Autonomes Fahren: Transportrevolution in der City


Autonomes Fahren: Transportrevolution in der City

Autonomes Fahren eröffnet den Weg für neue urbane Mobilitätssysteme [*]

von Dr. Nikolaus S. Lang

Zielstrebig und sicher fährt der elektrische Renault Zoe, ausgestattet mit Velodyne LIDARs, diversen Kameras und Radaren, durch den Bostoner Seaport District. Er weicht Fußgängern aus, umkurvt Parker in der zweiten Reihe und fädelt sich souverän in den fließenden Verkehr ein. Ein Computer steuert den Wagen autonom, der Fahrer beaufsichtigt die Testfahrt lediglich und greift nur im Notfall ein. Die Versuchsfahrten werden vom MIT-Spin-off nuTonomy durchgeführt und sind Teil der Initiative zum autonomen Fahren der Stadt Boston, an der das World Economic Forum (WEF) und die Boston Consulting Group (BCG) führend beteiligt sind.

Zu den erklärten Zielen der Bostoner Verkehrsplaner zählt unter anderem, Zugang, Sicherheit und Zuverlässigkeit des Mobilitätssystems signifikant für alle Bürger zu optimieren. Mit gutem Grund: Aktuell leidet die Stadt unter hoher Verkehrsdichte – die alternde Infrastruktur bewältigt den Pendlerverkehr immer weniger, gleichzeitig fehlen für große Teile der Bevölkerung erschwingliche und verfügbare Transportmöglichkeiten. Der Bostoner Praxistest zeigt beispielhaft, mit welcher Dynamik die Digitale Transformation auch den Mobilitätssektor und Städteverantwortliche erfasst hat – weltweit suchen Entscheider in Politik und Verwaltung aktiv nach neuen Lösungen, um die urbanen Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Ein essenzieller Baustein zur Lösung dieser Herausforderungen sind moderne Mobilitätskonzepte, die vollautonom fahrende, elektrisch betriebene Fahrzeuge über innovative Sharing- Modelle bereitstellen. Hierbei ist eine Vielzahl autonomer Fahrzeugtypen und -größen denkbar: selbstfahrende Robo-Taxis – entweder zur Exklusivnutzung oder aber im Ride-Sharing-Betrieb – ebenso wie mittelgroße On-Demand-Shuttlebusse.

Städte erwarten Umbruch

Die Städte sind dem Thema Autonomes Fahren gegenüber aufgeschlossen – und vielfach bereits in die konkrete Testphase eingestiegen: neben Boston unter anderem auch Singapur, Göteborg oder Pittsburgh. Unsere Interviewserie mit über 100 Städteverantwortlichen zeigt, dass drei Viertel aller kommunalen Entscheider neue Mobilitätssysteme inklusive autonomer Transportmöglichkeiten schon innerhalb der nächsten zehn Jahre erwarten – eine Sicht, welche die Privatindustrie oftmals überrascht.

Entsprechend zügig gehen die Kommunen das Thema an: Bei der gemeinsamen Initiative Bostons, des WEF und der BCG beispielsweise startete nuTonomy bereits vier Monate nach der offiziellen Bekanntmachung die ersten Tests im Seaport District der Großstadt. Wichtig bei solchen Projekten mit hoher Dynamik ist es, durch einen „agile learning“-Ansatz rasch erste Erfahrungen in eng definierten Umgebungen zu gewinnen. Entsprechend waren die Tests in Boston zu Beginn hinsichtlich Fahrgebiet, Geschwindigkeit, Tageszeit und Wetterbedingungen stark eingegrenzt. Erst mit Erreichen konkreter Meilensteine folgt nun die schrittweise Ausweitung der autonomen Probefahrten.

Doch wie wirkt sich ein neues Mobilitätskonzept in einem extrem dicht besiedelten Teil der Stadt Boston auf den Verkehrsfluss aus? Antworten liefert eine komplexe Verkehrssimulation, die im Rahmen des Projekts entwickelt wurde. Die Modellrechnung basiert auf reellen Verkehrs- und Straßendaten aus Boston sowie auf genauen Angaben zu 180.000 Fahrten, die täglich innerhalb unserer Testzone starten und enden.

