Transformation: Das Neue entsteht im Denken


Transformation: Das Neue entsteht im Denken

von Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber

Wir müssen uns endlich die Wahrheit sagen: Gelingt die gesellschaftliche Transformation?

Wir leben jetzt im Anthropozän

Erstmals in der Weltgeschichte ist es der Mensch, der die geologischen und biologischen Bedingungen der Erde verändert. Von der globalen Erhitzung, der Übernutzung von Landflächen, dem Verlust an Biodiversität, bis hin zur Entsorgung von Nuklearbrennstoffen und Plastikmüll ist er es, der für sich und die Erde neue Umwelt und Lebensbedingungen schafft.
Paul Crutzen hat dies das Zeitalter des Anthropozän, das Menschenzeitalter, genannt. Damit ändert sich (fast) alles: Die Art, wie wir unsere Kinder erziehen; wie wir unsere Zukunft finanzieren; wie wir mit Menschen anderer Religionen umgehen; wie wir mit dem Dilemma von endlichen Ressourcen und unendlichem Wachstum umgehen; wie wir mit den Informationstechnologien unser Leben meistern und schließlich ändert sich auch die Art und Weise, wie wir mit unserem Geist, unserem Denken, Fühlen und Handeln umgehen. Warum?

Weil wir im Anthropozän mit zwei Phänomenen konfrontiert sind: Grenzen und Vernetzungen. Zum einen haben uns die Umweltwissenschaften gezeigt, dass es mindestens 9 planetarische Grenzen gibt. Dieses Konzept über die ökologischen Grenzen der Erde wurde von der internationalen Klimapolitik als Ziel übernommen. Fast die Hälfte dieser Grenzen haben wir bereits empirisch überschritten. Hinzu kommen innere Grenzen. Gemeint sind damit die Beschränkungen unseres Denkens und unserer Entscheidungsvorgänge unter Ungewissheit: Risikoaversionen, Mentales Framing, kurzfristige Entscheidungen, sowie die Vermischung von Korrelationen und Kausalitäten – Beispiele die beschreiben sollen, dass der Mensch nur einen sehr eingeschränkten Wahrnehmungsapparat hat, innerhalb dessen wir tagtäglich Entscheidungen treffen. Häufig sind sie nämlich falsch und sie können verheerende Auswirkungen haben. Wir sind also, zumindest auf den ersten Blick, für ein Leben in diesem neuen Zeitalter schlecht ausgestattet.

Neben den Grenzen gibt es noch eine zweite Entwicklung, die unsere Zeitepoche charakterisiert, die umfassende Vernetzung. Es entstehen Abhängigkeiten und Wechselwirkungen, es gibt jetzt keinen Exit, kein Free Lunch und kein Rettungsboot mehr. Alles hängt mit allem zusammen und das hat Auswirkungen.

„ Wir leben eigentlich nicht über unsere Verhältnisse, sondern auf Kosten der Verhältnisse Anderer.“

– Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber

The ‚Big Loop‘

Jeder kennt das Seerosenteich-Experiment. Es geht so: Eine Seerose befindet sich in einem Teich und ihre Anzahl verdoppelt sich jeden Tag. Am vorletzten Tag ist der Teich halbvoll. Was passiert morgen? Der Teich ist dann vollständig mit Seerosen bedeckt, er kippt um und stirbt. Das ist eine exponentielle Entwicklung. Wir haben aber bekanntlich kein Sinnesorgan für exponentielle Entwicklungen. Wir reagieren entweder gar nicht, zu spät oder falsch. Die Entwicklungen im Zeitalter des Menschen zeigen, dass nahezu alle menschlichen Aktivitäten, spätestens seit 1950, eine exponentielle Entwicklung genommen haben. So etwa der Wasserverbrauch, die Landversiegelung, CO2- und Methaneinträge in die Atmosphäre, Nitrat- und Schwermetallbelastung, Plastikmüll, asymmetrische Wohlstandsentwicklung, prekäre Arbeitsverhältnisse und vieles mehr – alles exponentielle Entwicklungen. Wenn man sich diese Dynamiken ansieht entsteht der Eindruck, dass es so nicht weitergehen kann, dass die Kurven abbrechen, verschwinden oder sich zumindest immer weiter von uns entfernen müssen.

