Artificial Intelligence – Fünf vor Zwölf im Backoffice


Gregor Nisio

Erfahren Sie im Interview mit Gregor Nisio, Managing Principal Digital & Innovation, The Capital Markets Company, warum die Finanzindustrie einen enormen Bedarf an Automatisierung und Anwendung zur Datenanalyse hat und wie mittels AI neue Geschäftsmodelle entstehen.

1. Kürzlich hat Elon Musk die Möglichkeit der Erschaffung eines unsterblichen Diktators durch künstliche Intelligenz prophezeit und Stephen Hawking warnte vor künstlicher Intelligenz als eine der potenziell größten Gefahren für die Menschheit neben Atomkriegen und Klimawandel. Wie nahe sind wir dem Weltuntergang?

G. Nisio: Sobald Sie dieses Interview mit Siri führen können – sehr nahe (lacht). Spaß beiseite, die von Ihnen erwähnten Persönlichkeiten sind ernstzunehmende Vordenker. Sie beziehen sich auf Theorien zu den Möglichkeiten von „Artificial Superintelligence (ASI)“, der höchsten Evolutionsstufe künstlicher Intelligenz, die bereits die Kapazitäten menschlicher Intelligenz überholt hat. Davor stehen noch die mittlere Stufe „Artificial General Intelligence (AGI)“, die sich auf einem ähnlichen Niveau wie ein Mensch bewegt, sowie die unterste Stufe „Artificial Narrow Intelligence (ANI)“, die auf ein Anwendungsgebiet spezialisiert ist. Unsere heutigen technischen Möglichkeiten bewegen sich ausschließlich auf dem untersten Niveau „ANI“ und das ist aus Anwendersicht derzeit die relevante Stufe. Hört man heute den Begriff Künstliche Intelligenz, ist dieses Level gemeint. Dabei sprechen wir von Möglichkeiten zur Prozessautomatisierung oder der Verarbeitung von großen Datenmengen, wodurch wir bereits signifikante Umsatzsteigerungen und Kostenreduzierungen bei unseren Kunden bewirken können. Horrorszenarien sind also nicht zu befürchten. Die Gefahren beschränken sich auf temporäre Arbeitsplatzverluste, wobei aus meiner Erfahrung gleichzeitig die Zunahme neuer spannender Tätigkeitsfelder zu beobachten ist.

2. Wovon reden wir überhaupt, wenn wir von künstlicher Intelligenz sprechen?

G. Nisio: Da viele Assoziationen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz aus Filmen stammen, der Begriff ein breites Themengebiet von Taschenrechner bis selbstfahrende Autos umfasst und wir oft nicht realisieren, wie präsent KI bereits in unserem Alltag ist, herrscht ein gewisses Maß an Verwirrung in Bezug auf den Begriff. Zunächst einmal sollte man sich von dem Bild eines Roboters lösen. Künstliche Intelligenz ist im übertragenen Sinne das Gehirn des Roboters. In den meisten Fällen hat sie gar keinen Körper. Wir finden sie heutzutage beispielsweise in den Sicherheitssystemen von Autos, in den Apps unserer Smartphones oder in der Google Suche. Der Lernprozess, den eine künstliche Intelligenz durchläuft, wird als Machine Learning bezeichnet und ist die Voraussetzung dafür, dass Anwendungen zur Prozessautomatisierung (Robotics) und Datenanalyse von sehr großen Datensätzen (Big Data) nicht nur funktionieren, sondern stetig besser werden.

3. Warum brauchen wir künstliche Intelligenz?

G. Nisio: Technisch formuliert? Menschliche Gehirne haben nur eine begrenzte Rechenleistung, die in unserer, gerne als Informationszeitalter bezeichneten Zeit, an ihre Datenverarbeitungsgrenzen stoßen. Künstliche Intelligenz auf dem heutigen technischen Stand hilft uns, bei redundanten Aufgaben und komplexen Analysen, die Effizienz zu verbessern oder sie erst möglich zu machen. Dadurch können wir uns auf Aufgaben konzentrieren, die wir besser bewältigen als Computer. Zum Beispiel sind Aufgaben die Kreativität erfordern, bisher eine große Herausforderung für künstliche Intelligenz. Darauf können sich Mitarbeiter in Zukunft stärker konzentrieren und arbeitsteilig mit künstlicher Intelligenz zusammenarbeiten.

4. Was kann AI heute, was in 10 Jahren?

G. Nisio: Viele Menschen interpolieren Fortschritt linear, das bedeutet, sie blicken zum Beispiel auf ihre bisherigen 30, 40 Lebensjahre und erwarten, dass die Geschwindigkeit neuer Entwicklungen in den folgenden Dekaden in ähnlichem Tempo erfolgt. Fortschritt passiert im Zeitverlauf aber nicht linear, sondern exponentiell. Heute konzentriert sich die Forschung im Bereich künstlicher Intelligenz auf Möglichkeiten zur Bild- und Spracherkennung. Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass künstliche Intelligenz bereits 2040 den Menschen überlegen sein könnte.

