Statements

Eingangsstatement

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Andre Cera, Otto Group

Betriebliche Altersversorgung – Kapitalanlage oder soziale Absicherung?
In der Otto Group steht bei der betrieblichen Altersversorgung grundsätzlich der Fürsorgegedanke im Vordergrund. Deshalb dominiert in Deutschland der am flexibelsten gestaltbare Durchführungsweg der Direktzusage – ohne zusätzliches Funding mittels eines CTA, Rückdeckungsversicherungen oder ähnlichem. Als nicht börsennotiertes Familienunternehmen vertreten wir weiterhin den für viele aus heutiger Sicht schon fast traditionellen Standpunkt, dass die interne Unternehmensrendite langfristig höher ist als die Rendite am Kapitalmarkt und dass eine Kapitaldeckung durchaus auch Risiken und Probleme mit sich bringen kann. Letzteres werden all diejenigen Unternehmen bestätigen können, die schon längerfristig in UK engagiert sind und dort aufgrund plötzlich entstandener Defizite beim Funding entsprechende Erfahrungen gemacht haben. Somit führt die aktuelle Niedrigzinsphase in der Otto Group durch den Anstieg der Pensionsrückstellungen lediglich zu einem Effekt auf der Passivseite, die Dopplung des Effekts durch einen zusätzlichen Renditerückgang auf der Aktivseite bleibt aus.

Umgang mit Risiken
Selbstverständlich setzt diese Sichtweise sorgfältig gestaltete Versorgungszusagen und ein entsprechendes Controlling voraus. Damit ist die Erbringung der zukünftigen Rentenzahlungen sichergestellt. Auch wenn die Pensionsrückstellungen aufgrund der sich ändernden Bewertungsparameter steigen: das Unternehmen zahlt den Versorgungsberechtigten aufgrund dieser Entwicklung nicht einen Euro zusätzlich – es handelt sich lediglich um einen Bewertungseffekt.

Be- oder Entlastung durch den neuen § 253 HGB?
Die Bemühungen des Gesetzgebers, die Unternehmen durch die Änderungen des § 253 HGB im Rahmen des Gesetzes zur Umsetzung der Wohnimmobilienkreditrichtlinie und zur Änderung handelsrechtlicher Vorschriften zu entlasten, verfehlen bei der derzeitigen Gestaltung leider ihr Ziel. Anstatt der Empfehlung der Fachverbände und des Instituts der Wirtschaftsprüfer zu folgen, ist es bei der Erweiterung des zu Grunde zu legenden Zeitraums für die Durchschnittsbildung um lediglich drei Jahre geblieben. Und es kommt auch zu keiner wirklichen Entlastung, da der Entlastungseffekt aufgrund der Ausschüttungssperre lediglich im Eigenkapital Wirkung entfaltet. Was jedoch unmittelbar Wirkung zeigt, sind der Zwang zur sofortigen Umsetzung für Gesellschaften mit Bilanzstichtag nach dem 31.12.2015 mangels Übergangsregelung sowie die nachhaltig bleibenden (und echten) Mehrkosten für die zusätzlich benötigte versicherungsmathematische Bewertung zur Bestimmung des ausschüttungsgesperrten Betrages. Eine tatsächliche Entlastung statt der handelsbilanziellen Nebelkerzen hätte nur ein realitätsnaherer Rechnungszins im § 6a EStG gebracht.


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Dr. Rupert Felder, Head of HR, Heidelberger Druckmaschinen AG

Practise Talk am 06.04.16
Sinkende Zinsen führen zu steigenden Rückstellungen. Steigende Lebenserwartung führt zu höheren Auszahlungsprognosen. Die betriebliche Altersversorgung kommt von vielen Seiten aktuell gewaltig unter Druck. So auch bei der Heidelberger Druckmaschinen AG. Hinzu kommt die Unternehmensentwicklung. Die Belegschaftszahl sank durch Restrukturierung von rund 20.000 Mitarbeitenden in 2008 auf nunmehr 11.500. Gleichzeitig stieg die Zahl der Pensionäre und Anwartschaftsberechtigten. Mit der demografischen Kurve aus solchen Aktionen zum Personalabbau wächst in den kommenden Jahren die Zahl der Pensionäre deutlich an. Nur: aus diesen guten Zeiten stammt die betriebliche Altersversorgung, deren Verpflichtung in Kombination mit dem sinkenden Zinsniveau zu einer Herausforderung für die Bilanzierung wurde. Also war Handlungsbedarf angesagt.