Im realen Leben ist das Gegenteil der Fall. Es entsteht eine große Rückkopplungsschleife, eine ‚BIG LOOP‘. All die Effekte schlagen nämlich auf uns zurück. Wir wissen nur nicht wann, wo und wen es konkret treffen wird, und das löst nicht nur Unbehagen und Unsicherheiten, sondern auch Ängste und Ärger aus. Unfaire Verteilungsmuster, Überschuldung, Kosten der Erderhitzung, absolute Armut, fehlende Gesundheits- und Bildungschancen, forcierte Migrationsströme, asymmetrische Kriege und Radikalisierungen gehören sicherlich alle mit in diese große Rückkopplung hinein.

Wir haben im Westen kein wirkliches überzeugendes Narrativ mehr dafür. Das Wohlstandsmodell der Nachkriegszeit westlicher Lesart mit stetem quantitativem Wachstum und nachgeordneter Umverteilung, Reihenmittelhaus, sozialer Absicherung und einer lebenslangen stabilen Erwerbsbiographie, einer hohen individualisierten Mobilität in Verbindung mit dreimal Fleisch pro Woche, unzähligen haushaltsnahen Geräten, Kleidungsstücken und regelmäßigem Mallorca-Urlaub − alles in Verbindung mit einem hohen Verbrauch an Wasser und fossiler Energie − ist in dieser Form im 21. Jahrhundert so nicht mehr globalisierbar. Das wissen wir eigentlich alle. Wir wissen noch viel mehr. Wir wissen etwa, dass unser Wohlstandsmodell eigentlich nur funktioniert, weil es bei anderen gleichzeitig nicht funktionieren darf. Wir leben eigentlich nicht über unsere Verhältnisse, sondern auf Kosten der Verhältnisse Anderer. Ökonomen nennen das negative Externalitäten. Zwei Beispiele: Die BRD muss 5 Mill Hektar an Agrar- und Weideland im Jahr irgendwo auf der Welt aufkaufen, um ihre Bevölkerung zu ernähren, vor allem für Soja und Baumwolle. Neben den 100 Liter an Frischwasser, welche jeder Bundesbürger tagtäglich verbraucht, benötigt er noch zusätzliche 5300 Liter ‚virtuellen Wassers’, welches in all den Produkten steckt, die wir tagtäglich konsumieren. 70 Prozent davon müssen wir irgendwo auf der Welt einkaufen, immer auf Kosten von Menschen, auf Kosten der Natur oder auf Kosten der Zukunft. Das sind alles Bausteine der großen Rückkopplung, die wir in der Regel ausblenden, die aber irgendwo, anonym oder direkt, aber immer negativ auf uns zurückfällt.

