Betriebsrentenstärkungsgesetz – ein Game Changer?


von Heribert Karch

Das BRSG ist für die betriebliche Altersversorgung eine Evolution, für die Versicherer ein Game Changer.

Bekannte Zusagen und Produkte werden ganz sicher weiterleben. Aber die neue Tarifrente stellt auch die Anbieter vor erhebliche Herausforderungen. Sie können ebenso wie andere Akteure neue Sondervermögen für Zielrenten aufbauen – mit neuen Freiheiten in der Kapitalanlage. Für diejenigen, die es ernsthaft wollen und in der Vergangenheit ihre bAV-Ressourcen nicht bereits empfindlich geschwächt haben, tun sich neue Optionen auf.

Der zu Recht als zukünftiger Schrittmacher in den Startlöchern der Reform stehende Durchführungsweg ist der Pensionsfonds. Nur er lässt sich als externe Ergänzung der Direktzusage bAV realisieren, nur er hat Anlage-Freiheiten auch in anderen Regimes wie etwa der Beitragszusage mit Mindestleistung. Und schließlich hat er auch die besten Perspektiven, ohne Lifecycle-Modelle die Anwartschafts- und Leistungsphase besser verbinden zu können. Erste Effekte zeigt die jüngere unter dem Namen Lex Bosch bekannte Gesetzgebung. Gerade der systemimmanente Zwang zu Lifecycle-Modellen dürfte häufig viel Rendite gekostet haben – zugunsten einer Sicherheit die auch anders erzielbar wäre.

Die Tarifparteien werden sicherlich eine Architektur meiden, die bei einem Deckungsgrad unter 100 Prozent auf direktem Wege zu Rentensenkungen führt. Ihre Möglichkeiten, mit einer Mischung von Puffern und Governance ein glaubwürdiges Rentenversprechen ohne Haftung auch durch schwierige Märkte zu steuern, sind erheblich größer als auf den ersten Blick ersichtlich.

Ein neues Deckungsvermögen wird Sicherungselemente benötigen. Solche können auch durch versicherungstypische Angebote rückgedeckt werden. Es kommt entscheidend auf gute, kosteneffiziente Angebote an, die von mehreren Akteuren genutzt werden könnten. Pooling könnte auch hier der Effizienz einen neuen Schub geben.

Eine weitere Frage ist gestellt: Make or buy. So einheitlich ist diese nicht mehr zu beantworten. Die Wertschöpfungskette der Altersversorgung wird komplexer und zunehmend durch Innovationen angereichert, die für bisherige Geschäftsmodelle zu Recht als disruptiv gelten. Umfassende Digitalisierung kann helfen Effizienz zu erhöhen, der Personalabteilung das Leben leichter und dem Arbeitnehmer lebenswichtige Entscheidungen treffsicherer zu machen.

Die Tarifparteien müssen und wollen nicht alles selbst machen. Aber Ihre neue Steuerungsaufgabe schafft einen neuen Rollenkodex. Wer Risiken trägt, muss sie auch steuern können. Und gerade in einer noch ungewohnten Rentenzusage sind die Reputationsrisiken politisch-institutioneller Akteure erheblich.

Innovative Berater und Vertriebe haben große Chancen. In tarifgebundenen Unternehmen entscheidet die Regelungstiefe kommender Tarifverträge über Art und Umfang externer Beratung. Da auch Opting Out Modelle exklusiv in der Hoheit von Tarifparteien liegen, ist eine von externer Beratung völlig freie BRSG-Umsetzung das am wenigsten wahrscheinliche Modell. Alte Kostenstrukturen können nicht weiter bestehen. Konzepte und Konditionen müssen automatisierte und digitalisierte Prozesse auf höchstem Niveau integrieren.

Die Umsetzung des BRSG soll nach dem Wunsch des Gesetzgebers auch nicht tarifgebundene Unternehmen erreichen. Dies wird nur mittels sehr beratungsnahem und natürlich mit der IDD-Umsetzung kompatiblen Vertrieb möglich sein.

Am 1. Januar geht es los. Die Reanimierung der Riesterförderung in der bAV – seit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz in Agonie – werden die Arbeitgeber aufgrund komplexer werdender Prozesse nicht lieben und auch die Gewerkschaften nur begrenzt, denn sie haben die mit 15 Prozent pauschalierte Weitergabe von SV-Beiträgen erstritten – und die fließt nur wenn der Arbeitgeber sie einspart, also im Bruttoprinzip. Für die Anwärter selbst indessen kann sie sehr attraktiv werden.

Warum sollte die Riesterförderung nicht bereits zum Start des BRSG zum Katalysator eines neuen Modells werden, welches Arbeitgeber haftungsfrei stellt und Arbeitnehmern bereits die Chancen einer neuen Zielrente bietet? Die Riesterförderung selbst wäre ein zusätzlicher impliziter Risikopuffer, mit dem eine negative Wirksamkeit des eingesetzten Geldes vermieden werden kann. Die Tarifparteien könnten ein erstes Angebot unterbreiten ohne bereits Geld reservieren zu müssen.

Kapitalmarktnah über 40 und mehr Jahre angelegt – die bAV kann sich in Zukunft nicht nur meistens sondern immer dem ungeförderten Sparen überlegen zeigen.


Heribert Karch

Geschäftsführer
MetallRente GmbH