Blockchain: Lassen wir die Zukunft von der Kette?


von Karl-Theodor zu Guttenberg

Ein Wort macht Karriere: Blockchain. In Finanzkreisen löste dieser Begriff noch vor gar nicht so langer Zeit bestenfalls Stirnrunzeln, meist sogar verächtliches Gelächter aus.

Wie so oft bei neuen Technologien, die das Potential in sich tragen, über Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte gewachsene Traditionen in Frage zu stellen. Im englischen Sprachraum bezeichnet man dies bekanntlich als „Disruption“. Wie entlarvend, dass es im Deutschen hierfür nicht einmal eine brauchbare Übersetzung gibt!

Das Lachen ist nicht wenigen Romantikern der Finanzbranche im Halse stecken geblieben. Und nicht nur dort, nachdem große Namen in unterschiedlichen Geschäftsfeldern wie Samsung, IBM, Deloitte, Goldman Sachs und UBS begonnen haben, Zeit, Geld und andere Ressourcen dem Thema Blockchain zu widmen. Zuletzt haben sich 22 der global bedeutendsten Finanzinstitute zu einer Partnerschaft zusammengeschlossen, um Standards und Interoperabilität für das Blockchain-System zu schaffen.

Was also ist die Blockchain? Das „neue Internet“ wie manche behaupten? Vorsicht ist geboten. Ein Großteil der Technologie steckt noch in den Kinderschuhen – vergleichbar mit dem Entwicklungsstand des Internets in den 1970er Jahren als das TCP/IP Protokoll erfunden wurde. Zur Erinnerung: Windows 1.0 kam erst 1985 auf den Markt.

Gleichwohl: wir sprechen bei der Blockchain von einer Technologie, die dezentrale Datenbanken weltweit sicher und preiswert verwalten kann. Ohne übergeordnete Kontrollinstanzen. So belanglos dies klingt, so revolutionär ist der Grundgedanke im Bereich der Informationstechnologie.

Geschaffen wird ein digitaler Kontoauszug für Transaktionen zwischen Computern. Jede nur denkbare Veränderung wird Block für Block (daher der Name) wahrgenommen und schließlich dezentral und auf vielen Rechnern verteilt gespeichert. Umfassend und dauerhaft. Die Information ist transparent, kaum manipulierbar, aber verifiziert. Letzteres ist der entscheidende Punkt, der die Schweißtropfen auf die Häupter nicht nur von Internetprofiteuren zaubert. Weshalb?

Sobald nämlich eine digitale Information verifizierbar ist, bedarf es schließlich keiner zentralen Einrichtung mehr, die diese meist gut bezahlt verwaltet.

Das ist der Grund, weshalb die Blockchain-Begeisterung bei klassischen und modernen „Mittlern“ eher begrenzt ist. Warum braucht es eine Korrespondenzbank oder PayPal, um für die Seriosität einer Transaktion einzustehen, wenn die Echtheit einer Information auch ohne diese erkannt und sichergestellt werden kann? Schneller und billiger. Einige Firmen, wie das kalifornische Unternehmen Ripple gehen einen klugen Mittelweg, indem sie zum einen das jahrhundertealte Korrespondenzbankensystem ablösen wollen, die betroffenen Banken jedoch über offene neutrale Protokolle in die Lösungsfindung integrieren und miteinander verknüpfen.

Der potentielle Anwendungsbereich der Blockchain ist jedoch noch viel breiter. Dem Vorstellungsvermögen sind keine Grenzen gesetzt. Vom Vertragswesen zu Testamenten, über Grundstücks- oder Patentverzeichnisse zu Ampelsystemen, Personalakten und Betriebsabläufen im „Internet of Things“. Auch FIFASkandale könnten plötzlich Geschichte sein.

Daten und Informationen wären nicht – wie im Internet oder im zwischenmenschlichen Austausch – manipulierbar, sondern feststehend. Sie können in der Blockchain etwa die Basis für sogenannte „smart contracts“ sein. Hierunter versteht man Verträge, die sich selbst durchführen oder vollziehen. „Zukunftsmusik“, mögen einige einwenden. Diese wird aber bereits fieberhaft und mit erklecklichen Finanzspritzen komponiert. Für manche ein  unvorstellbarer Gedanke, ein Alptraum für Treuhänder und Anwälte.