Wie wir es bisher gemacht haben

Im Hinblick auf Korrekturen wird immer wieder auf vier Lösungsvorschläge zurückgegriffen. Erstens auf eine aktive Bevölkerungspolitik: Dabei stehen Bildungsprogramme sowie eine gelenkte Immigration im Mittelpunkt. Zweitens auf die Stimulierung zusätzlichen Wachstums: Je nach politischer Überzeugung werden dann über Stimulus oder über Austerität Wachstumsimpulse gesetzt, welche dann der Bevölkerung zugutekommen sollen. Der Grundgedanke ist stets: erst wachsen, dann umverteilen. Drittens auf den Einsatz von erneuerbaren und alternativen Technologien: Diese Strategie ist von der Überzeugung getragen, dass ein ‚Green New Deal‘, das heißt die Investition in ressourcensparende Technologien, mehr Arbeitsplätze schafft, die Umwelt durch Effizienzsteigerungen entlastet und so eine nachhaltige Zukunft ermöglicht. Und Viertens verweisen wir auf Institutionen, oder die Governance-Struktur eines Landes, welche unser globales Zusammenleben hinreichend einhegen, ordnen und verlässlich organisieren sollen. Nahezu alle Erzählungen, die von einem nachhaltigen Zusammenleben im Anthropozän berichten, folgen diesem vierteiligen Narrativ von Demographie – Wachstum – Technik – Governance. Keine der vier Strategien ist freilich falsch und alle sind wichtig. Damit wird aber von Anfang an der Argumentationspfad festgelegt, innerhalb dessen Lösungsvorschläge überhaupt sichtbar werden. Das Standardargument lautet folglich: Indem wir weiter expansiv ökonomisch wachsen und den Zuwachs intelligent verteilen, eine gesteuerte Bevölkerungspolitik verfolgen, den Einsatz von erneuerbaren Technologien unterstützen und stabile demokratische und faire Regeln schaffen, werden wir das 2-Grad Ziel erreichen, unseren Wohlstand fair verteilen bzw. in einen nachhaltigen Entwicklungspfad einmünden.

Warum es so nicht gehen kann

Für alle vier Bereiche gelten jedoch von Anfang an eine Reihe von empirischen Einschränkungen: Eine aktive Bevölkerungspolitik muss sich mit dem Argument auseinandersetzen, dass innerhalb der nächsten 15 Jahre die globale Mittelschicht von heute 1,8 Mrd. auf 4,9 Mrd., also grob um den Faktor 3(!) ansteigen wird. 2/3 dieser Menschen werden in Asien leben. Mittelschicht bedeutet für globale Ressourcenströme einen Zuwachs an Mobilität, Fleischkonsum sowie haushaltsnaher Geräte. Von den dafür notwendigen 45 Megacities, sind 30 noch gar nicht gebaut. Das Wachstumsargument sieht sich der Kritik ausgesetzt, dass wir in einer Welt mit endlichen Ressourcen und einem durchschnittlichen 3-prozentigen globalen Wirtschaftswachstum weiterhin exponentiell wachsen wollen. Drittens ist das Technologie-Argument der wachsenden empirischen Einsicht ausgesetzt, dass jede von Menschenhand entdeckte und umgesetzte Technologie zahlreichen Rebound-Effekten ausgesetzt ist, welche die Effizienzgewinne, die durch ihre Innovationskraft zum Markteintritt beigetragen haben, – teilweise – wieder neutralisiert. Mittlerweile sind über ein Dutzend solcher Reboundeffekte beschrieben worden.

Hinzu kommt, dass der Anteil an erneuerbaren Energien in der Primärenergiebilanz bei derzeit 1,3 Prozent liegt. Letztlich gibt es zudem Begrenzungen der Governancestruktur eines Landes. Es existieren keine verlässlichen empirischen Hinweise, dass Demokratie, Rechtsstaat und regulierter Markt der westlichen Welt, welche als Blaupause und Modell für den Rest der Welt herhalten sollen, global konsensfähig sind. Kommunitäre (China), paternale (Russland), Stammes-Autokratien (Golfstaaten) sowie die südamerikanischen Lesarten von Demokratien, in welchen Stabilität wichtiger ist als Partizipation, sind alles Regierungsformen, in denen die Zustimmung (zu den nicht westlichen Regierungsformen!) in der Bevölkerung höher ist, als in den meisten westlichen Demokratien. Die Welt wird zur ‚no one‘s World‘. Der ganze Vorgang wird noch dadurch verkompliziert, dass wir einen zeitnahen globalen Konsens benötigen, um all die Ziele zu erreichen, die wir uns vorgenommen haben. Denn wie soll das gehen? Wir wachsen 3 Prozent pro Jahr, erhöhen die globale Mittelschicht um das Dreifache, implementieren erneuerbare Energien, die nur einen Bruchteil der Primärenergie ausmachen, sind selbst multiplen Reboundeffekten ausgesetzt und hoffen, dass unsere globalen Institutionen hinreichend Transferzahlungen generieren, um soziale und ökologische Projekte zu finanzieren. Nur zur Erinnerung: Wir müssten den CO2-Ausstoß bis 2050 um mindestens 50 Prozent reduzieren und benötigen für die Finanzierung der 17 Nachhaltigkeitsziele 4-5 Bill USD (!) pro Jahr und die Wohlstandsschere läuft ungebremst weiter auseinander. Wer ein auch nur etwas klar denkendes Gemüt besitzt, den wird dies beunruhigen. Das ist aber leider noch nicht alles.

