen den Produktsegmenten im einzelnen Unternehmen durchlässiger zu machen, um flexibler und in komplexerer Weise auf den Kundenbedarf reagieren zu können. Vertikale Integration steht ebenfalls für eine durchgängige „vertikale“ Betrachtung der Absatzplanung über die Mittelfristplanung hin zur Produktionsfeinplanung und weiter zur Auftragsabwicklung bis in die Betriebsleitebene, also über alle Planungs- und Ausführungsebenen hinweg. Dies wird Grundvoraussetzung für eine digitalisierte Produktionsumgebung sein.

Das heißt: Sowohl die Innen- als auch die Außenbeziehungen sind von Grund auf neu zu gestalten. Was sind die Auslöser dieser Beinahe-Revolution?

Jenner: Ich würde nicht unbedingt von einer Revolution reden, eher von einem mittelfristigen Veränderungsprozess. Die Impulse dazu kommen zum einen von der Kundenseite – die Klientel verlangt zunehmend komplette Lösungen statt einzelner Erzeugnisse, vollständige Pakete aus maßgeschneiderten Produkten, Beratung und Service im weitesten Sinne. Zum anderen spielen die technischen Möglichkeiten eine Rolle, die – unter den Schlagworten Industrie 4.0 und Digitalisierung – völlig neue Formen der firmenübergreifenden Vernetzung eröffnen und diesen Prozess noch verstärken.

Spielt auch die Wettbewerbssituation eine Rolle?

Jenner: Ja, natürlich, auf der Kundenseite ebenso wie beim Chemieunternehmen. Die herkömmlichen Geschäftsmodelle vieler Chemiekunden sind bereits unter Druck, neue Geschäftsmodelle entwickeln sich. Kürzere Innovations- und Produktlebenszyklen und die zunehmende Individualisierung im Konsumgüterbereich erfordern eine höhere Flexibilität und schnellere Reaktionen. Die Unternehmen müssen darauf reagieren, sowohl mit flexiblerer Produktionstechnik als auch mit neuen Abläufen in Vertrieb und Auftragsabwicklung. All diese Veränderungen zwingen die Lieferanten, in diesem Fall die Chemieunternehmen, ihre Prozesse ebenfalls massiv anzupassen.

Was werden die neuen Anforderungen ebenso wie die neuen technischen Möglichkeiten in der Chemiebranche bewirken?

Jenner: Die Folgen werden nicht von einem Tag auf den anderen sichtbar werden. Doch sie sind einschneidend. Chemieunternehmen bewegen sich weg von produktfixierten hin zu kunden- und branchenzentrierten Strukturen. Das erfordert sowohl ein neues Denken als auch eine neue Organisation. Denn es geht darum, die betrieblichen Ressourcen in Abstimmung mit dem Kunden zu steuern und zu synchronisieren. In Zeiten der Digitalisierung heißt Abstimmung sogar, die Nachfrage vorausschauend abzuschätzen. In der Vergangenheit war es häufig eher so, dass sich der Kunde mit seinen Bedürfnissen an die einzelnen, für ihn relevanten Produktbereiche wandte, um seine Gesamtlösung selbst zusammenzustellen. Jetzt geht es darum, vom Kunden und seinem Bedarf rückwärts ins Unternehmen zu planen bis zur Bereitstellung aller Bestandteile einer kompletten Lösung. Ziel ist es, dem Kunden Komplexität abzunehmen und ihm Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette anzubieten.

Wie kann das in der Praxis aussehen?

Jenner: Im Unternehmen selbst bedarf es einer bereichsübergreifenden Planung. Sie muss sicherstellen, dass die Komponenten einer Gesamtlösung, die aus mehreren Bereichen kommen, zeitgerecht zusammengeführt und zu der vom Kunden georderten „Lösung“ zusammengeschnürt werden. Solche Komponenten sind im Einzelfall nicht nur verschiedene Chemieprodukte, sondern auch Dienstleistungen wie die gemeinsame Produkt- oder Anwendungsentwicklung. In solche Prozesse lassen sich auch externe Partner einbeziehen, zum Beispiel für die spezielle Anwendungstechnik. Um dieses alles zu koordinieren, benötigt das Chemieunternehmen integrierte Spezialisten-Teams, etwa aus F&E, Prozessentwicklung, Produktion, Anwendungsentwicklung und Betriebswirtschaft.

Wer hat den Nutzen von diesen doch sehr einschneidenden Veränderungen?

Jenner: Bei Licht besehen sind es alle Beteiligten, eine echte Win-Win-Situation. Der Kunde wird auf der Einkaufsseite entlastet und kann sich selbst voll darauf konzentrieren, Produkte und Lösungen für seine Klientel zu entwickeln. Damit gewinnt er an Wettbewerbsfähigkeit. Ist dieser Nutzen groß genug, wird er gerne dafür bezahlen. Dem Chemieunternehmen hingegen eröffnen sich mit seiner neuen Position in der Value Chain neue Chancen der Wertschöpfung und der Profilierung im Wettbewerb.

Zum Schluss noch ein kurzer Blick in die Zukunft. Wie kann, wie wird sich diese Entwicklung fortsetzen?

Jenner: Sicher ist: Die Integration wird sich in den nächsten Jahren umso mehr beschleunigen, je praktikabler die technischen Systeme wie Industrie 4.0 und alle Digitalisierungsansätze wie zum Beispiel die digitale Analytik werden. Die vertikale Integration innerhalb der Unternehmen dürfte etwas schneller abgeschlossen sein als die horizontale innerhalb der Lieferkette. Denn da zeichnen sich noch ungeahnte Möglichkeiten ab, sowohl in der Vorwärts- als auch in der Rückwärtsintegration. Wer hätte noch vor wenigen Jahren gedacht, dass beispielsweise ein großer Lackhersteller selbst in die Rolle des Betreibers von Lackieranlagen für einen Automobilbauer schlüpfen würde? Ähnliches werden wir in Zukunft noch häufiger erleben.

 

Dr. Frank JennerDr.-Ing. Frank Jenner ist Global Chemical Industry Leader bei Ernest & Young. Der promovierte Verfahrenstechniker und Managing Partner im Bereich Advisory Services leitet auf globaler Ebene den Chemical Industry Sektor bei Ernest & Young.
Er verfügt über eine über 20-jährige Erfahrung im Bereich Supply Chain Design und Modellierung, Change Management, Business Improvement und Transformation.
Vor seiner Zeit bei EY war Frank Jenner Unternehmensgründer und Vorstandssprecher der J&M Management Consulting AG, einem „Hidden Champion“ in der Supply Chain und Value Chain Beratung in Europa.