Ein Beispiel: Angenommen, Sie kaufen sich in einigen Jahren zur Bewältigung Ihrer Midlife Crisis von einem aalglatten Autohändler einen sündhaft teuren Sportwagen und bezahlen in Raten. Ihre Scheidung wird indes teuer und Sie können die dritte Rate nicht mehr bedienen. Sie wollen aber trotzdem im Sommer durch Italien cruisen, vielleicht sogar dort bleiben. Bis Ihr Händler oder sein Anwalt bemerken, dass Sie bereits über alle Berge sind, würde im heutigen Jahre 2015 einige Zeit vergehen. Mit der Blockchain-Technologie könnte Ihnen aber Folgendes passieren: als Sie aufbrechen wollen, bleibt Ihr Sportwagen verschlossen. Hier hält Sie nicht nur ein klassischer Vertrag (den Sie durchaus umgehen können) oder eine dritte Partei, sondern ein digitaler Smart Contract vom Bruch des Vertrages ab. Dieser vollzieht autark und digital die einzelnen Vertragsbestandteile: Auslösen der Ratenzahlung von Ihrem Konto, aber eben auch digitales Verschließen des Sportwagens im Falle der Zahlungsunfähigkeit.

Investoren und Programmierer im Silicon Valley, in New York und London erzählen diese und ähnliche Geschichten mit leuchtenden Augen.

Braucht es etwa künftig noch teure Patentanmeldungen, wenn eine Firma mit der Blockchain den Nachweis führen kann, eine Technologie bereits vor einem anderen Unternehmen erfunden zu haben? Müssen wir weiterhin zentralen Cloud-Speicheranbietern alles Vertrauen dieser Erde schenken oder lässt sich mit der Blockchain auch hier ein dezentrales sichereres System mit geringeren Abhängigkeiten schaffen?

Bereits diese Fragen verdeutlichen, wie leicht sich auf dem Weg zu einer weiteren digitalen Erfolgsgeschichte veritable Gegner herausbilden werden. Darunter auch mächtige Internetkolosse. Denken wir nämlich die beschriebenen Möglichkeiten zu Ende, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Ruf ertönt: Weshalb müssen eigentlich Facebook, Instagram und Amazon meine Identität und die meiner Freunde oder Geschäftspartner zentral verwalten?

Die Blockchain könnte eine Technologie sein, die von der Politik ausnahmsweise nicht verschlafen wird. Bereits heute wird ihr Potential für fälschungssichere Wahlen diskutiert. Das passt aber auch nicht jedem.

Wie so oft in der Welt digitaler Traumtänzer werden die Risiken einer jungen Technologie gerne naserümpfend unterschlagen. Eine der Gefahren ist das Schicksal von Bitcoin, der umstrittenen Kryptowährung, die von vielen in einem Atemzug mit der Blockchain genannt wird. Zu Recht, da die Blockchain ursprünglich als Architektur oder besser zugrunde liegende Datenbank für Bitcoin entwickelt wurde. Die Reputation von Bitcoin hat in den letzten beiden Jahren arg gelitten. Die entdeckten Schwächen werden jedoch von vielen Entwicklern, die das weitere Potential der Blockchain sehen, bereits aufgearbeitet.

Und gewiss: Zahlreiche Rechts- und Datenschutzfragen dieser Technologie sind noch nicht hinreichend beantwortet. Dies allerdings ist ein Einwand, der noch die wenigsten großen Ideen aufgehalten hat. Vorausgesetzt die Vorteile überwiegen und der Prozess wird nicht lediglich von anarchischen Spinnern gesteuert.

„ Sobald eine digitale Information verifi zierbar ist, bedarf es keiner zentralen Einrichtung mehr, die diese meist gut bezahlt verwaltet.“

Karl-Theodor zu GuttenbergKarl-Theodor zu Guttenberg
Chairman der Beratungs- und Investmentgesellschaft Spitzberg Partners LLC in New York