Menschliches Versagen fällt weg

Die Ergebnisse sprechen eine eindeutige Sprache: Eine Verschiebung des Transportmixes hin zu autonomen Fahrzeugen, Sharing-Modellen und elektrischem Antrieb kann im Extremfall die Anzahl der Autos im untersuchten Gebiet um bis zu 28 Prozent senken und die Fahrzeiten um 30 Prozent reduzieren. Darüber hinaus können sich Unfälle und Verkehrstote drastisch verringern – einfach, weil menschliches Versagen am Steuer als Unfallursache wegfällt.

Weniger Verkehr bedeutet zudem einen Rückgang an CO2-Emissionen (um bis zu 66 Prozent in unserem Extremszenario) und mehr Platz in der Innenstadt, da weniger Privatfahrzeuge auch weniger Parkplätze benötigen (48 Prozent weniger in unserer Simulation). Insgesamt haben mehr Menschen einen besseren Zugang zur Mobilität; Einwohner von Randgebieten, die nun flexibel und effizient an öffentliche Verkehrsmittel angebunden werden können, oder auch ältere Mitbürger und Menschen mit Behinderungen.

Diese und weitere individuelle Vorteile machen das Thema Autonome Mobilität auch und insbesondere für die Konsumenten und Stadtbewohner attraktiv. In einer BCG-Umfrage unter mehr als 5.500 Bürgern aus 30 internationalen Metropolen erklärten sich knapp 60 Prozent der Befragten bereit, in einem vollautonomen Fahrzeug zu fahren. Im Ländervergleich sind die Deutschen mit 44 Prozent übrigens eher zurückhaltend. Den größten Nutzen aus dem autonomen Fahren versprechen sich die Konsumenten dadurch, keinen Parkplatz mehr suchen zu müssen.

Die Automobilindustrie muss ihre Rolle neu definieren

Bei Kommunen wie auch bei den Bürgern findet das Konzept autonomer City-Mobilität immer mehr Zuspruch. Die Automobilindustrie sollte diese neuen Rahmenbedingungen als Chance verstehen und proaktiv handeln – bevor andere Player wie etwa Uber oder Lyft, die bereits aktiv sind, den Markt besetzen.

Klassische Autokonzerne müssen ihre Rolle neu definieren, weg vom reinen Hersteller, hin zum integrierten Mobilitätsdienstleister; ein Weg, den viele der großen Konzerne bereits angetreten haben, der allerdings noch viel stringenter vorangetrieben werden sollte. Diese grundlegende Transformation beinhaltet nicht nur die Entwicklung ganz neuer Produktlinien mit neuen Fahrzeuggrößen, elektrischen Antrieben und robusten, für Sharing-Modelle geeigneten Inneneinrichtungen, sondern auch die Entwicklung neuer Serviceangebote und On-Demand-Konzepte, wie zum Beispiel der von Daimler kürzlich eingeführte Peerto- Peer Carsharing-Dienst Croove. Auch die Zielgruppe für das Core-Business des Autokaufs wird sich grundlegend wandeln: Immer weniger Privatpersonen in den Metropolen werden die Notwendigkeit eines eigenen Fahrzeugs sehen. Dagegen erlangen die Betreiber der Sharing-Flotten und auch die Kommunen selber wachsende Bedeutung als Käuferzielgruppe.

Gelingt es der Industrie, der steigenden Akzeptanz von Bürgern und Kommunen für das Thema Autonomes Fahren mit integrierten Angeboten zu begegnen, kann sie das Potenzial der Mobilität der Zukunft ausschöpfen und eine führende Rolle in ihrer Gestaltung übernehmen.

Über den Autor:

Dr. Nikolaus S. Lang

„Drei Viertel aller kommunalen Entscheider erwarten neue Mobilitätssysteme inklusive autonomer Transportmöglichkeiten schon innerhalb der nächsten zehn Jahre – eine Sicht, welche die Privatindustrie oftmals überrascht.“

– Dr. Nikolaus S. Lang, Senior Partner und Managing Director, The Boston Consulting Group

[*Featured Article]
Den Beitrag von Dr. Nikolaus S. Lang finden Sie auch in der Mai-Ausgabe des Handelsblatt Journals „Die Zukunft der Automobilindustrie“, das Sie HIER gratis herunterladen können.

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