Der Arbeitgeber ist nicht frei, einmal vereinbarte Regelungen zur betrieblichen Altersversorgung je nach Zinsentwicklung zu ändern und er ist auch nicht frei, bislang erworbene Ansprüche für die Zukunft zu reduzieren und mit Verweis auf die wirtschaftliche Lage zu eliminieren. Betriebsrat und im Unternehmen vertretene Gewerkschaft (hier die IG Metall) sind notwendige Verhandlungspartner, wenn bestehende – aus „guten Zeiten“ stammende Versorgungsordnungen verändert werden sollen. Das gilt nicht nur für die Absicht, Leistungen zu begrenzen. Das gilt bereits für den Systemwechsel: weg von Zusagen nach dem bis zum Renteneintritt erreichbaren höchsten Einkommensniveau hin zu Kontenführungen, die mit Bausteinen die tatsächliche Jahresscheibe beruflicher Entwicklung erfasst. Die faktische Lage, die sich aus den Tabellenwerten und Berechnungen der Versicherungsmathematiker ergibt – einschließlich der Prognosen zur Einkommenssteigerung, Lebenserwartung, Schwerbehinderung und Scheidungsrate – trifft auf Betriebsräte, die am Verhandlungstisch nicht nur das Erbe ihrer Vorgänger sondern auch die eigenen Rentenerwartungen zu verhandeln haben.

Es geht dabei nicht um arbeitsrechtliche Formulierungskunst – das ist selbstverständliche Voraussetzung. Es geht um die Begleitung und Moderation eines Erkenntnis- und  Gestaltungsprozesses. Die Sprache des Betriebsrates einer Maschinenbaufabrik und die IFRS-Welt müssen vermittelt und mit dem Ziel eines zügigen Verhandlungsverlaufes einander näher gebracht werden. Das ist eine spannende Herausforderung für Personalmanager als Brückenbauer.

Das beschreibt die durch die Zinsentwicklung ausgelöste Notwendigkeit einer neuen bAV für unser Unternehmen. Durch die Bilanzierungstermine stand nicht unbegrenzt Zeit für Verhandlungen zur Verfügung. Innerhalb von 12 Wochen stand die neue, ablösende Betriebsvereinbarung, ein neues Kapitel der betrieblichen Altersversorgung wurde aufgeschlagen.


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Dr. Verena Volpert, Senior Vice President Finance, E.ON SE

Unternehmerische Handlungsoptionen zur Entlastung der Bilanzen
Die Zusage von Versorgungsleistungen für das Rentenalter im Rahmen der betrieblichen Altersversorgung (bAV) bedeutet eine langfristige Festlegung des Arbeitgebers. Da Zahlungen für die Zukunft zugesagt werden, sind die Verpflichtungen wie Finanzschulden eines Unternehmens zu betrachten. Diese weisen jedoch i.d.R. zwei Besonderheiten auf. Zum einen ist ihr Auszahlungsprofil ungewiss, sofern bspw. Rentenanpassungen erfolgen oder Langlebigkeitsparameter sich ändern. Zum anderen erfolgt die Bilanzierung anders, als wir es z.B. von Unternehmensanleihen kennen. Während diese zum Nominalwert passiviert und damit faktisch mit einem konstanten Rechnungszins bewertet werden, erfolgt die Passivierung von bAV-Zusagen im Grundsatz marktorientiert, indem der Rechnungszins aus Kapitalmarktrenditen abgeleitet wird. Sie schwanken damit im Zeitablauf. Dies gilt sowohl für die Bilanzierung nach deutschen als auch nach internationalen Rechnungslegungsvorgaben. Dabei unterscheiden sich der Beobachtungszeitraum für die Zinsableitung (HGB: bisher 84 Monate, jetzt 120 Monate / IFRS: Stichtag) und die Erfolgswirksamkeit von Zinsänderungen (HGB: erfolgswirksam / IFRS: erfolgsneutral).

