Digital Transformation

Jedes Unternehmen wird auch ein Softwareunternehmen sein – Besondere Herausforderungen für das C-Level

Die Redaktion des Handelsblatt Journals im Gespräch mit Dr. Victoria Ossadnik, VP Microsoft Enterprise Services:

Wie wichtig ist es für das angehende C-Level, sich mit digitalen Trends und Innovationen zu beschäftigen?

Dr. Ossadnik: Die digitale Transformation steht hoch auf der Agenda bei allen Unternehmen. Deswegen ist es für angehende C-Level, gerade wenn sie in technologiefernen Bereichen aktiv sind wesentlich, die Möglichkeiten und die Veränderungen durch die Digitalisierung zu beobachten, zu verstehen und für das Unternehmen umzusetzen. Diese Umsetzung verlangt zunehmend schnellere Entscheidungen und technologische Agilität, so wie die Bereitschaft neue Geschäftsideen einfach mal auszuprobieren. Digitale Infrastrukturen – wie Cloud Computing – bieten hierfür die flexible Basis.

Wie können Führungskräfte durch die Auseinandersetzung mit digitaler Kommunikation profitieren?

Dr. Ossadnik: Digitale Kommunikation macht es einfacher, effizient zu arbeiten. Das „digitale Büro“ ermöglicht flexibles arbeiten, Zugang zu notwendigen Dokumenten von unterschiedlichen Geräten und Orten und die Kommunikation mit unterschiedlichen Teammitgliedern in neuen digitalen Formen der Zusammenarbeit. Außerdem kann die digitale Kommunikation einem Unternehmen Zugang zu neuen Märkten ermöglichen und die Attraktivität als Arbeitgeber im Kampf um Talente steigern. Eng verbunden ist damit ein kultureller Wandel: Die Digitalisierung ermöglicht und erfordert verkürzte Entscheidungswege. Vernetzte Kunden erwarten vernetzte Unternehmen. Das setzt voraus, dass Mitarbeiter selbständiger entscheiden dürfen. Digitalisierung der Kommunikation resultiert somit auch in die Abflachung von Hierarchien. Digitale Kommunikation verändert damit unmittelbar die Aufgaben von Führungskräften in Unternehmen.

Warum kann es entscheidend sein, das eigene Business aufzubrechen und auf den Kopf zu stellen? Oder wird der sogenannten „Disruption“ da ein zu hoher Stellenwert beigemessen?

Dr. Ossadnik: Die Wettbewerbslandschaft, technologische Möglichkeiten und geopolitische Rahmenbedingungen ändern sich sehr schnell und sind langfristig nicht voraussehbar. Deswegen ist es kontinuierlich notwendig, das eigene Geschäft und auch die eigenen Tätigkeiten neu zu bewerten und wenn sinnvoll auch zu verändern. Wer hätte vor wenigen Jahren gedacht, dass traditionelle Branchen wie das Taxigewerbe, die Hotelbranche oder Versicherungen durch softwarebasierte
Geschäftsmodelle zunehmend durch Branchenfremde und Start-ups unter Druck geraten. Vereinfacht gesagt: Tendenziell wird künftig jedes Unternehmen auch ein Softwareunternehmen sein. „Disruption“ wird nur dort unterschätzt, wo sich nicht damit beschäftigt wird.

Für neue Geschäftsmodelle werden Ideen gebraucht. Auf welche Weise kann Fachleuten die Gelegenheit gegeben werden, die notwendigen Visionen zu entwickeln, sich inspirieren zu lassen?

Dr. Ossadnik: Neue Ideen und Innovationen entstehen aus sehr unterschiedlichen Quellen, oft versickern sie aber ohne weitere Beachtung. Für Unternehmen ist es wesentlich, eine Kultur der Neugier, des Lernens und der Offenheit für neue Ideen zu leben und bewusst Neues auszuprobieren und davon zu lernen.

Wagen Sie einen Ausblick: Wie wird die Technologie unsere Welt bis 2025 verändern?

Dr. Ossadnik: Technologie ist an sich abstrakt und selten eigendynamisch. Wir alle haben die Freiheit und tragen die Verantwortung wie wir Technologie einsetzen und was wir damit verändern. In den Bereichen Kommunikation und Information sehe ich einen weiteren Anstieg des Zugangs zu weltweiter, sprachenunabhängiger Kommunikation und Information und dadurch eine weitere Globalisierung. Die statistischen Vorhersage- und Analysemöglichkeiten auf Basis der bereits gesammelten und ständig stark wachsenden Datenmengen werden extrem an Bedeutung gewinnen. Die Möglichkeiten zur digitalen Steuerung werden in allen Bereichen des Lebens zur Realität werden, so zum Beispiel in einem Haushalt mit vernetzten Haushaltsgeräten, in einer Fertigung mit voraussehender Wartung oder bei autonomen Transportmodellen. In der Medizin und in der Bildung werden sich vollkommen neue Modelle durchsetzen, die wir jetzt in einigen Piloten sehen. Letztendlich entscheiden wir als Gesellschaft, Unternehmer und Verbraucher, welche Geschäftsmodelle mit welchem Technologieeinsatz tragfähig sind.

Die fortschreitende Digitalisierung fordert von den Unternehmen eine besondere Flexibilität, um nicht den Anschluss zu verlieren. Kann dabei „Female Leadership“ von Vorteil sein?

Dr. Ossadnik: Eine Unternehmensführung profitiert nachweisbar von einem möglichst breiten Hintergrund des Führungsteams. Je diverser ein Team ist, desto flexibler und erfolgreicher kann das Team Änderungen und Einflüsse vorhersehen und auch adäquat darauf reagieren. „Female Leadership“ ist ein Teil dieser notwendigen Diversität.

Wie sieht es praktisch aus, wenn „Diversity“ als Unternehmenskultur wirklich gelebt wird?

Dr. Ossadnik: Diversity zeigt sich in Respekt für Menschen, Offenheit für andere Kulturen und Sichtweisen und die Bereitschaft, das als Stärke eines Unternehmens einzusetzen.

Wie führen Frauen, wie führen Männer? Gibt es Unterschiede, Vor- und Nachteile? Haben Sie selbst es bei Ihrem Karriereweg jemals als Nachteil empfunden, eine Frau zu sein?

Dr. Ossadnik: Aus meiner Erfahrung führen immer Individuen, im Idealfall entlang einer gemeinsamen Führungskultur, ein Unternehmen. In meinem (Berufs)-Leben habe ich die Chance, sehr viel zu lernen, mit inspirierenden Menschen zu arbeiten und meine Fähigkeiten für Menschen und Unternehmen einzusetzen. Ich habe es dabei nie als Nachteil empfunden eine Frau zu sein.


Dr. Victoria Ossadnik

Dr. Victoria Ossadnik, VP Microsoft Enterprise Services

Handelsblatt Journal Industrie 4.0

Dieser Beitrag ist Teil der aktuellen Ausgabe des Handelsblatt Journals „Industrie 4.0 – Smart – Agile – Connected“, das Sie kostenlos herunterladen können.