Chancen und Risiken im Kapitalanlagenmanagement der reinen Beitragszusage


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Prof. Dr. Oskar Goecke
Institut für Versicherungswesen
Technische Hochschule Köln

Our mission is to safeguard and build financial wealth for future generations” – mit diesem schlichten Satz beginnen die Jahresberichte des norwegischen Government Pension Fund Global. Der Staatsfonds wird gespeist von den Gewinnen des norwegischen Staates aus der Ölforderung. Da diese nicht ewig fließen werden, sollen die heutigen Windfall-Profits gesichert und bewahrt (to safeguard) sowie ertragreich für die nächste Generation angelegt werden. Dieses Mission Statement bringt aber auch sehr gut zum Ausdruck, worum es in der kapitalgedeckten Altersversorgung geht, nämlich Teile des heute verfügbaren Lohns sicher und ertragreich anzulegen, so dass eine Generation später, wenn kein Arbeitslohn mehr zur Verfügung steht, eine Einkommensquelle zur Verfügung steht. Es lohnt sich daher ein Blick auf die Asset-Allokation der Norweger zu werfen:

Asset-Allokation des Government Pension Fund Global (3. Quartal 2017)

Auf den ersten Blick scheint diese Asset-Allokation eher spekulativ als sicherheitsorientiert zu sein. Tatsächlich aber gibt es gute Gründe, eine hohe Aktienquote bzw. einen hohen Anteil an Realwertinvestments als „sichere“ Kapitalanlage zu betrachten. Hierzulande verengen wir meist den Aspekt der Sicherheit auf den Nominalwerterhalt. Hierbei blenden wir das Fundamentalrisiko jedes kapitalgedeckten Versorgungssystems, nämlich das Inflationsrisiko, vollkommen aus! Die Fokussierung auf den Nominalwerterhalt hat in Deutschland vor allem zwei Gründe. Zum einen ist nach vielen Jahren der Geldwertstabilität das Inflationsrisiko aus dem kollektiven Gedächtnis der Bürgerinnen und Bürger verschwunden. Zum anderen gibt es bei uns die lange Tradition der Defined Benefit-Vorsorgungszusagen, also Zusagen, bei denen der Arbeitgeber oder ein Lebensversicherer eine nominale (Mindest-)Leistung zusagt. Konsequenterweise haben insbesondere die Lebensversicherer, zusätzlich getrieben durch das Aufsichtsrecht, ihre Kapitalanlagen vor allem auf Nominalwerte ausgerichtet.

Die reine Beitragszusage eröffnet nun die Möglichkeit, die Kapitalanlagen stärker am eigentlichen Ziel der kapitalgedeckten Altersversorgung auszurichten, nämlich den Realwert des Versorgungslohns zu erhalten und eine faire Teilhabe am volkswirtschaftlichen Kapitalstock zu ermöglichen. Gerade dieser Aspekte muss künftig deutlicher kommuniziert werden. Denn so verständlich die Sehnsucht der Menschen nach einer sicheren Altersversorgung ist, so klar ist aber auch die ökonomische Grundwahrheit, dass auch in 30 oder 40 Jahren die Versorgung der Alten erwirtschaftet werden muss, entweder durch die aktive Generation, die via Umlage Teiles ihres Lohns abgeben müssen, oder durch Kapitalerträge, die Entlohnung des Produktionsfaktors Kapital.

Die Asset-Allokation für die Alterssicherung bleibt aber auch ohne eine Nominalwert-Garantie eine große Herausforderung. Eine Aktienquote von über 50% wird auch in Zukunft nur schwer umsetzbar sein, denn Aktienmärkte waren immer schon sehr volatil und werden es auch in Zukunft sein. Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts besitzen nur rund 14% der Bundesbürger Aktien oder Aktienfonds. Das bedeutet, dass die große Mehrheit der Arbeitnehmer wenig Verständnis dafür haben wird, wenn sein Versorgungskapital in einer Aktien-Baisse tatsächlich sinkt. Hinzu kommt eine kognitive Verzerrung: Verluste werden als wesentlich schlimmer empfunden als entsprechende Gewinne. Dem kann nur mit Aufklärung und Transparenz begegnet werden!

Das Betriebsrentenstärkungsgesetz bietet für die reine Beitragszusage die Möglichkeit, eine kollektive Reserve als Risikopuffer einzurichten bzw. aufzubauen. Hierbei handelt es sich um Vermögenswerte, die zwar vollständig im Besitz der Versorgungsberechtigten sind, die aber nicht einem einzelnen Arbeitnehmer zugerechnet werden können. Die kollektive Reserve ermöglicht es, die Wertschwankungen der Kapitalanlagen zu glätten, indem bei überdurchschnittlicher Performance die Reserven gestärkt und bei Verlusten die Reserve genutzt wird, um Leistungskürzungen zu vermeiden oder zumindest abzumildern. Die kollektive Reserve arbeitet nach dem Talsperren-Prinzip: In Phasen mit hohe Niederschlägen wird die Talsperre gefüllt, so dass bei Trockenheit die Wasserversorgung sichergestellt ist. Die folgende Abbildung illustriert die Wirkungsweise des kollektiven Risikopuffers.

Das Talsperren-Prinzip der kollektiven Reserve: Schwankungen der Verzinsung des Portfolios werden durch Zuführungen und Entnahmen aus der Reserve geglättet.

Fazit: Die reine Beitragszusage ermöglicht eine Kapitalanlage, die sich stärker am Fundamentalziel der kapitalgedeckten Altersversorgung orientiert, nämlich dem Werterhalt des Versorgungslohns und der fairen Beteiligung am volkswirtschaftlichen Kapitalstock. Der Verzicht auf nominale Garantien ist für Deutschland ein Kulturschock und erfordert daher eine solide und ehrliche Kommunikation zwischen den Beteiligten. Arbeitgeber und Gewerkschaften sollten auf die kollektive Reserve setzen, denn sie leistet einen Beitrag zur Stabilität der Alterssicherung.

Prof. Dr. Oskar Goecke
Institut für Versicherungswesen
Technische Hochschule Köln
oskar.goecke@th-koeln.de