Der Trend führt weg von festen Zusagen
Zur Entlastung der Bilanzen ergeben sich drei Handlungsfelder: (i) die Zusagen können angepasst werden, (ii) die bilanzielle Bewertung kann optimiert werden oder (iii) die den Verpflichtungen gegenüberstehenden Plan- bzw. Deckungsvermögen werden verpflichtungsorientiert investiert.

Bei der Zusagestruktur ist der Trend klar: weg von festen hin zu Zusagen auf Basis von Marktparametern – in letzter Konsequenz in Form einer Beitragszusage mit Mindestleistung. Auch innerhalb bestehender Versorgungswerke kann man Effekte erzielen, indem z.B. Wahlrechte für Kapitalleistungen eingebaut werden. Eine Analyse der Zusagestruktur steht damit immer an erster Stelle.

Im Rahmen der bilanziellen Bewertung der Verpflichtungen wurden zuletzt verschiedene Maßnahmen umgesetzt, um den bilanziellen Auswirkungen des Niedrigzinsumfelds zumindest in Ansätzen zu begegnen. So wurden die Rententrends reduziert, was vor dem Hintergrund der niedrigen Inflation sachlich richtig ist. Zudem wurden die Rechnungszinsen diskutiert – breit öffentlichkeitswirksam in der HGB-Debatte. Die Verlängerung der Durchschnittsbildung erscheint allerdings konzeptionell fragwürdig.

Beim IFRS-Zins wurde lange diskutiert, ob nicht eine Ausweitung des Bonduniversums eine sachgerechte Antwort auf die Zinsentwicklung wäre, allerdings konnte sich dies bislang nicht durchsetzen. Danach wurden die Zinsableitungsmethoden verfeinert, um die ‚high quality corporate spreads‘ genauer zu bestimmen. Dies ist insbesondere vor dem aktuellen Markthintergrund wichtig, da der Credit Spread ein ganz wesentlicher Bestandteil des Rechnungszinses ist.

Eine Erhöhung der Renditeerwartung ist wesentlich
Damit komme ich zum dritten Aspekt der Optimierung: der verpflichtungsorientierten Kapitalanlage des Deckungsvermögens. Die Analyse der Zusagestruktur ist unabdingbar, wirkt in der Regel aber nur für die Zukunft. Die Anpassung bilanzieller Bewertungsparameter kann bei der buchhalterischen Bewertung Spitzen glätten, reicht aber alleine nicht. Eine verpflichtungsorientierte Kapitalanlage kann dazu beitragen, Risiken aus den Zusagen und Bewertungsrisiken im Zeitablauf teilweise zu kompensieren, zumindest unter IFRS.

Dabei sind mindestens zwei Gestaltungsblöcke zu adressieren: Das ‚Liability Hedging Portfolio‘ dient der Reduktion markthandelbarer Risikofaktoren wie Zins, Credit Spread oder Inflation. Sein Anteil an der Gesamtallokation bestimmt die Volatilität der IFRS-bilanzierten Rückstellung im Zeitablauf. Gleichwohl führt ein Zinshedging auch zum Einloggen des aktuellen Zinsniveaus und einer entsprechend geringeren Renditeerwartung. Aufgabe des zweiten Strukturblocks, des‚ Return Seeking Portfolios‘, ist es daher, mittels einer breiten Diversifikation verfügbare Risikoprämien am Kapitalmarkt zu vereinnahmen und damit die Renditeerwartung zu erhöhen.

Dies in praxi umzusetzen, ist jedoch zunehmend anspruchsvoll, da einerseits die Absicherung des Zinsrisikos hohe Opportunitätskosten impliziert und andererseits keine einfachen Assetklassen mehr existieren, da fast alle Investments direkt oder indirekt von der Geldpolitik beeinflusst sind. Daher bedarf es der Ableitung einer Anlagepolitik, die kurzfristige Schwankungen im Rahmen von Risikobudgets toleriert, um so mittel- und langfristig diversifizierte Kapitalmarkterträge zu erwirtschaften.