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Deutschlands Problem: zu viel Hardware, zu wenige Plattformen — Christoph Bornschein (TLGG)

Fragt man Christoph Bornschein von der renommierten Digitalagentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG), woran die deutsche Wirtschaft auf Winner-Takes-It-All-Märkten zu scheitern droht, bringt er es folgendermaßen auf den Punkt: Deutschland denkt zu viel über Hardware und nicht genug über Plattformen nach. 

Wie kann es der deutschen Wirtschaft gelingen, mit Plattform-Denken auch die Winner-Takes-It-All-Märkte zu kontrollieren? Diskutieren Sie  dies im exklusiven Kreis bei der C-SUITE am 28. und 29. Juni in Berlin.

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Interview mit Christoph Bornschein, Gründer und Geschäftsführer von Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG)

Herr Bornschein, Sie prophezeien „Das Ende der sicheren Zeiten für die deutsche Gesellschaft.“ Warum? Was muss sich ändern, damit Deutschland international wettbewerbsfähig bleibt?

Christoph Bornschein: Wir sind heute dabei in Winner-Takes-It-All-Märkten den Anschluss zu verlieren, weil wir zu viel über Hardware und nicht genug über Plattformen nachdenken. Wir müssen uns klar machen, dass wir allgemein gerade dramatisch unterperformen, was globale Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit angeht. Wenn das so weitergeht, verspielen wir den Anschluss an die globale Wirtschaft. Und das erste, was sich da ändern muss, ist der Fokus: Deutschland kann nicht aus einem national orientierten Kontext über internationale Wettbewerbsfähigkeit nachdenken, sondern nur gemeinsam mit den europäischen Partnern und unter Zuhilfenahme eines integrierten digitalen Binnenmarktes.

In welchen Bereichen ist Deutschland zu langsam?

Christoph Bornschein: In vielen Grundlagen, im Grund im gesamten gesellschaftlichen Betriebssystem. Dazu gehören etwa Bildung, strategische Industriepolitik, das Vorhandensein von Schlüsseltechnologien. Es fällt uns schwer, einen gesellschaftlichen Konsens über unsere digitale Zukunft und den Weg dahin zu finden, weil so viele Grundelemente unzureichend vorhanden und ausgeprägt sind.

 Fehlt die Start-up-Mentalität in Deutschland und wenn ja, warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Christoph Bornschein: Das ist unter allen Problemen wahrscheinlich nicht das größte. Allgemein jedoch leben viele wichtige Industrien von den Innovationen vergangener Jahrhunderte. Irgendwann gab es einen Durchbruch in chemischer Forschung und damit eine große Pharma- und Chemieindustrie. Charlotte Benz fuhr mit dem Benzinmotor auf und ab und daraus entwickelte sich eine Automobilindustrie. Aus der Linearität dieser Entwicklung, aus dem immer feineren Durchoptimieren dieser Grundideen sind wir nie wieder rausgekommen. Da fehlt nicht so sehr ein „Wir müssen sein wie ein Startup“, sondern das Bewusstsein, dass es überhaupt einen Neustart braucht. Auf der anderen Seite fehlt es denen, die Neues schaffen, oft an Kommerzialisierungsbewusstsein. Wir sind nach Forschungs-KPIs die effizienteste Forschungsnation der Welt, doch wir schaffen kaum Produkte, die den Weltmarkt erobern. Klassisches Beispiel ist das MP3: Erfunden hier, breit kommerzialisiert woanders. Vielleicht fehlt es insgesamt eher an Unternehmertummentalität.

Reagiert die Politik zu zögerlich auf neue Anforderungen?

Christoph Bornschein: Es ist so leicht und üblich, hier zu bejahen. Aber so einfach ist es eben nicht. Die Frage ist doch, ob die Demokratie schnell genug reagieren kann – durchgedrückte Entscheidungen eines politischen Komitees in China sind halt sehr schnell. Wir haben uns aber aus guten Gründen dafür entschieden, dass gesellschaftlicher Konsens unsere Bewegungsgeschwindigkeit determiniert. Und aktuell ist die Politik sehr schlecht darin, diesen Konsens zu schaffen. Am Ende ist es doch Aufgabe des Politischen, unseren Weg nach vorne zu definieren. Und da fehlt es uns gerade. Es gibt niemanden, der dafür Ideen, Visionen, Argumente formuliert.

„Vom ich zum wir“ ist das Motto der diesjährigen Handelsblatt C-Suite. Wie stellen Sie als CEO sicher, dass bei TLGG aus dem Ich ein Wir wird?

Christoph Bornschein: Wir setzen anspruchsvolle Ziele für die Agentur, für Teams und für einzelne Projekte. Und dann geben wir den Leuten die Freiräume, die sie dafür brauchen. Wir fordern dafür die Übernahme von Verantwortung und Eigenständigkeit, was wiederum nur funktioniert, wenn sich alle in ihren Schlüsselkompetenzen ergänzen. Ich selbst suche und finde bei uns immer eher den Austausch mit klugen Menschen als das anleitende Führungsgespräch.

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