5. Wer sind die Vorreiter, welche Unternehmen treiben die Entwicklung voran? Wo werden wir zunächst die größten Veränderungen sehen?

G. Nisio: Hier sind vor allem die bekannten Silicon Valley Größen Google, Facebook und Amazon zu nennen. Chinesische Konzerne wie das Google-Pendant Baidu oder Tencent nehmen ebenfalls eine Vorreiterrolle ein. An zweiter Stelle steht die Automobilindustrie, für die künstliche Intelligenz eine Voraussetzung zur Realisierung des autonomen Fahrens darstellt. An dritter Stelle folgt bereits die Finanzindustrie, die enormen Bedarf an Automatisierung und Anwendungen zur Datenanalyse hat, sowie enormes Potential für neue Geschäftsmodelle bietet.

6. Stecken hinter der Entwicklung in diesen Vorreiterbranchen nicht dieselben Silicon Valley  Unternehmen? Managen in Zukunft nicht Google, Facebook und Amazon unsere Finanzen?

G. Nisio: Diese Möglichkeit besteht durchaus. Künstliche Intelligenz hat das Potential, Veränderungen wie die industrielle Revolution oder die Erfindung des Internets zu bewirken. Wenn Finanzdienstleister nicht aufpassen, werden sie bestenfalls in eine Abhängigkeit von Technologieanbietern geraten. Schlimmstenfalls werden ihre Geschäftsmodelle gänzlich obsolet.

7. Wie soll eine Bank mit gewachsenen Systemlandschaften und starren Prozessen gegen agile Silicon Valley Giganten bestehen?

G. Nisio: Banken sollten im Kleinen beginnen und gezielt Effizienzhebel bewegen. In Analogie zur Ausgangsfrage haben wir bereits fünf vor zwölf im Backoffice. Für die Automatisierung von Prozessen und die Organisation des Datenschatzes, den jede Bank besitzt, gibt es Lösungen, die wir bei einigen Kunden bereits erfolgreich implementiert haben. In einem zweiten Schritt sollten Banken anfangen, ihre Operating Models agil zu gestalten, um neue Anforderungen schneller implementieren zu können. Dies erfordert einen Wandel in den Köpfen der Mitarbeiter und braucht Zeit. Deswegen raten wir unseren Kunden, diesen Prozess sofort anzustoßen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten.

8. In welchen Bereichen einer Bank kommt KI heute schon zum Einsatz?

G. Nisio: Künstliche Intelligenz wird bereits erfolgreich im Compliance-Bereich eingesetzt, um beispielsweise verdächtige Transaktionen schneller und zuverlässiger zu erkennen. Es gibt aber noch viele andere Bereiche im Backoffice, in denen KI sinnvoll eingesetzt werden kann. Außerdem kommen langsam Entwicklungen an der Kundenschnittstelle auf. Ich denke hier zum Beispiel an Chatbots und intelligente Beratung im Wertpapiergeschäft.

9. Was ändert sich für den Kunden?

G. Nisio: Künstliche Intelligenz verbessert den Service für den Kunden und hilft, ihn passgenauer zu machen. Neue Anwendungen wie Robo-Advisory können helfen, die Chancen auf dem Wertpapiermarkt für Kunden zu verbessern. Vielleicht wird künstliche Intelligenz den Zugang zum Wertpapiermarkt für Kunden in Deutschland erleichtern bzw. einen Baustein darstellen, der hilft, die Skepsis deutscher Sparer vor den Wertpapiermärkten abzubauen?

10. Was wird uns in Zukunft noch erwarten?

G. Nisio: Wir müssen uns darauf einstellen, dass neue Entwicklungen immer schneller voranschreiten. Dies birgt Gefahren – auch für Banken, die ihre Geschäftsmodelle nicht rechtzeitig überdenken. Jedoch bieten sich auch enorme Chancen für die Finanzdienstleister, die agil genug sind, um neuen Wettbewerbern auf Augenhöhe zu begegnen. Im Automobilsektor lässt sich gut beobachten, wie etablierte Unternehmen auf dem Feld der künstlichen Intelligenz durchaus erfolgreich mit neuer Konkurrenz ringen und ihr nicht kampflos das Feld überlassen. Ein ähnlicher Wettstreit steht der Finanzdienstleistungsbranche und vielen anderen Branchen noch bevor. Kunden werden in jedem Fall gewinnen – Unternehmen, die sich künstliche Intelligenz rechtzeitig zu Nutze machen, auch.

Vielen Dank für das Gespräch

Gregor Nisio ist Managing Principal bei Capco – The Capital Markets Company, einer globalen Unternehmens- und Technologieberatung mit Fokus auf die Finanzdienstleistungsbranche. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich Retail Banking sowie Digitales. Für Institute in Österreich hat er die Themen Kunden- und Multichannel-Management fachlich verantwortet. Nach dem Wechsel in die Unternehmensberatung fungiert er heute als Schnittstelle zwischen Fachbereich und IT in verschiedenen Implementierungsprojekten.