Der ganze Transformationsprozess wir durch die chronische Instabilität des Finanzsystems noch komplizierter. Seit 1950 gab es 186 Schulden-, 96 Staatsbankenkrisen und 180 Austritte aus Währungsunionen. In den vergangenen 40 Jahren lassen sich zudem über 425 Banken- und Währungskrisen aufaddieren. Das macht global gesehen mehr als zehn Ereignisse im Jahr. Würde der Leser in ein Flugzeug steigen, bei welchem 10 Notlandungen im Jahr statistisch auftreten?

Solche Krisen sind zudem teuer: Im Mittel geben wir als Steuerzahler mindestens 5-7 Prozent des BSP über 2-3 Jahre aus, um die Schäden wieder zu beheben. Alles Gelder, die uns für Nachhaltigkeitsthemen fehlen. Eine Transformation ohne Diskurs um eine Reform des Geld- und Finanzsystem wird nicht zielführend sein und vergibt sich die Möglichkeit, die entscheidenden Hebel zur Veränderung zu setzen.

Ein anderes Narrativ

Negative Externalitäten haben eben kein Preisschild und auch keinen Markt. Man kann sie nur indirekt über die Kosten der Big Loop erfassen. Und dann entstehen neue Rationalitätsstandards: Mehr kollektive, präventive, risiko-aversive und solidarische Lösungen als individuelle und kompetitive. In einer Welt, in der alles vernetzt ist und es absolute Grenzen gibt, weiß keiner wann es ihn trifft.

Wenn es uns gelänge, uns wirklich die Wahrheit zu sagen und diese auch öffentlich zu vertreten, parteipolitisch und parlamentarisch zu kanalisieren und dann in Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Politik danach zu handeln, dann wäre das die Voraussetzung für ein anderes Narrativ sowohl im Großen als auch im Kleinen, für jeden wo er gerade steht. Eine Geschichte nämlich, bei welcher wir uns gegenseitig in die Augen sehen können und die dann einen anderen Inhalt hat: Sie erzählt von Weniger ist Mehr, vom Verzicht und Demut, vom Umgang mit Größenphantasien und fehlender Kontrolle, von Machbarkeiten und eigenen Fehlern, von mehr Regionalisierung, wahrscheinlich auch von alternativen Geldschöpfungen, Grundeinkommen und einer von Anfang an faireren Verteilung.

Über den Autor:

Prof. Dr. Stefan Brunnhuber Mitglied der Weltakademie der Wissenschaften, Senator Europäische Akademie der Wissenschaften

„ Mittelschicht bedeutet für globale Ressourcenströme einen Zuwachs an Mobilität, Fleischkonsum sowie haushaltsnaher Geräte. Von den dafür notwendigen 45 Megacities, sind 30 noch gar nicht gebaut.“

– Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber

Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber ist Wirtschaftssoziologe Chefarzt, Psychiater, Senator der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied der Weltakademie der Wissenschaften, sowie Autor des Buches „Die Kunst der Transformation“ (2016, Herder).
Den Beitrag von Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber finden Sie auch in der Mai-Ausgabe des Handelsblatt Journals „Die Zukunft der Automobilindustrie“, das Sie HIER gratis herunterladen können.

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